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Overtourism in Tibet – weil chinesischer Inlandstourismus boomt

  • Durch die Corona-Pandemie ist das Reisen weltweit noch eingeschränkt, viele Länder forcierten deshalb den Inlandstourismus.
  • Für historische Stätten in Tibet hat das nun Folgen, denn 2020 nahm der Tourismus dort um 12,6 Prozent zu.
  • Sie sind dem Ansturm der vielen chinesischen Touristen und Touristinnen nicht gewachsen.
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Lhasa. Weniger Auslandsreisen, mehr Erkunden im Inland. In der Corona-Pandemie hat sich dieser Trend schnell entwickelt und wurde von vielen Ländern sogar forciert, um den Wirtschaftssektor wiederzubeleben. Doch nicht alle Orte sind dem gewachsen. In Tibet leiden historische Stätten und Umwelt unter dem Massenandrang von chinesischen Urlaubern und Urlauberinnen, berichtet „Al Jazeera“.

Die Zahl der Besuchenden an einzelnen Stätten musste inzwischen sogar begrenzt werden. So sind im Potala-Palast, dem ehemaligen Sitz des Dalai Lama, nur noch 5000 Gäste und Gästinnen täglich erlaubt. „Die größte Herausforderung für uns ist die Balance zwischen dem Schutz und der Nutzung der Kulturdenkmäler“, sagte Gonggar Tashi, Hauptverwalter des Potala-Palastes, dem Sender.

Tibet in der Corona-Pandemie: Anzahl der Reisenden steigt um 12,6 Prozent

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So gebe es zwar Anfragen von Millionen von Touristen und Touristinnen, die sich den Palast anschauen wollten, aber mit jedem Besuch schreitet auch die Abnutzung historischen Bauwerke voran. Eine Begrenzung könne deshalb notwendig werden. Auch andernorts musste man schon zu solchen Mitteln greifen: Durch den Overtourism am Machu Picchu in Peru vor Corona war auch dort die Substanz der heiligen Maya-Stätte bedroht, der Zugang wurde zum einen durch eine eingeschränkte Besuchsanzahl, zum anderen durch eine Zeitgrenze beim Besuch reglementiert.

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Tibet war indes bis vor Kurzem noch nicht auf der Liste der beliebtesten Reiseziele zu finden. Bis Corona kam. Denn während die meisten Länder und Regionen weltweit durch die Reiserestriktionen und die Pandemie eher Einbußen hatten, zeigte sich in Tibet ein gegensätzlicher Trend: Die Anzahl der Touristen und Touristinnen in dem autonomen Gebiet unter Verwaltung Chinas ist 2020 um 12,6 Prozent gestiegen, berichtet Ge Lei, stellvertretender Direktor der China Tourism Marketing Association, gegenüber „Al Jazeera“.

Chinas Strategie, den Inlandstourismus zu forcieren, sorgt für Probleme

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12,6 Prozent mehr Tourismus – das gab es sonst nirgendwo! Selbst in den Urlaubsregionen, die sehr gut durch die Pandemie gekommen sind, dazu zählen etwa Cancún in Mexiko sowie die zu Tansania gehörende Insel Sansibar, war das Tourismusniveau von vor Corona nicht erreicht worden.

Der Grund für den Anstieg ist recht einfach zu erklären. Ausländische Reisende können es nicht sein – denn China hat seine Landesgrenzen seit mehr als einem Jahr für Touristen und Touristinnen geschlossen. Es ist vor allem der Inlandstourismus, der für die Probleme in Tibet sorgt. Denn während 2019, also vor Ausbruch der Pandemie, laut Statista noch 169,2 Millionen Auslandsreisen gezählt wurden, brach dieser Bereich 2020 ein.

Tibeter klagen über respektloses Verhalten von chinesischen Reisenden

Stattdessen urlaubten die Chinesen und Chinesinnen im eigenen Land. Und das offenbar bevorzugt in Tibet. Bewohner und Bewohnerinnen hatten sich bereits im vergangenen Jahr immer wieder darüber beschwert, dass chinesische Reisende Traditionen, Kulturen und Werte Tibets nicht respektieren würden, etwa im Bezug auf religiöse Stätten, berichtet Emily Yeh, Geografie-Professorin an der Universität von Colorado Boulder, der „Daily Times“. Während Tibet nur dreieinhalb Millionen Einwohner und Einwohnerinnen zählt, kamen alleine 2020 35 Millionen chinesische Touristen und Touristinnen – also zehnmal so viele, berichtet „Channel News Asia“.

Experten und Expertinnen gehen davon aus, dass die Zahlen noch deutlich steigen werden: Ge Lei erwartet, dass sich die Zahl der Besuchenden in Tibet bis 2026 fast verdoppeln wird, mit 60 Millionen Reisenden rechnet er. Deshalb sei es wichtig, Kultur und Umwelt zu schützen. Orte müssten ihren Charme und ihre Bedeutung behalten, die touristische Infrastruktur deshalb nur langsam ausgebaut werden. Lei fordert eine Strategie: „Es wird schwer sein, die Ökologie und Kultur Tibets zu schützen, wenn wir keinen langfristigen Plan haben“, sagte er „Al Jazeera“. „Deshalb ist es sehr wichtig, eine Reihe von Werten und Verhaltensregeln für das Reisen in Tibet festzulegen, während wir die Anlagen bauen.“

RND/msk

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