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Kreuzfahrten in Pandemie-Zeiten: “2021 sind wir da, wo wir 2019 gewesen sind”

  • Der Chef der Kreuzfahrtmarken Costa und Aida, Michael Thamm, ist optimistisch, dass die Branche schon im nächsten Jahr wieder auf Vorkrisenniveau ist.
  • Mit umfangreichen Tests will die Gruppe sicherstellen, dass sich weder Gäste noch Besatzung infizieren.
  • Individuelle Landgänge soll es aber auf absehbare Zeit nicht mehr geben – sondern stattdessen abgeschottete, geführte Touren, sagt Thamm im Interview.
Andreas Ebel
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Rostock. Herr Thamm, Sie sind seit 30 Jahren in der Kreuzfahrtbranche. In dieser Zeit schien es nur eine Richtung zu geben, die Reedereien eilten von Erfolg zu Erfolg. Die Pandemie nun bedeutet einen unvergleichlichen Einbruch. Macht Ihnen das Geschäft noch Spaß?

Absolut. Die Anfänge von Aida waren ja auch nicht einfach. Von 2012 bis 2015, nach der Havarie der Costa Concordia, war ich für Costa in Italien, auch das war nicht leicht. Ich habe dennoch immer Lust gehabt – und ich bin insgesamt sehr optimistisch, was unsere Branche und unser Unternehmen betrifft.

24 Ihrer 26 Schiffe sind derzeit außer Dienst, europaweit steigen die Infektionszahlen, ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht. Worauf gründen Sie ihren Optimismus?

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Reisen ist ja ein wesentlicher Teil unserer DNA – und auch eine Pandemie wie diese wird das nicht grundsätzlich ändern. Die Welt wird die Pandemie besiegen. Ich sehe keinen Grund, warum wir nicht in die Vor-Krisen-Situation zurückgehen können. Im zweiten Halbjahr 2021 werden wir sicher wieder da sein, wo wir 2019 gewesen sind.

“Die Menschen sind dankbar”

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Sind Kreuzfahrten zu Corona-Zeiten noch wirkliche Kreuzfahrten?

Absolut, ja. Die Costa Diadema und die Costa Deliziosa sind derzeit im Mittelmeer unterwegs. Wir haben noch nie eine so hohe Gästezufriedenheit gehabt wie auf diesen Reisen. Die Menschen sind dankbar, sie vertrauen den Sicherheitsmaßnahmen, die wir mit Hilfe der italienischen Regierung eingeführt haben. Ich hatte vor 14 Tagen selbst ein Treffen mit dem italienischen Premierminister – die Gäste, die Politik, die Mitarbeiter, alle wollen, dass wir wieder fahren.

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Wirklich alle? Venedig war vor der Pandemie das Symbol für Overtourism, für die Belastung durch zahlreiche Kreuzfahrtschiffe und die Massen an Touristen. Im Lockdown hat sich die Natur erholt. Wollen Sie wirklich zu der Zeit vor Corona zurück?

Das ist ein sehr emotionales Thema, ich war gerade beim Bürgermeister von Venedig. Die Stadt wünscht sich die Kreuzfahrer zurück. Tausende Jobs hängen daran und die Kreuzfahrer machen nur 10 Prozent des Tourismus in der Lagunenstadt aus.

Zu Beginn der Pandemie wurden Kreuzfahrtschiffe zu Symbolen der Infektionsgefahr. Wie verhindern Sie jetzt Ansteckungen an Bord?

Alle unsere 26 Schiffe sind hundertprozentig clean. Wir testen ganz intensiv. 25 Prozent der Crew wird reihum jede Woche getestet. Wir haben viel in Technologie investiert und uns Partner ins Boot geholt. Die Passagiere absolvieren einen Antigentest, bevor sie an Bord gehen – die Ergebnisse sind schon in einer halben Stunde da. An Bord gibt es Maskenpflicht, die auch hundertprozentig akzeptiert wird. Und ich finde, das tut dem Kreuzfahrterlebnis auch keinen Abbruch.

“Unsere Leute wollen arbeiten”

Ihre Mitarbeiter sorgen sich, ob ihr Geschäftsmodell noch Zukunft hat. Sie beschäftigen 20.000 Menschen.

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Und dazu trägt die Costa-Gruppe jedes Jahr 3,8 Milliarden Euro zum Bruttosozialprodukt bei, ungefähr 0,1 Prozent des deutschen Bruttosozialprodukts. Was mich stark berührt: Wir haben im Moment 1000 Leute in Kurzarbeit – und mit jedem Schiff, das wir wieder in den Service zurückbringen, können wir Leute zurückbringen. Unsere Leute wollen arbeiten.

Haben Sie einen Zeitplan, wann alle Schiffe wieder fahren?

Wir wollen, dass im April alle 26 Schiffe – plus dem Neubau Costa Firenze sind es dann 27 – wieder fahren. Und das wird auch so kommen.

Wie stark sind die Kabinen jetzt ausgelastet?

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Wir fangen mit relativ niedriger Auslastung an und bauen das nach und nach auf. Wir gehen bis an die Grenze dessen, was mit Social Distancing machbar ist. Das ist von Schiff zu Schiff unterschiedlich, aber 70 bis 80 Prozent können wir sicher machen.

“Ab 25 Prozent Belegung macht es für ein Schiff Sinn zu fahren”

Können Sie damit Gewinn machen?

Ab 25 bis 30 Prozent Belegung macht es Sinn für ein Schiff zu fahren, statt aufgelegt zu sein. Nicht eingerechnet ist der Effekt auf den Kunden, dessen Buchungsbereitschaft natürlich steigt, wenn er sieht, dass das Schiff fährt.

Ihre Zuversicht in Ehren – aber wo sollen die Schiffe anlegen, falls auch im nächsten Jahr die Pandemie noch wütet – zum Beispiel in Spanien, einem wichtigen Ziel für Sie? Gibt es dann nur Fahrten ohne Landgang, wie es derzeit einige Anbieter vorsehen?

Nein, man kann auch mit Inzidenzraten fahren, wie wir sie heute sehen. Es gibt dann vorerst keine individuellen Landgänge – und die möchten wir auch nicht. Wir möchten, dass sich unsere Gäste in einem Umfeld bewegen, das wir organisiert haben, sodass sie geschützt sind.

Also abgeschottete Touren?

Sozusagen. Es geht natürlich auch darum, die lokalen Regelungen zu akzeptieren. In vielen Fällen gehen wir natürlich darüber hinaus. Also selbst wenn es im nächsten Jahr keinen Impfstoff geben sollte, werden wir fahren – und unseren Gästen einen tollen Urlaub bieten.

…nach dem sie dann in Quarantäne müssen, weil sie, formal betrachtet, vielleicht aus einem Risikogebiet kommen?

Wir können an Bord PCR-Tests machen – und dann kommt man nach Deutschland mit einem negativen Test zurück. Den Test, den man sonst bei Ankunft in Deutschland machen würde, könnten unsere Gäste auch an Bord machen.

“Finanziell haben wir einen ziemlich langen Atem”

Was ist denn, wenn alles nicht so ideal verläuft? Haben Sie einen Plan B? Wie lange halten Sie das durch?

Wir haben ja das große Glück, dass wir mit der Carnival Corporation eine starke Mutter haben. Wir waren auch in der Lage, in den vergangenen Monaten über Carnival noch Geld aufzunehmen. Trotzdem müssen wir natürlich mit den Mitteln haushalten und überlegen, wofür wir das knapp bemessene Geld ausgeben – im Zweifel immer für die Mitarbeiter, würde ich sagen. Wir haben zum Beispiel in Deutschland und Italien niemanden entlassen müssen, obwohl die Schiffe jetzt schon seit März stillliegen. Finanziell haben wir einen ziemlich langen Atem.

Die Schiffe müssen umweltfreundlicher werden – auch das war vor der Pandemie ein großes Ziel. Kommt das durch Corona ins Stocken?

Die Mittel für Forschung und Entwicklung sprudeln nicht so üppig wie vor der Krise. Das wird auch jeder verstehen. Wir sehen uns das jetzt alles sehr genau an – aber die langfristige Entwicklung haben wir nie gestoppt. Wir wollen 2040 ein carbonneutrales Unternehmen sein – und das setzt voraus, dass wir in der nächsten Dekade auch ein emissionsfreies Schiff auf den Markt bringen. Es wird diese Schiffe geben, und ich wage die Prognose, dass Aida da voranmarschieren wird.

Das heißt, die Werftarbeiter können beruhigt sein?

Solange wir 26 Schiffe haben, von denen die meisten nicht fahren, und noch vier Schiffe in den Orderbüchern, kann ich nicht sagen, dass wir morgen ein neues Schiff bestellen werden. Aber wenn wir uns in einem Jahr unterhalten, werden wir in einer anderen Situation sein. Wir haben vor der Krise ja bewiesen, dass wir Geld verdienen können, und das können wir nach der Krise auch – und dann werden wir in der Lage sein, wieder zu investieren.

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