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Tourismusforscher: „Rechne mit einem großen Nachholeffekt im Sommer“

  • Sommerurlaub, Städtetrip und Skireise – all das war im Jahr 2020 nur stark eingeschränkt möglich.
  • Reiseforscher Jürgen Schmude rechnet zwar mit einem großen Nachholeffekt – aber nur in Deutschland und den Nachbarländern.
  • Warum, das erklärt er im RND-Interview.
Leonie Zimmermann
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Lockdown, Hygieneregeln und Maskenpflicht: An Reisen ist in Zeiten der Pandemie für viele Menschen kaum zu denken. Für welche Unternehmen in der Tourismusbranche lief das Reisejahr 2020 am schlimmsten? Und wie verändert sich die Art und Weise, wie wir Urlaub machen, durch die Krise? Reiseforscher Jürgen Schmude, Professor für Tourismuswirtschaft an der Universität München, gibt im RND-Interview Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um Reisen während und nach der Pandemie.

Herr Schmude, Sie erforschen seit Jahren unser Reiseverhalten. Nun ist es an der Zeit, eine Bilanz dieses Jahres zu ziehen: Wie geht es der Reisebranche aktuell?

Die Coronavirus-Pandemie hat nicht alle Leistungsträger in der Reisebranche gleichermaßen getroffen. Besonders die Reiseveranstalter, Reedereien und Airlines leiden unter der Krise, während die Destinationen zwischendurch teilweise sogar aufatmen konnten. Insgesamt geht es der Branche derzeit aber sehr schlecht. Experten gehen davon aus, dass zwei Drittel des Jahresumsatzes in der Branche nicht erreicht werden.

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Reiseforscher Jürgen Schmude. © Quelle: Privat/Jürgen Schmude

Viele Experten haben mit einer regelrechten Insolvenzwelle in der Branche gerechnet. Etwas Vergleichbares war allerdings bisher noch nicht zu beobachten. Haben wir die schlimmsten Folgen etwa abgewendet?

Die prognostizierte Insolvenzwelle von Reisebüros erwartet uns voraussichtlich kommendes Jahr noch. Aber auch andere Branchen sind schwer getroffen, etwa die Gastronomie. Hier rechnen Experten damit, dass jeder dritte Gastronom die Krise nicht überstehen wird.

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Das klingt recht düster. Gibt es denn auch einen Hoffnungsschimmer für die Reisebüros?

Reisebüros wurden schon oft totgesagt, haben aber bisher jede Krise überlebt. Aktuell gibt es in Deutschland rund 10.000 Reisebüros, und viele von ihnen werden auch diese Hürde meistern. Wie viele es am Ende bleiben, ist allerdings unklar. Es gibt allerdings bereits eine positive Entwicklung in diesem Sinne: Die Leute buchen wieder mehr in Reisebüros statt auf Onlineportalen, um im Notfall einen Ansprechpartner zu haben.

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Die jüngsten Umfragen zeigen allerdings auch: Die Deutschen sind sehr zögerlich geworden, wenn es um ihre Reiseplanung für das nächste Jahr geht.

Die Sehnsucht nach der Ferne ist nach wie vor da. Was sich verändert hat, ist nur die Reisebereitschaft der Menschen. Das liegt daran, dass die meisten Verbraucher zutiefst verunsichert sind und Sicherheitsbedenken haben.

Kann man sagen, ob und wann wir wieder reisen werden wie vor der Krise?

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Es wird dauern, bis wir wieder unbeschwert reisen werden, wir müssen uns erst langsam wieder herantasten. Das bedeutet, dass sich das Reiseverhalten auch mittelfristig ändert. Viele Leute haben etwa Deutschland als Reiseziel neu entdeckt. Das wird auch im kommenden Jahr erst mal das Hauptreiseziel bleiben.

Der Impfstoff wird von vielen Wissenschaftlern, Politikern und Medizinern als der Weg aus der Krise beschrieben. Wird uns dadurch die Welt auch wieder offenstehen?

Es wird nicht ausreichen, wenn nur in Deutschland geimpft wird. Für Reisen ist auch die Impfsituation in Urlaubsländern wichtig. Mit einer Impfpflicht rechne ich allerdings nicht. Es kommt ja auch darauf an, ob der Impfstoff wirkt. Davon gehe ich mal optimistisch aus. Aber stell sich mal einer vor, es gäbe erste Nachrichten von negativen Folgen durch die Impfung – das würde Chaos bedeuten.

Im Zusammenhang mit dem Impfstoff und steigenden Temperaturen rechnen viele Experten mit einem Nachholeffekt im Sommer. Wie schätzen Sie das ein?

Ich rechne schon mit einem großen Nachholeffekt im Sommer, allerdings beschränkt auf Deutschland und die Nachbarländer, in denen die Infektionszahlen einen sicheren Urlaub zulassen. Deutsche Urlaubsziele bereiten sich bereits jetzt auf den Boom vor, der sie in diesem Jahr teilweise überrannt hat. Bei Auslandsreisen wird es immer auch darum gehen, dass man im Notfall auf dem Landweg wieder nach Hause kommt.

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Abgesehen von den Reisezielen, was von den Veränderungen in diesem Jahr wird bleiben?

Die naturverbundenen Reisen werden uns wohl noch länger begleiten. Durch die Pandemie hat der Fahrradmarkt geboomt, es wurden rekordverdächtig viele Wohnmobile und Kleinbusse verkauft. Alles was mit Natur zu tun hat, wird auch weiter beliebt bleiben.

Das wäre ja ein Schritt zu mehr Nachhaltigkeit auf Reisen. Ist das ein Trend, den Sie sonst auch beobachten?

In einer Umfrage haben rund 30 Prozent der Deutschen angegeben, ihr Reiseverhalten künftig verändern zu wollen. Umsetzen werden das letztendlich wahrscheinlich etwas weniger Leute, aber selbst wenn nur die dann nachhaltiger reisen, ist das doch schon ein Gewinn.

Natururlaub ist allerdings aktuell in Deutschland auch nicht wirklich möglich. Skigebiete haben geschlossen und Hotels dürfen keine Touristen beherbergen. Wie beurteilen Sie diese Maßnahmen?

Es ist schwierig, wenn nicht alle Menschen mitziehen. Zum Beispiel bei den Skigebieten: Die sind geschlossen, aber Schneeschuhe und Tourenski verkaufen sich in diesem Jahr gut, weil viele Skifahrer auf frei zugängliche Gebiete ausweichen. Als Naturräume kann man die nämlich nicht beschränken.

Dadurch sind die Nationalparks dieser Tage gut besucht. Während ein Urlaub in unserem Land nicht möglich ist, haben einige Urlaubsländer ihre Grenzen allerdings geöffnet. Aber ist Reisen während der Pandemie überhaupt vertretbar?

Grundsätzlich schon, aber: Mobilität bedeutet immer eine erhöhte Infektionsgefahr, soviel wissen wir mittlerweile. Und im Urlaub halten sich viele Menschen nicht an alltägliche Regeln, weil sie einfach eine Auszeit nehmen wollen, und das verträgt sich nicht mit Hygieneregeln und Einschränkungen.

All das klingt danach, als müssten wir noch eine Weile mit Fernweh leben. Was macht das mit uns?

Diese Einschränkungen und der Verzicht auf das Reisen schärfen unser Bewusstsein dafür, wie wertvoll unsere Reisefreiheit vor der Krise war. Dadurch steigt auch die Wertschätzung für künftige Reisen und das Bewusstsein dafür, dass vielleicht nicht jeder Wochenendtrip mit dem Flieger notwendig ist. Wir werden nach der Pandemie viel intensivere Urlaube erleben.

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