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DJH-Chef: “Jugendherbergen noch nie so in ihrer Existenz bedroht”

  • Die Idee der Jugendherberge ist schon 111 Jahre alt.
  • Doch wegen der Corona-Krise stecken die 450 Häuser in Deutschland in ihrer vielleicht tiefsten Krise.
  • Julian Schmitz, Geschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerks, spricht im RND-Interview über aktuelle Sorgen, neue Konzepte und alte Klischees.
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Die Idee der Jugendherberge ist 111 Jahre alt – was macht das Konzept für Sie persönlich aus?

Beim Konzept der Jugendherberge geht es nicht darum, ausschließlich ein Dach über dem Kopf zur Verfügung zu stellen. Wir wollen auch Impulsgeber sein, für eine offene Weltsicht und Werte einstehen. Dazu zählte auch schon sehr früh, Menschen aus anderen Ländern willkommen zu heißen – nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat man so versucht, die Völkerverständigung zu unterstützen. Diese Idee ist auch heute wieder ganz aktuell. Viele Jugendherbergen fordern mit Blick auf die Situation in Moria: Rettet diese Menschen, wir haben Plätze frei und wollen helfen. Dass so etwas aus einem Selbstverständnis kommt, das 111 Jahre alt ist, finde ich beeindruckend. Auf der anderen Seite sind die Jugendherbergen immer mit der Zeit gegangen, nicht immer unter einfachen Bedingungen. Auch wenn es nicht immer schneller Wandel war, wurde letztendlich immer der Zeitgeist erkannt. Auch diese Flexibilität macht für mich den Reiz aus.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerks, Julian Schmitz. © Quelle: DJH
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Und das Thema Jugendherberge ist ja auch eines, zu dem jeder eine Geschichte beitragen kann.

Ja, genau! Sie handeln zum Beispiel vom ersten Kuss, den man in einer Jugendherberge auf Klassenfahrt bekommen hat. Oder davon, dass man das erste Mal ohne Eltern weg war. Oder die erste Nacht seines Lebens durchgemacht hat. Jeder hat seine ganz eigene Geschichte. Das macht es für uns als DJH so spannend: Wir können mit der Vergangenheit spielen und trotzdem für die Zukunft die gleichen Erlebnisse produzieren.

Die Jugendherbergen haben in 111 Jahren viele Krisen miterlebt – Weltkriege, Wirtschaftskrisen, Währungsreformen. Was ist an der Corona-Krise anders?

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Auch vorherige Krisen haben die Menschen hart getroffen. Aber der Wirtschaftsbereich des Reisens und der Beherbergung, auch die Jugendherberge, war nie so in seiner Existenz bedroht, wie es heute der Fall ist. Und dann ist da diese Unwägbarkeit. Vieles geschieht bei uns aktuell planerisch mit Blick in die Glaskugel. Ich glaube, andere Krisen ließen sich ein Stück weit besser managen und benennen.

Wie geht es den Jugendherbergen in Deutschland ganz konkret aktuell?

Das Statistische Bundesamt hat mitgeteilt, dass Jugendherbergen und Hütten im Juni knapp 83 Prozent weniger Gäste hatten. Das haben wir ganz deutlich gemerkt, das merken wir auch heute noch. Aber wir als Gesamtverband schauen ein Stück weit positiv auf die Sommermonate zurück, in denen wir wieder öffnen durften. Das hat den Kolleginnen und Kollegen ein Stück Euphorie zurückgebracht.

Blick in das Zimmer einer Jugendherberge in Osnabrück. © Quelle: Friso Gentsch/dpa

Wie viel konnte der Sommer denn retten?

290 von unseren 450 Häusern hatten in der Hochzeit der Sommerferien geöffnet, das ist ein Lichtblick. Neben Häuser in den touristischen Zentren – an der Küste oder den Mittelgebirgen – haben auch die Jugendherbergen im “Grünen” profitiert, da war der Wunsch nach Familienurlaub deutlich zu sehen. So konnten wir zumindest eine minimale Existenzsicherung erzielen. Aber der aktuelle Status quo ist weit weg von dem, was es wirtschaftlich bräuchte.

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Im Herbst und Winter wird es vermutlich nicht leichter – Klassenfahrten finden zum Beispiel kaum statt. Wie geht es Ihnen mit Blick auf die kommenden Monate?

Über die Wintermonate geht es ins Eingemachte. Da fehlen uns ganz massiv Schulfahrten, Seminarfahrten und Gruppenfahrten wie die klassische Chorreise. Für die wäre aktuell Hauptreisezeit, diese Zielgruppen sind aktuell aber aufgrund der Beschränkungen nicht in gewohntem Maße unterwegs. Gleichzeitig reisen weniger Familien. Diese Situation macht uns Sorgen, denn wir machen ungefähr 40 bis 50 Prozent des Jahresumsatzes mit Schul- und Klassenfahrten.

Mit welchen Folgen rechnen Sie?

Ich rechne damit, dass wir unser Netz wieder reduzieren müssen. Das könnte vor allem Häuser treffen, die im ländlichen Raum stehen und auf Gruppenreisen angewiesen sind. Diese Jugendherbergen lassen sich derzeit nicht betreiben. Zudem gibt es derzeit einige Häuser, die geschlossen sind und von denen wir noch nicht wissen, ob sie wieder aufmachen werden. Das liegt in erster Linie an Investitionsmaßnahmen, beispielsweise in Sachen Brandschutz, die in diesem Jahr hätten durchgeführt werden müssen. Dafür fehlte das Geld, daher wurden diese Häuser vorerst stillgelegt.

Ein leeres Zimmer in der Jugendherberge in Köln-Deutz. © Quelle: Oliver Berg/dpa
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Rechnen Sie mit einer Pleitewelle von Jugendherbergen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass das DJH die Krise überstehen wird, wir werden auch danach als Marke existieren. Inwieweit uns die Auswirkungen der Krise in den nächsten Jahren begleiten werden, kann man derzeit aber nicht verlässlich sagen.

Das DJH hatte wegen der wirtschaftlichen Notlage vor einiger Zeit eine Petition gestartet unter dem Motto #RettetJugendherbergen und einen Rettungsschirm gefordert. Sind Sie mit dem 100-Millionen-Euro-Sofortprogramm, das die Bundesregierung gestartet hat, zufrieden?

Diese Petition war ein großer Erfolg mit etwa 200.000 Unterschriften. Mit Blick auf das Programm ist es so: Momentan läuft die Antragsstellung, das läuft so weit auch ganz gut und unkompliziert. Die finale Auszahlung steht aber noch an. Erst dann lässt sich bewerten, inwiefern das Erfolg versprechend ist.

Wie gehen Sie denn nun in der Zukunft mit der Krise um – welche Konzepte hat das DJH für die Häuser?

Wir haben momentan einen recht kurzfristigen Planungshorizont aufgrund der Unabwägbarkeiten der Corona-Krise. Aber ein zentraler Punkt für uns ist, noch mehr zu zeigen, wie wichtig Klassenfahrten für Schüler sind, welchen Wert sie für das schulische und persönliche Lernen haben. Zum anderen wollen wir noch mehr Familien für uns gewinnen – gerade in Zeiten des Heimaturlaubs haben uns viele Menschen neu entdeckt. Da wollen wir die Klischees brechen und zeigen, dass man bei uns guten Urlaub für einen angemessenen Preis machen kann. Und daher auch neue Geschichten nach der Schulzeit erleben kann. In puncto Corona-Situation trägt hier ein eigenes Hygienekonzept zudem zu einem sicheren Reiseerlebnis bei.

Stichwort Klischees – da gibt es ja jede Menge in Bezug auf Jugendherbergen. Stockbetten, Hagebuttentee und Gemeinschaftsdusche.

Das Stockbett – das ist ja Klischee und Wahrheit in einem. Wir werden wohl immer Stockbetten haben, aber auch die verändern sich. Die sehen ja heute auch nicht mehr aus wie vor 20, 30 Jahren. Auch den Hagebuttentee gibt es teilweise sogar noch. Das sind so Relikte, die immer da sein werden. In puncto Sanitärmöglichkeiten zeigt uns diese Krise, dass ein eigenes Bad in den Zimmern wichtig ist. Das sind Entwicklungen, derer wir uns annehmen, um uns zukunftsgerichtet zu bewegen.

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