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Gefährdet der Tourismus das Unesco-Welterbe in Deutschland?

  • Prächtige Schlösser, pittoreske Altstädte und schützenswerte Natur: In Deutschland gibt es 46 Unesco-Welterbestätten.
  • Die Orte locken jede Menge Touristinnen und Touristen an – das hat positive Vorteile, birgt aber auch Risiken.
  • Über diese spricht Claudia Schwarz, Vorsitzende des Vereins Welterbestätten Deutschland, im Interview mit dem RND.
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Kölner Dom, Wartburg, Zeche Zollverein, Wattenmeer, die Altstädte von Quedlinburg und Bamberg: Das sind nur einige der 46 Unesco-Welterbestätten in Deutschland. Deutschland zählt mit zu den meistausgezeichneten Staaten, Spitzenreiter mit je 55 Einträgen sind Italien und China. Insgesamt gibt es weltweit mehr als 1000 dieser Kultur- und Naturstätten – darunter sind jede Menge beliebte Ausflugsziele, die auch internationale Reisende anlocken.

Einmal im Jahr findet der Unesco-Welterbetag statt: An diesem Sonntag, 6. Juni, präsentieren sich dabei auch 40 Welterbestätten in Deutschland – digital auf www.unesco-welterbetag.de und zum Teil auch wieder mit Veranstaltungen vor Ort. Welche Rolle der Tourismus beim Erhalt der Stätten spielt, erklärt Claudia Schwarz, Vorsitzende des Vereins Unesco-Welterbestätten Deutschland, im Interview.

Frau Schwarz, warum braucht es den Welterbetag?

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Es ist wichtig, dass wir einen Tag im Jahr haben, bei dem speziell das Welterbe im Fokus ist. Das generiert Aufmerksamkeit – und das merken wir von Jahr zu Jahr. Das Interesse der Öffentlichkeit ist dann größer und es bringt mehr Menschen dazu, eine Welterbestätte zu besuchen. Und die Einnahmen aus dem Tourismus tragen auch dazu bei, den Erhalt der Orte dauerhaft sicherzustellen.

Claudia Schwarz ist Vorsitzende des Vereins Unesco-Welterbestätten Deutschland. © Quelle: privat

Lockt jede Auszeichnung mehr Touristinnen und Touristen zu den Welterbestätten?

Deutschland ist vor der Corona-Krise auf europäischer Ebene das Kulturreiseland Nummer eins gewesen. Und das Unesco-Siegel gilt nicht nur im internationalen Tourismus als Qualitätsmarke – daher spielt es eine entscheidende Rolle, wenn es um Reiseentscheidungen geht. Vor allem im Jahr der Auszeichnung kommen viele Menschen an einen Ort, wenn sie erfahren, dass er nun Welterbestätte ist. Das gilt nicht nur für bekannte, sondern auch für eher unbekanntere Orte, die dadurch eine höhere Aufmerksamkeit erhalten. Ein Beispiel dafür ist die Schwäbische Alb, die „Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb“, die früher nicht so bekannt waren. Und auch für die Tourismusarbeit vor Ort hat der Titel positive Folgen.

Inwiefern?

Ich persönlich habe das an der Welterbestätte Oberes Mittelrheintal, wo ich über 40 Jahre im Tourismus tätig war, gemerkt. Der Titel im Jahr 2002 war ein Segen für die gesamte Region. Und schon auf dem Weg dorthin hat sich vieles positiv entwickelt. Vorher gab es über 40 verschiedene Organisationen, die sich mehr oder weniger mit dem gleichen Thema befasst haben. Durch die Anerkennung haben wir den Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal gegründet, dem alle Kommunen angehören. Er koordiniert, lenkt, bündelt und ist auch Impulsgeber. Als Gemeinschaft kann man viel mehr erreichen. Auch politische Entscheidungsträger fühlen sich verantwortlich für das Welterbe. Denn mit dem Titel erhält man auch den Auftrag, das Welterbe für zukünftige Generationen zu erhalten. Durch so eine Auszeichnung wird dann vieles möglich, was man vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Luftaufnahme der Burg Rheinstein – das Obere Mittelrheintal ist Unesco-Weltkulturerbe. © Quelle: imago images/Westend61

Was denn zum Beispiel?

Am Oberen Mittelrheintal hatten wir in der Folge eine Landesgartenschau in Bingen und eine Bundesgartenschau in Koblenz. Wir werden im Jahr 2029 erneut eine Buga haben – ohne Welterbetitel wäre das nie möglich gewesen. Und es wurden zum Beispiel auch Bausünden beseitigt, die sich negativ auf den Bewerbungsprozess ausgewirkt hätten.

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Das Motto des Welterbetages 2021 lautet in diesem Jahr „Solidarität und Dialog“. Was für eine Idee steckt hinter dem Motto?

Wir hatten in den vergangenen Jahren immer das Motto „Welterbe verbindet“ – das war einfacher zu transportieren. Es geht aber weiterhin darum zu zeigen: Es ist wichtig, dass wir Menschen miteinander zusammenleben, egal welcher Couleur, welcher politischen oder religiösen Gesinnung.

Gefährdet Massentourismus das Welterbe?

Bei unseren deutschen Welterbestätten haben wir das Problem nicht, wie zum Beispiel Amsterdam, Venedig oder Barcelona. Aber natürlich gibt es auch bei uns Welterbestätten, die stark besucht sind. Zum Beispiel Bamberg oder Regensburg, auch bedingt durch Flusskreuzfahrtschiffe. Aber das ist kein Massentourismus im negativen Sinn. In beiden Orten gibt es Besucherleitsysteme. Wenn ein Schiff mit 200 Gästen kommt, bildet man kleine Gruppen mit maximal 25 Personen. Eine geht nach links, die andere nach rechts – sodass keine Riesengruppen durch die Altstadt laufen. Wenn Individualtouristen ankommen, dann ist das Problem nicht so gegeben.

Es ist ganz wichtig, dass sich auch die Einwohnerinnen und Einwohner wohlfühlen in ihrem Welterbe und ihr Lebensumfeld nicht durch Touristinnen und Touristen beeinträchtigt wird. Am Ende sind ja auch sie für den Erhalt des Welterbes verantwortlich.

Welche Rolle spielt hierbei die Nachhaltigkeit?

Es ist wirklich schwierig, weil Tourismus ja vom Prinzip her nicht wirklich nachhaltig ist. Wir animieren die Menschen dazu, sich von zu Hause fortzubewegen und eine Welterbestätte aufzusuchen. Aber den Besuch kann man nachhaltig gestalten. Die Orte können für einen qualitativen Tourismus sorgen – bei dem auch der Gast erfährt, wie er sich an der besonderen Stätte verhalten sollte. Man kann Kooperationen mit der Bahn bezüglich der An- und Abreise eingehen. Oder vor Ort Elektrobusse anbieten, wie zum Beispiel in Regensburg. Auch die Digitalisierung bietet viele Möglichkeiten – so müssen nicht mehr ständig Broschüren und Prospekte gedruckt werden. Da haben wir uns alle sehr zurückgezogen. Im Oktober findet unsere Jahrestagung zum Thema „Nachhaltiges Welterbe“ statt, dort werden wir uns intensiv dazu austauschen.

Das Kreuzfahrtschiff „MSC Orchestra“ passiert am 3. Juni 2021 den Giudecca-Kanal – trotz der Zusagen der italienischen Regierungen, die riesigen Schiffe aufgrund von Sicherheits- und Umweltbedenken umzuleiten. © Quelle: Jc Viens/AP/dpa

Aktuell gibt es 46 Welterbestätten in Deutschland. Rechnen Sie mit baldigem Zuwachs?

Es gibt einige Orte auf der Tentativliste – die also eine Nominierung anstreben. Dazu zählen die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt, die Schum-Städte Speyer, Worms und Mainz, die bedeutenden europäischen Bäder des 19. Jahrhunderts mit Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen von deutscher Seite. Die Unesco-Kommission entscheidet voraussichtlich Ende Juli, wer dazukommt.

Sie sehen, da ist nach oben noch viel offen. Wir hatten eigentlich gehofft, dass bei 50 Welterbestätten in Deutschland mal Schluss ist – aber der Titel weckt doch große Begehrlichkeiten.

Besteht das Risiko der Beliebigkeit?

Es darf nicht inflationär werden! Der Welterbetitel ist eine besondere Auszeichnung und das soll er auch bleiben – aber da bin ich auch optimistisch.

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