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Fachkräfte aus dem Ausland, Flugpläne entzerren

Können die Pläne der Bundes­regierung gegen das Flugchaos helfen?

Flugreisende sitzen mit ihren Koffern in einem Wartebereich im Terminal 1 im Airport Hamburg. (Symbolbild)

Flugreisende sitzen mit ihren Koffern in einem Wartebereich im Terminal 1 im Airport Hamburg. (Symbolbild)

Die Bundes­regierung will als Abhilfe für die akuten Personal­engpässe an deutschen Flughäfen den kurz­fristigen Einsatz ausländischer Beschäftigter erleichtern. „Wir ermöglichen, dass die Unternehmen Hilfskräfte aus dem Ausland, vor allem aus der Türkei, einsetzen können“, sagte Bundes­innen­ministerin Nancy Faeser (SPD) am Mittwoch in Berlin nach abgestimmten Vorschlägen der Regierung. Arbeits­minister Hubertus Heil (SPD) sagte, nach Angaben der Branche gehe es um einige tausend Arbeits­kräfte, die an Flughäfen in der Türkei derzeit nicht gebraucht würden.

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Der Haupt­geschäfts­führer des Flughafenverbandes ADV, Ralph Beisel, begrüßte den Vorstoß: Er bedanke sich bei der Bundes­regierung, dass sie „schnell und unbürokratisch den Weg freigeräumt hat, um die dringend benötigten Arbeits­kräfte in unser Land zu holen“, sagte er. Dies sei ein wichtiger Schritt, damit Dienst­leister und Flughäfen in den operativen Bereichen Saison­fachkräfte beschäftigen können.

Warnstreik und Ferienbeginn sorgen für längere Warte­zeiten am Flughafen in Hamburg

Am Hamburger Flughafen ist es schon am frühen Morgen zu längeren Warte­zeiten vor den Sicherheits­kontrollen gekommen. Die Passagiere sind überrascht und genervt.

Können die Fachkräfte das Chaos im Sommer beenden?

Die Hilfskräfte sollen befristet bei den jeweiligen Boden­dienstleistern zu Tarif­löhnen angestellt werden und etwa bei der Gepäck­­abfertigung, den Sicherheits­kontrollen oder beim Check-in einspringen. Doch das Chaos werden sie wohl nicht lösen können. Thomas Richter, Chef des Arbeitgeber­verbands der Boden­abfertigungs­dienstleister im Luftverkehr (ABL), sagte gegenüber N-TV. „Es löst nicht das Problem, aber es hilft mit Sicherheit.“

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Das erste Problem ist die Zeit: Die Fachkräfte können nicht ad hoc eingestellt werden. Erst einmal muss das Personal gefunden werden, dann müssen die Menschen Visa erhalten und außerdem eine mehrwöchige Sicherheits­überprüfung durchlaufen. „Wenn alle Rädchen so ineinander­greifen, wie uns das in Aussicht gestellt wurde, könnten die ersten Saison­arbeitskräfte in vier Wochen einsatzbereit sein“, sagte ADV-Haupt­geschäfts­führer Ralph Beisel.

Dies würde sogar eine deutliche Beschleunigung bedeuten. Kürzlich hatte Beisel im Gespräch mit dem RND noch gesagt, die nötige Sicherheits­überprüfung dauere sechs bis acht Wochen, daher lasse sich die Personal­lücke nicht so schnell schließen. Warum es nun doch schneller klappen könnte? Auf Nachfrage hat das RND hierzu noch keine Antwort erhalten.

Das zweite Problem ist der Einsatzort: Personal, das schnell einspringen soll, braucht auch Schulungen, wenn es kritische Aufgaben am Flughafen übernimmt, wie beispielsweise die Kontrolle von Gepäck. Schulungen für Flughafen­personal bietet unter anderem die Dekra-Akademie an. Ob es dort Kapazitäten für neu auszubildende Hilfskräfte gibt und wie realistisch das von der Regierung geplante Vorgehen ist, will die Dekra nicht beantworten.

Der Flughafen­verband ADV erwartet, dass die Fachkräfte vor allem auf dem Vorfeld eingesetzt werden. „Das löst aber nicht die Probleme an der Sicherheits­kontrolle und am Check-in.“

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Koffer-Chaos am Hannover-Airport. Die Situation bleibt schwierig.

Kofferchaos am Hannover-Airport. Die Situation bleibt schwierig.

So oder so: Frühestens Ende Juli oder Anfang August können die ersten Fachkräfte eingesetzt werden. Die ersten großen Reise­wellen sind dann passé. NRW ist bereits in den Ferien, zehn weitere Bundes­länder starten Anfang oder Mitte Juli in die Sommer­ferien. Bundes­länder wie Bayern, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg mit dem späten Ferien­beginn Ende Juli/Anfang August werden deshalb wohl mehr von der Aktion haben.

Für die Reisezeit im September, die vor allem von Menschen ohne schulpflichtige Kinder genutzt wird, könnte es dann Entspannung geben.

Können die Stoßzeiten reduziert werden?

Wichtig sei Bundes­innen­ministerin Faeser zufolge zudem, „Peakzeiten zu vermeiden und so den Flugverkehr etwas zu entzerren“. Flughäfen müssten dann ihre lukrativsten Spitzen­zeiten­slots, beispielsweise früh morgens, auf den Tag verteilen. Folge: weniger Einnahmen, aber auch weniger Chaos. ADV-Geschäfts­führer Beisel sagte zum RND, dass es vor allem wegen der Konzentration der Flugpläne auf wenige Spitzen­stunden Probleme gebe. Besonders zu diesen Peaks komme es zu Engpässen – „und das ist sehr unschön für alle Reisenden“.

Dass die Flughäfen hier kurz­fristig noch deutlich mehr entzerren, ist unwahrscheinlich. „Unter Einbezug aller betroffenen Akteure wurden und werden Möglichkeiten der Glättung von Spitzen bereits genutzt“, teilt die für die Zuteilung der Start- und Lande­zeiten zuständige Flughafen­koordination Deutschland (Fluko) dem RND mit.

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Flugreisende stehen vor den Check-in-Schaltern in Terminal 1 am Airport Hamburg. Mit dem Beginn der Sommer­ferien in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg erwartet der Flughafen der Hansestadt einen Ansturm von Passagieren.

Flugreisende stehen vor den Check-in-Schaltern in Terminal 1 am Airport Hamburg. Mit dem Beginn der Sommer­ferien in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg erwartet der Flughafen der Hansestadt einen Ansturm von Passagieren.

Spitzen­zeiten würden sich unter anderem aus der Nachfrage, möglichst optimalen Umsteige­möglichkeiten, Flughafen­öffnungszeiten, Umlauf­plänen von Flugzeugen und Crews sowie Zeitverschiebungen im internationalen Langstrecken­verkehr ergeben. Aufgrund dieser Restriktionen könnten die betroffenen Flüge beziehungsweise Peakzeiten nicht beliebig auf den Tag verteilt oder abgesenkt werden, ohne dass zum Beispiel weitere Flüge als Folge dessen abgesagt werden müssten oder die entsprechenden Kapazitäten zu anderen Zeiten am Zielflughafen nicht zur Verfügung stünden. „Da, wo es möglich ist, tun wir jedoch bereits heute alles, den Fluggesellschaften alternative Slots anzubieten“, so die Fluko.

Am Flughafen Frankfurt wird bereits seit Ostern und bis in den Oktober die Anzahl der Flüge reduziert, um die Peakzeiten zu entzerren. Die maximale Anzahl an Starts und Landungen pro Stunde sei um etwa 10 Prozent gesenkt worden, so die Fluko. „Auf diese Weise konnten Zustände wie zum Beispiel in Amsterdam und London vermieden werden.“

Auch die Boden­abfertigungs­dienste in Deutschland befürworten eine Entzerrung der Spitzen­lasten. Denn: „Über den ganzen Tag gesehen, besteht grundsätzlich überall kein Personal­mangel. Dieser existiert jedoch für die Zeiten, an denen besonders viele Landungen und Starts stattfinden“, schreibt der Abfertigungs­verband der Boden­verkehrs­dienstleister im Luftverkehr (ABL) in einem Positions­papier, das dem RND vorliegt. Das vorhandene Personal sei zu den Peaks „überlastet beziehungsweise in zu geringerer Anzahl vorhanden“. Zu den verkehrs­ärmeren Zeiten hingegen seien die Mitarbeitenden nicht ausgelastet.

Der Verband kritisiert außerdem die Kommunikations­prozesse: „Zusätzlich kommt verschärfend hinzu, dass Airlines zwar an Flughäfen teilweise Slots beantragen müssen aber die Dienst­leister nicht angefragt werden müssen, ob für zusätzliche, nachkoordinierte Flüge Personal zur Verfügung steht.“ Ein Verfahren, um derartige Situationen künftig zu vermeiden, solle gemeinsam zwischen Airlines, Flughäfen und Dienstleistern entwickelt werden, fordert der ABL.

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