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Fernweh trifft auf Unsicherheit: Wie Reiseträume sich während Corona verändert haben

  • Die Sehnsucht nach Ferne ist groß, doch die Unsicherheit noch nicht verschwunden.
  • Eine Psychologin erklärt, was diese Gefühle bedeuten.
  • Und sie erklärt, warum es wichtig ist, Reiseträume umzusetzen.
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Graz. Die Psychologin Barbara Horvatits-Ebner reist leidenschaftlich gerne. Am liebsten in Italien, Portugal und ihrem Heimatland Österreich. Auf ihrem Blog Reisepsycho schreibt sie seit einigen Jahren über ihre persönlichen Erfahrungen unterwegs. Dabei bringt die 34-Jährige immer wieder ihr Fachwissen ein – etwa wenn es um die Frage geht, ob Reisen Therapie sein kann.

Im Interview spricht die Reiseexpertin darüber, was einen gelungenen Urlaub ausmacht – und warum ausgerechnet die Pandemie ein guter Anlass ist, sich dem Fernweh hinzugeben.

Ihr Reisetraum wurde inspiriert durch Goethes Buch. Sie haben beschlossen, sich auf eine eigene Italien-Reise auf Goethes Spuren zu begeben. Was hat Sie an Goethes Reise so fasziniert?

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Horvatits-Ebner: Das Buch hat in mir den Wunsch ausgelöst, auch eine solche Reise zu unternehmen. Aber einmal quer durch Italien reisen? Ich dachte, ich hätte niemals Zeit dafür, bevor ich in Pension bin.

Als ich mir dann 2018 ein Sabbatjahr ermöglichen konnte, war das wie ein Geschenk an mich selbst. Ich war schon immer ein großer Italien-Fan, und diese Reise hat sich angefühlt wie eine Reise zwischen den Zeiten. Zwei Monate war ich auf Goethes Spuren unterwegs. Es war faszinierend, Parallelen zwischen seiner und meiner Reise zu ziehen.

Wer sich nicht an seinem Lieblingsdichter orientiert, sucht Reiseinspiration wohl meistens im Katalog oder in sozialen Medien. Wie lässt sich herausfinden, welche Reise am besten zu einem passt?

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Horvatits-Ebner: Was einem am besten gefällt, hängt sehr von den eigenen Vorlieben ab. Aber gerade in sozialen Medien entsteht oft ein Hype, wie aktuell rund um das Verreisen mit Van. Wir Menschen wollen Teil einer Gruppe sein. Deswegen ist es normal, dass viele bei Trends mitmachen. Man sollte aber immer hinterfragen, wie groß der persönliche Nutzen bei einer bestimmten Art von Reise ist.

Wie lässt sich dieser Nutzen bestimmen?

Horvatits-Ebner: Zunächst muss man sich fragen, was man sich von dem Urlaub erhofft. Soll es ein Abenteuerurlaub mit viel körperlicher Auslastung etwa beim Klettern oder Rafting sein? Oder möchte man sich einfach nur am Strand erholen?

Dazu kommen verschiedene Faktoren als Gradmesser. Ein entscheidender Punkt ist oft das Klima: Wenn man unbedingt die Nordlichter sehen möchte, aber eine totale Frostbeule ist, sollte man sich davor gut überlegen, ob man damit zurechtkommt, womöglich die ganze Zeit zu frieren. Für viele sind bei der Reiseentscheidung aber auch Aspekte wie Nachhaltigkeit oder politische Strömungen relevant.

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Welchen Einfluss haben die vergangenen Monate voller Einschränkungen auf unsere Einstellung zum Reisen und auf Reiseziele?

Horvatits-Ebner: Die Studienlandschaft ist dazu bisher noch recht dünn. Was sich aber eindeutig abzeichnet: Viele Menschen bewerten Sicherheit aktuell als wichtigstes Kriterium bei Reisen. Fernreisen sind daher noch weniger ein Thema – die meisten bleiben im Inland oder reisen in Nachbarländer. Die Komfortzone wird erst langsam wieder ausgeweitet, denn niemand weiß, wie die Beschränkungen morgen aussehen. Besonders bei Hotels haben viele Menschen noch Angst, sich anzustecken und entscheiden sich deshalb häufig für Ferienwohnungen.

Hat das Nicht-reisen-können das Fernweh verstärkt?

Horvatits-Ebner: Ja, das Thema Fernweh ist definitiv größer geworden. Davor hatte Fernweh mehr einen symbolischen Charakter. Denn wenn die finanziellen Möglichkeiten vorhanden waren, war die Traumreise meist nur ein paar Klicks entfernt. Echte Sehnsucht kann aber nur entstehen, wenn das Ziel fern liegt. Durch den Lockdown waren wir plötzlich mit einer solchen Ferne konfrontiert. Es war ein schreckliches Gefühl, dieser Ohnmacht ausgesetzt und nicht mehr handlungsfähig zu sein.

Ein Luxusproblem, könnte man sagen.

Horvatits-Ebner: In Bezug auf die Gesellschaft ist es sicher ein Luxusproblem. Doch für den Einzelnen konnte es dramatisch sein. Man kann das damit vergleichen, wenn man einem Kind sein Lieblingskuscheltier wegnimmt: Der Gesellschaft fehlt damit nichts, aber für das Kind ist es furchtbar.

Der Großteil konnte mit der Situation gut umgehen und hat das fehlende Reisen durch andere Aktivitäten wie kleinere Ausflüge kompensiert. Manchen Menschen ging es aber wirklich schlecht damit, zum Beispiel, wenn sie ihre Familie ein halbes Jahr lang nicht besuchen konnten.

Urlaub bringt nicht automatisch Entspannung und Abenteuer. Stattdessen ist das Verreisen oft mit Stress verbunden. Was macht einen guten Urlaub aus?

Horvatits-Ebner: Bei einem guten Urlaub hat man im Nachhinein das Gefühl, etwas mitgenommen zu haben. Das können auch Probleme sein, die man auf der Reise erfolgreich lösen konnte. Wenn man in der subjektiven Nachschau den Urlaub nicht als verkorkst, sondern als positiv empfindet, war er gut.

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Natürlich macht auch Vorbereitung einen großen Teil aus. Wenn man weiß, was die kulturellen Besonderheiten sind, eventuell Veranstaltungen gebucht und für Bargeld und Kreditkarte gesorgt hat, fühlt man sich sicherer. Trotzdem sollte man davon ausgehen, dass im Urlaub immer etwas Unerwartetes passieren kann. Wie man den Urlaub empfindet, hängt also viel von der persönlichen Einstellung ab.

Im Urlaub geht es oft darum, den Alltagsstress abzustreifen und innere Ruhe und Gelassenheit zu finden. Wie gelingt das?

Horvatits-Ebner: Ich sage immer: Man nimmt sich selber mit auf Reisen. All die Eigenheiten und Ängste, die uns womöglich im Alltag stören, werden im Urlaub nicht plötzlich verschwinden. Deswegen ist es umso wichtiger, eine passende Reise zu planen und sich für gewisse Herausforderungen Strategien zu überlegen.

Wenn man sich beispielsweise mit großer Selbstständigkeit und vielen Entscheidungen unwohl fühlt, kann man eine durchgeplante Pauschalreise buchen, bei der man viel Stress abgeben kann.

Auch über die Art des Reisens sollte man sich vorab Gedanken machen. Wen es stresst, mit Mietwagen ein fremdes Land zu erkunden, sollte besser auf Transfers oder öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen. Aufregend wird eine Reise schließlich sowieso.

Brauchen wir dennoch die Abwechslung, um unseren Alltag wertschätzen zu können?

Horvatits-Ebner: Ganz bestimmt. Es gibt mehrere Theorien zur Reisemotivation. Eine sehr bekannte ist die Theorie der Differenzerfahrung. Sie besagt: Wir müssen andere Dinge erleben, um das Hamsterrad des Alltags zurückzulassen. Wenn die Waage nicht durch die verschiedenen Erlebnisse ausgeglichen wird, empfinden wir das oft als anstrengend.

Während Corona wurden viele Reiseträume aufgeschoben. Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, sie endlich zu verwirklichen?

Horvatits-Ebner: Ich möchte niemandem raten, sich aktuell auf große Weltreise zu begeben. Es ist noch unsicher, wie die Situation im Winter aussehen wird. Gerade deswegen ist aber jetzt der Sommer die richtige Zeit, um vieles nachzuholen. Kurzreisen nach Italien oder Griechenland boomen schon total. Und sobald international das Gröbste überstanden ist, wird es sicher eine noch größere Reiselust geben.

Das heißt, die ganz großen Reiseträume müssen erstmal noch weiterschlummern?

Horvatits-Ebner: Ich denke, viele versuchen, ihre Träume so bald wie möglich zu verwirklichen. Der Lockdown hat uns vor Augen geführt, was es bedeutet, Reiseträume nicht erfüllen zu können. Trotzdem beeinflussen soziale und Sicherheitsaspekte die Reisewahl aktuell stark. Vielleicht wird sich langfristig noch mehr eine Carpe-Diem-Mentalität entwickeln, bei der im Fokus steht, das Leben im Hier und Jetzt zu genießen – im Moment ist das aber nur Spekulation.

RND/dpa

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