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  • Der Tourismus nach einem Jahr Corona: Mehr als 70 Prozent Einbruch in der Reisewirtschaft - “Die Corona-Krise ist beispiellos“

Tourismus-Expertin: „Die Corona-Krise ist beispiellos“

  • 2020 neigt sich dem Ende – und damit ein für die Tourismusbranche beispielloses Krisenjahr.
  • Die Welttourismusorganisation erwartet einen Einbruch der Reisewirtschaft um mehr als 70 Prozent.
  • Tourismusexpertin Sandra Carvao von der UNWTO spricht im RND-Interview über die Folgen – und warum diese Frauen mehr treffen als Männer.
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Die Aussichten für den Tourismus sind düster: Experten befürchten, dass Reisen auf dem Niveau vor Corona frühestens in drei Jahren stattfinden. Luftfahrtexperten fürchten gar, dass sich die Branche schlimmstenfalls erst in neun Jahren erholt haben könnte. Wie sieht der Weg dahin aus? Und wird sich der Tourismus ändern? Einen Einblick gibt Sandra Carvao, sie leitet die Abteilung Tourismusmarkt und Wettbewerbsfähigkeit bei der Welttourismusorganisation UNWTO, analysiert Trends und entwickelt daraus Strategien für Destinationen.

Sandra Carvao leitet die Abteilung Tourismusmarkt und Wettbewerbsfähigkeit bei der Welttourismusorganisation UNWTO. © Quelle: UNWTO

Die aktuellen Daten der UNWTO zeigen einen massiven Einbruch der internationalen Ankünfte. Hat die Reisebranche jemals eine solche Krise erlebt?

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Nein – diese Krise ist beispiellos. Wir haben zwar bereits früher Krisen erlebt, die spezifische Regionen oder Ziele sehr hart getroffen haben. Aber wir hatten nie so tiefe oder weitreichende Auswirkungen in allen Ländern der Welt. In den ersten acht Monaten des Jahres gab es einen Rückgang um 70 Prozent bei den internationalen Ankünften. Zum Vergleich: 2009 – das schlimmste Jahr für internationalen Tourismus in der Weltwirtschaftskrise – erlebten wir minus 4 Prozent. Und die Situation bleibt sehr volatil – wir sehen ja, was gerade in Europa passiert, und der Kontinent macht 50 Prozent aller internationalen Reisen aus. Es könnte für das gesamte Jahr also noch schlimmer werden.

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Ganz konkret: Welche wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen hat die Corona-Krise? Wen trifft die Krise am härtesten?

Die Auswirkungen sind massiv: Schätzungen zufolge könnten wir allein wegen des Tourismuseinbruchs bis zu 2,8 Prozent des weltweiten BIP verlieren ­– sowohl wegen des direkten Einflusses auf die Branche als auch der Auswirkungen für andere Sektoren, zum Beispiel auf Landwirtschaft, Baugewerbe, IT oder Finanzdienstleistung. Insgesamt drohen UNWTO-Schätzungen zufolge im Tourismussektor 100 bis 120 Millionen Jobs wegzufallen. Vor allem trifft es die 80 Prozent der Unternehmen im Tourismussektor, die kleine und mittelständische Unternehmen sind. Die Mittel, um die Krise zu bewältigen, sind dort viel geringer.

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Frauen werden den wirtschaftlichen Schock am schnellsten und härtesten spüren, denn der Tourismussektor ist zu 54 Prozent mit weiblichen Arbeitskräften besetzt, oft in gering qualifizierter und informeller Arbeit. Das Risiko der negativen Auswirkungen auf das Empowerment von Frauen und die Gleichberechtigung ist also sehr hoch.

Was kann und muss die Politik, muss die Tourismusbranche hier tun?

Diese Frauen müssen in sofortige Hilfsmaßnahmen einbezogen werden. Und mit Blick auf die Zukunft stellt die Erholung des Sektors eine sehr gute Gelegenheit für den Tourismus dar, auf den Fortschritten aufzubauen, die bereits in puncto Empowerment gemacht wurden. Eintrittsbarrieren sollten verringert, die Bemühungen zur Erholung der weiblichen Beschäftigten sowie der Schutz sollten verstärkt werden. Außerdem ist es wichtig, darüber zu berichten, wie sich die Auswirkungen der Pandemie unterschiedlich auf Männer und Frauen im Tourismus auswirken.

Die Pandemie und wir In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

In Ländern wie den Malediven oder den Seychellen ist Tourismus eine große Säule der Wirtschaft – man könnte fast von touristischen Monokulturen sprechen. Das Geschäft beruht auf gut zahlenden europäischen Reisenden, deren Zahl weggebrochen ist. Ist die Lage dort exponentiell negativer?

Den Raum Asien-Pazifik trafen die Auswirkungen von Covid-19 viel früher als Europa. Dort begann die Abriegelung bereits Anfang des Jahres, bei uns überwiegend nach März. Zudem kam es in Europa in den Monaten Juli und August, als sich der Schengen-Raum öffnete, zu einem sehr langsamen Aufschwung durch intraregionalen Reiseverkehr, während in Asien die meisten Zielorte immer noch geschlossen sind.

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In dieser Krise ist die Höhe der staatlichen Unterstützung entscheidend – die Regierungen, vor allem in Europa, haben hier seit Beginn der Krise im April und Mai sehr starke Pakete geschnürt und diese inzwischen ausgeweitet. Das trägt dazu bei, die sozialen Auswirkungen abzufedern. Die Herausforderung in Ländern wie den Seychellen oder den Malediven ist daher größer, dort fehlen solche Unterstützungspakete oftmals, oder es gibt kein soziales Netz für Arbeitslose.

Eine zu große Abhängigkeit von einem Segment oder einem Sektor ist niemals positiv. Diese Krise ist daher eine Gelegenheit für die Reiseziele, ihre Marktstrategie zu überdenken und auch die notwendige Ausgewogenheit in Bezug auf die Zugänglichkeit und die Anpassung der Produkte im Blick zu halten. Viele Länder investieren beispielsweise gerade verstärkt in den Inlandstourismus.

Das leuchtet für Länder in Europa ein – aber wie kann das für Länder wie die Seychellen oder Malediven funktionieren, die praktisch nur Geld mit wohlhabenden ausländischen Reisenden machen?

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Natürlich ist das für kleine Inseln eine große Herausforderung, aber es kann gehen. Ein Beispiel: Wir haben kürzlich mit Fiji gesprochen – dort ist internationaler Tourismus eine Riesensäule. Und sogar dort gibt es inzwischen ein Konzept für nationalen Tourismus. Das wird niemals das Volumen und die Einnahmen ersetzen, aber unter den gegenwärtigen Umständen kann es zumindest einen kleinen Teil der Auswirkungen abfedern, sagen die Tourismusverantwortlichen dort.

Deutschland hatte ebenfalls auf Inlandstourismus gesetzt – doch im jetzigen Teil-Lockdown dürfen Hotels und Pensionen keine Urlauber mehr aufnehmen. Gleichzeitig sind Reisen, teils sogar in ferne Länder, möglich, weil dort die Grenzen für Touristen offen sind. Diese Situation ist doch absurd, oder nicht?

Betrachten Sie es aus dem Blickwinkel des jeweiligen Staates: Die Regierungen der Länder, die offen sind, hoffen, in der jetzigen Situation vielleicht doch noch Gäste aus Deutschland, Großbritannien oder anderen Orten empfangen zu können. Warum sollten sie es nicht tun?

Die größte Herausforderung besteht in der mangelnden Koordination zwischen den Ländern. Die Kriterien der Risikobewertung müssen dringend vereinheitlicht werden, zum Beispiel in Bezug auf die Anzahl der Fälle pro Bevölkerung und die Notwendigkeit eines PCR-Tests zur Einreise. Aktuell ist es schwierig, das Vertrauen der Verbraucher zu gewinnen, weil die Maßnahmen so unterschiedlich sind. Die EU hat hier wichtige Schritte unternommen, indem sie für die Schengen-Länder eine Reihe von einheitlichen Kriterien festgelegt hat. Und es gibt einen laufenden Prozess bei der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO, zumindest einige Empfehlungen auszusprechen. Natürlich müssten diese dann erst von den Ländern umgesetzt werden – aber wir sehen, dass es zumindest ein gewisses Maß an Verständnis dafür gibt, was akzeptabel und empfehlenswert wäre. Das ist gut.

Wann werden wir eine Erholung des Reiseverkehrs erleben?

Wir können uns hier nur auf Szenarien berufen, die auf früheren Erfahrungen beruhen – aber diese Krise ist wie gesagt völlig anders als alles, was wir bisher erlebt haben. Nur, um Ihnen eine Idee zu geben: In den USA hat es nach dem 11. September dreieinhalb Jahre gebraucht, um wieder auf das Niveau vor den Anschlägen zurückzukehren.

Wir haben gerade eine Umfrage durchgeführt bei unserem Expertengremium, in dem wir seit 2003 eine Vertrauensindexerhebung durchführen. Und die meisten unserer Experten gaben an, dass sie eine Erholung im dritten Quartal des nächsten Jahres erwarten würden. Mit dem Erreichen des Niveaus vor der Krise rechnen sie aber erst 2023 oder später. Ich denke also, dass wir mindestens drei Jahre vor uns haben, in denen wir ein Niveau haben werden, das unter dem von 2019 liegt.

Und, was glauben Sie: Wie wird der Tourismus in drei Jahren dann aussehen?

Die Fragen der Nachhaltigkeit und Kapazität werden sicher weiter diskutiert werden – in vielen Ländern gab es vor Corona Diskussionen über die Steuerung der Tourismusströme. Es ist an der Zeit, die Tragfähigkeit neu zu bewerten: Dabei sollte nicht nur das Gesamtvolumen überwacht werden. Es braucht eine Nachfrage, die das ganze Jahr über viel stabiler ist. Die Länder müssen Produkte entwickeln, die es erlauben, weniger saisonabhängig zu sein – oder eine Streuung innerhalb des Zielgebiets sicherstellen.

Ob sich aktuelle Trends fortsetzen, wird sich erst noch zeigen. Menschen buchen beispielsweise aktuell wegen der unsicheren Reisebeschränkungen in einem viel kürzeren Zeitfenster, und flexible Stornierungsrichtlinien sind zu einer Priorität geworden. Zudem reisen sie verstärkt in der Nähe, fahren in die Natur, an weitläufigere und mit dem Auto erreichbare Destinationen. Ob das bleibt, ist gerade schwer zu beurteilen. Denn es besteht eine aufgestaute Nachfrage, und wenn es einen Impfstoff gibt, werden sich die Menschen vermutlich auch wohl genug fühlen, um mit diesem zu reisen. Ich denke, wir werden das Schöne am Reisen wiederentdecken – und wir werden uns dessen auch viel bewusster sein.

“Staat, Sex, Amen”
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