Die Fernreise liegt im Koma: Wie werden wir 2021 reisen?

  • Die Angst vor Corona, Reisewarnungen und Einreiseverbote sorgen dafür, dass Fernreisen aktuell praktisch nicht stattfinden.
  • Wie lange wird das noch so aussehen?
  • Ein Reiseforscher dämpft Hoffnungen für das nächste Jahr.
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Dem deutschen Winter entfliehen und stattdessen Sonne und Hitze am Strand auf den Malediven, in Thailand oder Kuba genießen: In normalen Jahren würden viele Menschen gerade einen solchen Urlaub buchen. 2019 haben rund 17 Prozent der deutschen Touristen eine Fernreise unternommen. Doch 2020 ist alles anders, zwischen den Kontinenten herrscht fast Stillstand.

Welttourismusorganisation befürchtet 1,1 Milliarde weniger Urlauber

Die aktuellen Daten der Welttourismusorganisation UNWTO zeigen einen Rückgang der internationalen Ankünfte um 70 Prozent in den ersten acht Monaten des Jahres 2020. In den traditionell geschäftigsten Monaten des Jahres sanken die internationalen Ankünfte sogar noch stärker: Im Juli waren es 81 Prozent und im August um 79 Prozent. Insgesamt rechnet die UNWTO trotz einer Rekordreisebewegung bis März damit, dass 2020 insgesamt bis zu 1,1 Milliarde weniger Urlauber unterwegs sein werden, das entspräche einem Minus von 80 Prozent.

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Zwar gibt es inzwischen wieder Reiseveranstalter, die trotz Coronavirus-Pandemie interkontinental fliegen: So bringt Tui seit dem 27. Oktober wieder Urlauber von Frankfurt auf die Malediven, obwohl für den Inselstaat weiterhin eine Reisewarnung gilt. Solche Angebote bilden derzeit jedoch die Ausnahme – und daran wird sich aus Sicht von Reiseforscher Christian Laesser auch erst einmal nichts ändern.

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Reiseforscher: „Interkontinentalreisen bestenfalls Mitte 2021“

Der Touristikprofessor an der Schweizer Universität St. Gallen erklärte im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, warum wir wohl auch 2021 nicht normal in die Ferne reisen werden: „Mittlerweile ist es ja offensichtlich, dass erst dann wieder einigermaßen gereist werden kann, wenn entweder die Weltbevölkerung größtenteils durchgeimpft ist oder die Quarantänen aufgehoben werden können, weil die Infektionsraten überall ähnlich sind. Mitte 2021 ist immer noch der Best Case – wahrscheinlich wird es länger dauern.“

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Für Fernreisen müsste auch das nötige Angebot vorhanden sein. Und aktuell riskiere es keine Fluggesellschaft, mehr als die nötigen interkontinentalen Verbindungen anzubieten, so Laesser. „Interkontinental ein Netz wieder hochzufahren ist keine triviale Übung, das dauert seine Zeit.“ Ein Grund dafür sei, dass Airlines bei diesen Verbindungen auch Zubringer- und Abbringerflüge mitberücksichtigen müssen. „Aus diesem Grund geht die International Air Transport Association (Iata) inzwischen davon aus, dass vor 2023 oder 2024 keine Normalität diesbezüglich eintreten wird“, sagt Laesser.

Die australische Airline Qantas beispielsweise habe angekündigt, bis Juni 2021 gar keine Interkontinentalstrecke fliegen zu wollen. Stattdessen sorgt sie derzeit mit skurrilen Verbindungen für Aufsehen: Ein Sightseeingflug „ins Nirgendwo“ etwa über Australien war innerhalb weniger Minuten ausverkauft.

Grund für die Verunsicherung bei Airlines, Veranstaltern und Touristen selbst ist das kaum durchschaubare Wirrwarr aus Reisewarnungen sowie Regelungen zu Einreise und Quarantäne. Viele beliebte Fernreiseziele halten die Grenzen noch auf unabsehbare Zeit für ausländische Touristen geschlossen, darunter Thailand, Indonesien, die USA, Kanada und Australien.

Tui will Urlauber in diesem Winter wieder auf die Malediven bringen. Andere Reiseziele halten die Grenzen geschlossen. © Quelle: Michael Zehender/dpa-tmn
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Und: Lässt ein Land die Einreise zu, bedeutet das noch lange nicht, dass das Heimatland die Reise dorthin ohne Konsequenzen erlaubt. Wer beispielsweise mit Tui auf die Malediven fliegt, muss nach der Rückkehr nach Deutschland in Quarantäne, weil der Inselstaat auf der Liste der Corona-Risikogebiete des Robert-Koch-Institutes steht. Aktuell können Reisende die häusliche Situation durch einen Corona-Test unmittelbar vor oder nach der Einreise verkürzen oder umgehen.

Ab dem 8. November soll jedoch die neue Quarantäneverordnung gelten. Dann müssen Reiserückkehrer aus Risikogebieten für zehn Tage in Isolation, diese ist erst mit einem Corona-Test frühestens am fünften Tag verkürzbar.

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Das alles zusammengefasst sorgt für eine Reisemüdigkeit. Wird es 2021 besser? „Das nächste Jahr ist aus meiner Sicht ein Übergangsjahr – ich glaube aber nicht, dass wir sehr viel anders reisen werden als dieses Jahr“, sagt Reiseforscher Laesser. Zwei Szenarien seien denkbar:

„Das erste ist, dass wir weiter wechselnde Quarantäne­bestimmungen haben. Die Quarantäne­zeiten werden vielleicht kürzer, es sind vielleicht nicht mehr ganze Länder, wo ich nicht mehr hin kann, sondern nur Regionen. Aber diese ständig wechselnden Regeln werden die Lust am Reisen trotzdem weiter einschränken.“ Dies würde dazu führen, dass die meisten Menschen entweder weiterhin zu Hause bleiben oder dorthin fahren, von wo sie schnell ganz selbstständig auch innerhalb von 24 Stunden wieder nach Hause kommen können. Damit würden Reisen mit dem Auto, durchaus auch ins Ausland, attraktiv bleiben.

„Das zweite Szenario – und das halte ich für wahrscheinlicher – wäre: Wir haben überall 14-Tage-Inzidenz-Werte von mehr als 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner. Aber weil das alle Länder haben werden, könnten wir im Prinzip die Quarantänebestimmungen aufheben – außer für die Hotspots, an denen die Zahlen explodieren“, so Laesser. Dazu brauche es aber schnellere und mehr Corona-Tests. Unter solchen Voraussetzungen könnte es weniger Reisebeschränkungen geben.

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Ein möglicher Gamechanger wäre ein Impfstoff – je nachdem, wie gut er wirkt und wie schnell eine Bevölkerung durchgeimpft werden kann. Aber, so der Reiseforscher: „Das halte ich nicht vor Ende 2021 für realistisch, auch wegen der Produktionskapazitäten.“

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