Warum Reisen trotz Impfung nicht risikofrei sind

  • Dank steigender Impfquote unbesorgt auf Städtetrip, Kreuzfahrt oder eine Fernreise?
  • Das ist Wunschdenken, sagen Experten. Denn Risiken bleiben.
  • Was Urlauberinnen und Urlauber unbedingt beachten sollten.
Anzeige
Anzeige

Hamburg. Wenn erst einmal die Mehrheit geimpft ist, wird das Reisen schon wieder problemlos möglich sein – das wird sich vor einigen Monaten mancher Urlauber gedacht haben. Doch so ist es nicht gekommen, auch wegen der Delta-Variante. Bedenken und eine genaue Abwägung sind angebracht. Was Touristinnen und Touristen jetzt beachten sollten.

1. Die Impfung ist der beste Schutz und ein praktischer Helfer

Zunächst eine dringende Empfehlung: „Reisen Sie nicht, wenn Sie nicht geimpft sind“, rät der Hamburger Reisemediziner Gerhard Boecken. Die Impfung diene nicht nur dem persönlichen Schutz, sondern verhindere auch, nicht-adäquate oder überlastete Gesundheitssysteme der Gastländer in Anspruch nehmen zu müssen.

Anzeige

Torsten Schäfer, Sprecher des Deutschen Reiseverbands (DRV) in Berlin, sieht in der Impfung einen weiteren Vorteil: Sie erleichtere Touristen das grenzüberschreitende Reisen.

Der Impfstatus sei im Zweifel auch vor Ort entscheidend, um Zutritt zu Sehenswürdigkeiten oder Restaurants zu bekommen, sagt Boecken. Zudem könnten sich die Vorschriften der Bundesrepublik bei der Rückreise nach Deutschland wöchentlich ändern.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.

2. Infos sind trotzdem wichtig

Anzeige

Allein auf den Impfschutz zu vertrauen, reicht nach Ansicht von Experten aber nicht aus. Mirko Jacubowski vom Unternehmen A3M Global Monitoring in Tübingen rät Touristinnen und Touristen, sich vor der Reise umfassend zu informieren - über die Inzidenzen im Zielgebiet, über die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes sowie über die Bestimmungen vor Ort und bei der Rückreise. A3M ist Dienstleister im Bereich Reisesicherheit und Krisenmanagement und bietet Kunden diese Hinweise auf der Webseite www.der-reisemanager.com gebündelt an.

Anzeige

3. Andere Krankheiten nicht vergessen

Bei der Auswahl des Urlaubsziels gilt es laut Boecken grundsätzlich darauf zu achten, dass vor Ort ein gutes Gesundheitssystem besteht - unabhängig von Corona. Doch gerade wegen der Pandemie sei es noch wichtiger, sich vor der Reise medizinisch beraten zu lassen, um sich nicht zusätzlich mit „reiseassoziierten Erkrankungen“ zu infizieren, also den gängigen und weniger gängigen Reisekrankheiten. „Zum Beispiel würde ich immer zu einer medikamentösen Malariaprophylaxe dort raten, wo die Leitlinien das empfehlen“, sagt der Mediziner.

Pauschalreisende könnten sich bei renommierten Reiseveranstaltern darauf verlassen, dass ihnen im Ernstfall geholfen wird, sagt Mirko Jacubowski. Und dass sie in ein Krankenhaus gebracht werden, das westlichen Standards entspricht. Als Individualtourist müsse man im Notfall erst recherchieren und mit der eigenen Krankenversicherung Kontakt aufnehmen. Zwar gebe es in touristischen Regionen meist Ärzte und Krankenhäuser, die hohen Standards genügen. In abgelegenen, ländlichen Gebieten sehe das aber völlig anders aus.

4. Eine gute Reiseversicherung ist Pflicht

Damit eine mögliche Behandlung im außereuropäischen Ausland nicht in den Ruin führt, raten die Experten dringend, gut versichert zu sein. Die Auslandsreisekrankenversicherung sollte dabei auch eine Covid-19-Erkrankung abdecken. Zudem sollte die Police eine Rückholung des Versicherten in „medizinisch sinnvollen“ Fällen enthalten - nicht allein in „medizinisch notwendigen“, raten Fachleute.

5. Auch als Geimpfter nicht sorglos sein

Ist das Reisen in der Pandemie risikofrei, wenn Urlauber vollständig geimpft, gut vorbereitet und versichert sind? Natürlich nicht, sagt Gerhard Boecken. Denn selbst Geimpfte können erkranken. Und selbst wer nicht erkranke, könne Überträger sein - oder als Kontaktperson abgesondert werden. Boecken ist stellvertretender Vorsitzender des Ständigen Ausschusses für Reisemedizin der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit in Hamburg.

Daher bleibt die Einhaltung der AHA-Regeln wichtig: Abstand halten, Hygieneregeln beachten und eine Maske tragen, wenn nötig. „Nach wie vor ist es wichtig, dass sich alle Menschen an die Corona-Regeln halten - egal, wo sie sich aufhalten“, sagt Torsten Schäfer.

Anzeige

Mirko Jacubowski von A3M Global Monitoring kommt zu dem Schluss: „Das Risiko ist nicht höher als in der Heimat.“ Maßgeblich sei die Sieben-Tage-Inzidenz im Urlaubsland. Zwar sei das Infektionsrisiko durch die Delta-Variante auch für Geimpfte höher, die Chance einer ernsthaften Erkrankung aber gering. Nur: Konsequenzen einer Covid-19-Erkrankung im Urlaub seien andere als zu Hause. Im Zweifel müssen Reisende wegen einer Quarantäne ihren Urlaub verlängern, was zusätzliche Kosten für Flug und Hotel bedeuten kann.

6. Die Reiseform genau abwägen

Pauschalreise oder Individualurlaub? Mit dem eigenen Auto, dem Bus oder einem Flugzeug in den Urlaub reisen? Hotelurlaub, Rundreise oder Kreuzfahrt? Diese Faktoren machen für die Risikobewertung einen Unterschied, sagt Boecken. „Abgesehen vom Risiko während des Fluges an das Ziel hat eine Individualreise durch Patagonien oder die Kalahari ein anderes Risiko als eine Busreise durch ein Hochrisikogebiet“, so der Reisemediziner.

Video
Faktencheck: Wie gut wirkt die Corona-Impfung?
1:28 min
Immer wieder heißt es: Die Corona-Impfung sei nutzlos, weil auch Geimpfte an Covid-19 erkranken und sogar daran sterben können. Doch das ist falsch.  © dpa

Bei Pauschalreisen oder Kreuzfahrten hänge es davon ab, ob der Veranstalter nur Touristen mit vollständigem Impfstatus zulasse. Bei einigen Kreuzfahrtunternehmen ist das bereits der Fall.

Grundsätzlich sind Pauschalreisende laut Mirko Jacubowski deutlich besser abgesichert als Individualreisende, wenn während des Urlaubs etwas schiefgeht: „Hier stehen die Reiseveranstalter in der Fürsorgepflicht gegenüber ihren Kunden, während Individualreisende sehr oft auf sich alleine gestellt sind.“ Das gelte auch für etwaige Stornierungen oder Umbuchungen der Reise, sollte etwa eine Reisewarnung für das Zielland ausgesprochen werden.

7. Eine gewisse Flexibilität ist hilfreich

Wer sich trotz der Risiken für einen Urlaub in der Ferne entscheidet, sollte flexibel und spontan sein. Zum Beispiel eine Unterkunft mit kurzfristiger Storno-Möglichkeit zu buchen, kann sich auszahlen.

Beliebte Urlaubsländer der Deutschen wie die USA, Australien oder Neuseeland lassen derzeit gar keine Touristen ins Land. „Was konkret möglich sein wird, ist derzeit schwierig vorhersehbar“, sagt Torsten Schäfer - und wirbt wegen der unberechenbaren Lage für eine ausführliche Beratung bei den Spezialisten im Reisebüro.

RND/dpa

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen