• Startseite
  • Reise
  • Ansturm auf den Berg, Leere im Dorf: Reit im Winkl im Corona-Winterschlaf

Ansturm auf den Berg, Leere im Dorf: Reit im Winkl im Corona-Winterschlaf

  • In den Bayerischen Alpen stürmen die Menschen mancherorts die Natur und die Skipisten.
  • Die Dörfer aber sind still und leer im Corona-Winter.
  • Ein Besuch in Reit im Winkl.
|
Anzeige
Anzeige

Reit im Winkl. Lisa Ruh hat nach dem Lockdown am 16. Dezember 2020 Post bekommen. Eine Familie aus Nordrhein-Westfalen schrieb der Vermieterin von Ferienwohnungen: „Wir wissen gar nicht, was wir an Weihnachten machen sollen. Die letzten 15 Jahre waren wir ja immer bei euch in Reit im Winkl.“ Einen solchen Trennungsschmerz empfinden gerade viele Menschen in Deutschland, die es gewohnt waren, die Weihnachtsferien in den Bergen zu verbringen, zum Beispiel in den Bayerischen Alpen. Ihr Gästehaus Bergwinkl mit den fünf Wohnungen muss Lisa Ruh geschlossen halten, wie alle anderen Vermieter auch.

Tourist-Info in Reit im Winkl: Viel zu tun trotz Corona-Lockdown

Reit im Winkl im Chiemgau, ein bekannter Ort für den Winterurlaub. Es ist ein schöner Wintertag, minus vier Grad, die Sonne lässt den Schnee weiß funkeln. „Ein bisschen wenig ist bislang gefallen“, meint Florian Weindl, Leiter der Tourist-Info. Doch auf der ebenen Wiese ziehen Langläufer ihre Bahnen, Familien sind mit Kindern, Hund und Schlitten unterwegs. Weindl kann das von seinem Fenster aus gut beobachten. Arbeit hat die Info genug. „Das Telefon steht nicht still“, sagt Weindl. „Die Leute rufen an und fragen, ob die Pisten zugänglich sind, ob man langlaufen und Touren gehen kann, ob die Parkplätze und die Toiletten geöffnet sind.“

Anzeige

Trotz geschlossener Lifte: Tagestouristen kommen in die Skigebiete

Anzeige

Die Gastronomie, die Hotels und Pensionen sind zu, die Liftanlagen stehen still – doch die Berge und der Schnee sind da. Und die Menschen kommen, aus der näheren und der weiteren Umgebung. Das ist das Dilemma dieses Corona-Winters in den Skigebieten. Ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums hat die RND-Anfrage, inwieweit es Tagestouristen etwa aus München gestattet ist, in die Berge zu fahren und sich auf eigene Faust mit Skiern auf den Weg zu machen, beantwortet: „Das ist erlaubt, sofern die allgemeinen Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen eingehalten werden.“ Auf den Parkplätzen in Reit im Winkl sieht man Autos aus halb Bayern – aus München, Altötting oder aus Passau.

Reit im Winkl vor dem Panorama des Kaisergebirges in Tirol. Das Dorf ist eigentlich ein beliebter Anlaufpunkt von Skiurlaubern. © Quelle: imago/imagebroker
Anzeige

Vor Neujahr etwa war an einem schönen Tag im Gebiet Spitzingsee, Landkreis Miesbach, kein Durchkommen mehr. Einheimische berichten, sie hätten dort überhaupt noch nie so viele Besucher gesehen, die sich auf den Straßen und an den Hängen drängten. Der Landrat Olaf von Löwis veröffentliche eine SMS an Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder (beide CSU): „Bei uns ufert der Tagestourismus aus. Es brennt wirklich.“ Schließlich stecke man in einer weltweiten Pandemie.

Video
Nichts geht mehr im Harz - Verkehrschaos bei Torfhaus
1:04 min
Einen Massenandrang gab es auch auf den beliebten etwa neun Kilometer langen Goetheweg von Torfhaus zum Brocken.  © dpa
Die Pandemie und wir In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Kandahar-Abfahrt wegen Tourengehern gesperrt

Und im Ski-Mekka Garmisch-Partenkirchen musste die Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU) selbst einschreiten: Dort wurde der obere Bereich der bekannten Kandahar-Abfahrt von Raupen präpariert, weil nach Neujahr der Deutsche Skiverband zum Training kommt. Tourengeher aber beeindruckten die Warnschilder nicht, sie kraxelten rauf, zogen sich gar an den Seilen der Raupen nach oben. Koch ließ schließlich das ganze Gebiet sperren und sagt: „Es ist traurig, dass man so etwa machen muss. Wo sind wir hingekommen?“

Bisher sind solche extremen Ereignisse in den Bayerischen Alpen eher die Ausnahme, doch viele Fragen stehen im Raum. Wie viele Skitourengeher passen auf einen Hang, wie viele Langläufer in ein Gebiet, wie viele Spaziergänger an den Berg – ohne dass es zu eng und gefährlich wird mit möglichen Corona-Ansteckungen? Spricht man mit dem Reit im Winkler Bürgermeister Matthias Schlechter (CSU), so hört man einiges an Zweifel heraus. Doch er sagt: „Wir sperren den Ort nicht zu.“ Andere im Dorf würden sich hingegen wünschen, dass die bayerische Staatsregierung den Bürgern die Fahrt in die Alpen verbietet. Dass sie sich in der Freizeit nur noch höchstens fünf Kilometer von ihrer Wohnung aufhalten dürfen.

Parkchaos auf der Winklmoosalm: „Schlamassel“

Von Stunde zu Stunde wird in Reit im Winkl nun entschieden, wie man es etwa mit der Straße zum 1200 Metern hoch gelegenen Skigebiet Winklmoosalm macht, 500 Meter über dem Ort. Ist die Straße gesperrt, parken die Leute davor und verstopfen alles. Dann wird doch geöffnet, der Parkplatz oben aber geschlossen, wenn er mit 450 Autos voll ist. Bürgermeister Schlechter spricht von einem „Schlamassel“. Er verstehe, „dass die Menschen aus den Städten raus in die Natur wollen“, aber: „Es soll sich nicht ballen.“

Skiliftbetreiber Hans Höflinger auf der Winklmoosalm vor seiner geschlossenen Liftanlage. © Quelle: Patrick Guyton

Einer, der nichts davon hat, dass sich die Leute ballen, ist Hans Höflinger. Dem 67-jährigen Mann mit dem Vollbart und seinem zehn Jahre älteren Bruder gehört die Liftanlage rauf zur Winklmoosalm. Aber Lifte dürfen nicht fahren, coronabedingt sind sie geschlossen. So steht Höflinger nun in seinem schwarzen Anorak oben auf der Winklmoosalm vor seiner stillen Anlage und lamentiert ein wenig: „Die geforderten Abstände hätten wir ganz sicher eingehalten. Aber es hilft ja nichts.“ Hans Höflinger bleibt nun die Aufgabe, sich um die Parkplätze und die Toiletten zu kümmern. Vor einer geschlossenen Hütte sitzt eine Familie und verzehrt die von daheim mitgebrachte Brotzeit. Höflinger lächelt, wenn er sagt: „So einen Winter haben wir noch nie gehabt, es ist schon trostlos.“

Ansturm auf die Skipisten, Leere im Dorf

Anzeige

Unten in Reit im Winkl steht auf einem Plakat die Aufschrift: „Gastgeber mit Herz“. Doch der Ort ist vor allem – leer. „Am liebsten bin ich den ganzen Tag lang beschäftigt“, erzählt Biggi Baumegger. Die 53-Jährige betreibt das „Landhaus Lenzenhof“, das ist ein mächtiges alpenländisches Haus unter Denkmalschutz direkt neben der Pfarrkirche St. Pankratius. Der Lenzenhof hat ein Restaurant, neun Hotelzimmer und zwei Apartments. Baumegger hat sonst Beschäftigte auf acht Vollzeitstellen zur Unterstützung, doch jetzt ist keiner da. Sie sind in Kurzarbeit oder haben gekündigt. „Ich musste alles stornieren und habe versucht, die Buchungen zu verschieben“, sagt die Gastwirtin.

Biggi Baumegger steht vor ihrem geschlossenen Gasthaus. © Quelle: Patrick Guyton

Ende Oktober waren die letzten Gäste zum Wandern da, im November hatten sie geschlossen und wollten durchschnaufen für den Winter. Doch es kam anders. Am meisten macht ihr, wie allen anderen auch, die Unplanbarkeit der nächsten Monate zu schaffen. Für April hatte sie Umbauten vorgesehen, um im Mai in den Sommer zu starten. Doch was ist, wenn der Lockdown im April beendet ist? Will sie dann erst einmal renovieren und später öffnen? Jetzt wird im Lenzenhof abends Essen „to go“ gekocht. Auf der Karte stehen Bandnudeln mit Garnelen, Spare Ribs oder Hirschragout. „Damit wir wenigstens ein bisschen was zu tun haben“, meint Biggi Baumegger.

5000 Gäste fehlen in den Ferien zu Corona-Zeiten

3000 Einwohner hat Reit im Winkl, jetzt in den Ferien fehlen 5000 Gäste. Zwei Drittel des Ortes sind auf die eine oder andere Art mit dem Tourismus verbunden. Souvenirgeschäfte wie das „Gschenkladl“ an der Dorfstraße sind zu. Bringt Corona denn vielleicht wenigstens der Natur etwas, den an manchen Orten vom Wintersport so geschundenen Bergen, wenn weniger Leute da sind?

„Von der Traumlandschaft zum übernutzten Berggebiet“ sieht der Bund Naturschutz (BN) die Alpen. Die Umweltschützer fordern, weg vom Pkw-Verkehr zu kommen, der die Orte und Täler „ersticken“ lasse. Auch sollten Bergbahnen und Lifte künftig nicht weiter ausgebaut werden. Eine kanalisierte Menschenmasse allerdings schadet nach Ansicht des Garmischer BN-Mannes Axel Doering den Alpen weniger als Einzelne, die sich falsch verhalten. So hält es Doering für richtig, dass die Pisten offen sind. 1000 Leute, die auf der Piste rauflaufen und wieder runterfahren, so sagt er, seien weniger schädlich als ein einzelner Skifahrer, den es abseits in die unberührte Natur zieht, etwa „in ein Auerwildbiotop“.

Andreas Mühlberger ist Langlauflehrer und Besitzer eines Sportgeschäfts in Reit im Winkl. © Quelle: Patrick Guyton

Andreas Mühlberger nennen in Reit im Winkl alle nur „den Andi“. Er ist Langlauflehrer, Leiter einer Skischule und Einzelhändler für Sportartikel. „In meinem Laden stehen gerade 500 Paar Langlaufski“, erzählt er. Den Lieferanten hat er sie bezahlt, doch das Geschäft muss geschlossen bleiben. „Wir stecken jetzt nicht den Kopf in den Sand“, meint der 53-Jährige. Irgendwann werde es ja wieder „normal werden“.

Normal – das bedeutet für Andreas Mühlberger: „Es gibt nur den Heiligabend für die Familie.“ An den Feiertagen und auch den ganzen Tagen darauf öffnet der Skiverleih um 8.30 Uhr und schließt um 17.30. „Die Gäste wollen schließlich langlaufen.“ Mühlberger sagt: „Jetzt waren wir an Weihnachten zum ersten Mal daheim. Gezwungenermaßen.“

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen