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Wolfgang Niedecken: “Mit dem Virus kannst du nicht diskutieren”

  • Das neue Album von Wolfgang Niedeckens Band BAP erscheint am kommenden Freitag.
  • Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht der 69-Jährige über “Alles fließt”, ein Werk gegen Populisten und Spießer.
  • Außerdem verrät Niedecken, warum er sich während der Corona-Pandemie behütet gefühlt hat.
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Das neue BAP-Album “Alles fließt” ist ein Werk gegen Populisten und Spießer, zugleich eines für Familie und “die Guten”. Eigentlich käme jetzt die Tour – doch Wolfgang Niedecken weiß im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) nicht, wann Konzerte wieder möglich sind, und ob er im März seinen 70. Geburtstag in der Köln-Arena feiern kann.

Wolfgang Niedecken, die Zeit der Corona-Phoner geht zu Ende, endlich sieht man wieder reale Gesichter.

Ja, ich mag es auch lieber Face-to-Face. Phoner – das ist so ein ewiges Abtasten. Und wenn du dann endlich im Gespräch drin bist, ist es auch schon wieder fast vorbei.

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Ein neues BAP-Album kommt. “Alles fließt” ist Rock-’n’-Roll-ig auf eine schöne altmodische Art.

Es hat sich dahin entwickelt. Auf der letzten Tour, die wir gespielt haben in der neuen Formation mit den Bläsern, haben wir gemerkt, bei welchen Stücken es im Publikum tierisch abging. Solche Stücke haben wir geschrieben.

Schon der Eröffnungssong “Hauptjewinn” ist sehr verspielt – hier ein “Penny Lane”-Gebläse, dort “Eleanor Rigby”-Streicher.

Unser Gitarrist Ulle (Ulrich Rode, Anm. d. Red.) ist seit drei Tourneen und drei Platten in der Band und weiß schon, worauf der Alte steht. Und dann kommen solche wunderschönen Petitessen, dass man ein Stückchen von “Shangri-La” von den Kinks auf Posaune gespielt in “Volle Kraft voraus” versteckt. Sowohl Ulle als auch seine Frau Anne (de Wolff), unsere Multiinstrumentalistin, sind große Beatles-Fans. Und so sind die Beatles wieder mal der kleinste gemeinsame Nenner, den eine Band haben kann.

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Und es gibt schöne Soli, meist Gitarrensoli.

Der Komponist dieser Musik ist eindeutig als Gitarrist zu erkennen. Und ich habe ihn auch ermutigt, hier Gitarrist zu sein. BAP ist und bleibt eine Gitarrenband.

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Ein Song heißt “Jeisterfahrer” und es geht um Mainstream. BAP sind seit 1979 Geisterfahrer gegen den Mainstream gewesen.

Ich komme mir vor wie ein Geisterfahrer, schon lange. Und man fürchtet manchmal, dass es nicht mehr viel Sinn hat, gegenzuhalten. Du machst aber trotzdem weiter, trotz all der Lügen, die um dich herum als Wahrheit verkauft werden. Schau dir doch mal die Parship-Poster überall an. Da wird allen Ernstes so getan, als ob diese wunderschönen Menschen es nötig hätten, zu parshippen. Und diese Lügen funktionieren.

Wolfgang Niedecken auf der Bühne. © Quelle: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Lüge ist Wahrheit – Orwell.

Oder Swift: Die Lüge fliegt und die Wahrheit humpelt hinterher.

Auch in den Singlecharts. Außer Rap ist da ein schlagerhafter Deutschpop, der Gefühl und Erfahrung vorgaukelt?

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Das ist alles durch und durch formatisiert. Ich könnte das gar nicht. Das würde mich um den Schlaf bringen. Ich habe damals Malerei studiert und bin dann – ohne es richtig zu wollen – Musiker geworden. Aber ich hätte auch als Maler niemals Bilder für übers Sofa gemalt. Und was diese Leute machen, sind Songs für übers Sofa. (lacht) Muss ich mir mal aufschreiben für einen Songtitel.

Neben dem Radio hat sich auch das Publikum geändert. Sagt ein Künstler im Konzert heute etwas gegen Rechts, gibt es auch mal ein “Halt’s Maul, mach Musik” in Richtung Bühne. Was sagen Sie dazu?

BAP-Fans sind in der Regel vernünftige Leute, die ich für voll nehme und vor denen ich deshalb auch keine stumpfen Parolen absingen möchte. Und wenn du mit Bevormundung anfängst, hast du schon verloren. Umgekehrt würde mir das ja auch nicht gefallen.

Und dennoch zeigen Sie in Ihren Songs Flagge – in Liedern wie “Kristallnaach” oder jetzt im neuen “Ruhe vor dem Sturm”, in dem es um die rechten Populisten geht und die, die ihnen in den Sattel helfen.

Der Titel des neuen Liedes “Ruhe vor dem Sturm” ist sogar eine Zeile aus “Kristallnaach”. Ja, ich lass das raus! Ich gehe zum Psychiater Niedecken auf die Couch und schreibe dann Songtexte wie diesen. Ich habe das wunderbare Privileg. Könnte ich das nicht, würde es sich in mir verhärten.

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Und in “Ruhe vor dem Sturm” kommt Ihr Zorn richtig durch – der Zorn auf die Rechten, vor allem aber auf die, die sie aus niederen Gründen zu Bedeutung gebracht haben.

Ja, es geht mir hier weniger um die Populisten als um die, die ihnen helfen. Bezüglich der Nazis gibt es ja immer diese Begriffe “Machtergreifung” und ”Machtübernahme”. Aber das ist Geschichtsklitterung – die sind gewählt worden. Schwarmdemente Spießer haben sie an die Macht gewählt.

Im Song “Verraten und verkauft” zeigen Sie dann aber Verständnis für Leute, die bereitstehen, von den Populisten abgeholt zu werden. War Ihnen dieser Gegensong wichtig?

Ich wollte differenzieren, nicht vom hohen Ross runter singen: Heh, ihr Deppen, wieso merkt ihr das alles nicht? Ich bin ja nicht in Köln im Villenviertel aufgewachsen, allem enthoben. Ich komme aus einem Arbeiterviertel. Und da gibt es viele Leute, die nicht mehr richtig wissen, wovon sie ihre Familie ernähren sollen.

Sie haben auch noch einen Song für “die Guten” geschrieben. Passt perfekt in die Corona-Monate.

Als ich die Musik dazu gekriegt habe, war das ein lebensfroher Partyreggae. Dann kam die Idee von einem Trinklied auf. “Auf wen trinkste denn?” “Trink doch mal auf ‘die Guten’.” Die immer alles am Laufen halten. Ich wusste gar nicht, ob der aufs Album passt. Bei der Liste dachte ich immer, hoffentlich fügt der sich ins Album ein. Denn es gibt immer mal Stücke, die man hinterher besser weggelassen hätte. Aber bei der Session dann: welche Freude! Alle waren nur am Lachen. Das ist ein ganz wichtiges Stück geworden. Er ist wichtig, weil er sich gegen den Ernst und die Verzweiflung von “Ruhe vor dem Sturm” stellt.

Balance durch Humor?

Ja, BAP war nie die Band, die zum Lachen in den Keller geht. Auf eine “Kristallnaach” kam immer auch ein “Müsli Man” oder ein “Waschsalon”. Und ich werd den Teufel tun, nur noch sad songs zu schreiben, auch in einer Phase, in der ich ziemlich alles furchtbar finde.

“BAP war nie die Band, die zum Lachen in den Keller geht”

Und dann wurde daraus tatsächlich ein Corona-Song?

Wir haben gesehen, wie die Leute in Spanien und Italien auf den Balkonen standen und applaudierten und da fiel es uns auf: Wir haben ja den Song dazu! Wir wollten den ursprünglich gar nicht vorher auskoppeln, dann haben wir es doch gemacht. Danach haben wir ein Video gemacht und noch ein zweites, bei dem wir die Leute aufforderten, ihre Corona-Guten zu fotografieren. Und das ist sehr schön geworden.

Wie haben Sie den Lockdown erlebt? Hatten Sie Angst?

Ich habe mich wohl behütet gefühlt. Ich lebe privilegiert, habe ein Haus mit Garten, bin nicht in einer Dreizimmerwohnung mit kleinen Kindern, die nicht verstehen können, warum sie nicht mehr auf den Spielplatz dürfen. Und dann gab es auch Schönes: Anfang März wurden wir Großeltern und meine Tochter Isis war bei uns. März und April waren dann Hochsommer, meine andere Tochter kam auch noch dazu und es war eine wunderbare Zeit, das idyllischste Familienleben. Ich habe kein bisschen das Gefühl gehabt, festgetackert zu sein.

Und Sie waren es?

Außer mit dem Hund abends in den Kölner Stadtwald bin ich nicht aus dem Haus gegangen. Ich war auch seit Februar nicht mehr im Supermarkt. Ich bin heute überhaupt zum ersten Mal woanders, seit das alles begann.

Wie fühlt sich das an, wenn man seit 40 Jahren immer auf die Straße und in Hallen kann, wie man gerade Lust hat – und diesmal geht das nicht?

Ehrlich gesagt habe ich da schlaflose Nächte gehabt. Du kannst derzeit keine richtigen Tourneen planen. Wir spielen alle für unser Leben gern, aber Geld mitbringen willst du auch nicht. Zumal man nicht mehr vom Tonträgerverkauf lebt, sondern vom Livegeschäft. Wir hoffen, dass wir meinen 70. Geburtstag am 30. März nächsten Jahres in der Köln-Arena feiern können. Spätestens im Dezember müsste man aber mit dem Promoten anfangen.

“Ich war seit Februar nicht mehr im Supermarkt”

Unabsehbar …

Genau. Mit dem Virus kannst du nicht diskutieren. Von Wohnzimmerkonzerten kannst du nicht leben. Und mit der Band willst du nicht im Autokino spielen und auch nicht in der Köln-Arena vor 800 Leuten mit 1000 Plastikscheiben dazwischen. Das ist ja alles Realsatire und das hat man jetzt alles mal gemacht. Der Fußball hat wenigstens noch das Fernsehen.

BAP hat sich aber in dieser Krisenzeit für Ihre Crew etwas einfallen lassen.

Unser Crew-Aid-T-Shirt. Das wurde von den Fans super angenommen. Und die 25 Euro, die es kostet, gehen direkt weiter. Ich hab die Hemden gestiftet, die Druckerei zum Selbstkostenpreis gedruckt. Die Einnahmen gehen komplett an den Tourleiter und der schaut, wo die Härtefälle sind.

Sie haben gerade die 70 erwähnt. Wie fühlt sich das an?

Ich konnte schon zu den 60 nichts sagen. Ist nur eine Zahl, oder? Natürlich merke ich, dass die Zipperlein mehr werden. Ich kann nicht mehr bis in die Puppen feiern – außer auf der Bühne, da kommt mir das Adrenalin zu Hilfe. Aber zu Hause bin ich der Erste in der Familie, der zu Bett geht. (lacht)

Familie ist auch viel auf dem neuen Album, Liebeslieder an Frau und Tochter. Was sagt die Tochter, wenn sie vom Vater “kleiner Spatz” genannt wird?

Sie hat geweint. Ich hab mich aber auch vorher tausendmal überprüft, dass ich nur nichts mache, womit ich ihr peinlich werden könnte. Und ich hab ihr auch erstmal sicherheitshalber das Demo vorgespielt. Doch schon beim Demo liefen die Tränen runter und bei meiner Frau und der anderen Tochter gleich mit. Am Ende haben wir zu viert geweint.

Wenn Sie in unseren Tagen voller Krisen einen Wunsch für diese Welt äußern dürften, in der Ihre Enkel groß werden, was wäre das?

Ich wünsche, dass die Lehren aus Corona wirklich gezogen werden. Wir können es uns nicht mehr erlauben, Wichtiges auf die lange Bank zu schieben. Ich hoffe, dass ganz viele Leute Grün wählen und dass die anderen Parteien auch grüner werden. Das gibt es ja schon, selbst die Kanzlerin ist immer grüner geworden. Wir alle müssen unbedingt ökologisches Handeln verinnerlichen.

RND



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