Wie schauspielert es sich nach Corona, Sandra Hüller?

  • Bei Sandra Hüller fällt vielen wohl zuerst der Film “Toni Erdmann” ein.
  • Doch auch am Theater hat Hüller viel Ruhm eingeheimst.
  • Die Schauspielerin spricht im Interview über die Zukunft des Theaters, die Leere in den Kinos und ihre Dankbarkeit gegenüber dem Publikum.
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Berlin. Sandra Hüller sitzt zu Hause in Leipzig und telefoniert aus ihrem Arbeitszimmer. Da hat die Mutter einer schulpflichtigen Tochter die meiste Ruhe, um über die Zukunft des Theaters, die Leere in den Kinos und ihre Dankbarkeit gegenüber dem Publikum zu reden.

Frau Hüller, Sie haben kürzlich am Bochumer Schauspielhaus endlich wieder auf der Bühne stehen dürfen und die “Penthesilea” gespielt. War das Ihre erste Begegnung mit leibhaftigen Zuschauern während der Corona-Pandemie?

Das war tatsächlich die erste Vorstellung in Bochum nach der coronabedingten Schließung der Theater. Aber es war nicht das Stück, wie wir es ursprünglich inszeniert hatten. Das war eher eine Lesung, und wir saßen mit großem Abstand voneinander entfernt, weil wir natürlich die Sicherheitsbestimmungen einhalten mussten. Im Saal durften nur rund 100 Zuschauer Platz nehmen – und da passen normalerweise 811 Menschen rein.

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Haben Sie noch einmal neu proben müssen?

Nein, wir mussten nur ein paar Verabredungen treffen – zum Beispiel, wie wir die Musik einbauen. Gott sei Dank sind die Gedankengänge in dem Kleist-Stück so klar, dass es keine Extraeinstudierung brauchte.

Wie fühlte sich die Wiederbegegnung mit dem Publikum an?

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Vor allem war ich dankbar, dass die Zuschauer gekommen waren. Auch für sie muss das ja ein seltsames Erlebnis gewesen sein. Vielleicht werden wir davon irgendwann unseren Enkeln erzählen. Ich bin gespannt, wie man sich später an so eine Situation erinnern wird. Mich hat es wirklich sehr gerührt, wie stark das Pu­blikum applaudiert hat und wie es überhaupt seine Zustimmung ausgedrückt hat.

In “Fack ju Göhte” spielt Sandra Hüller (links) Lehrerin Biggi Enzberger.
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Glauben Sie, dass das Theater bald wieder zu einem Spiel zurückfinden wird, wie wir es vor Corona kannten?

Das weiß kein Mensch. Aber spätestens vor Beginn der neuen Spielzeit nach der Sommerpause müssen wir uns nicht nur in Bochum überlegen, wie wir Stücke wie etwa “Hamlet” spielen, ohne uns zu nahezukommen. Vielleicht hilft es auch, wenn wir Schauspieler uns regelmäßig testen lassen. Anderenfalls brauchen wir einen komplett neuen Spielplan mit Stücken, in denen von Anfang an die Abstandsregeln beachtet werden. Das wäre ein gewaltiger Schritt.

Neue Formen entdecken – oder alte reaktivieren

Theater oder auch Kino ohne Körperkontakt: Ist das überhaupt vorstellbar?

Zumindest gibt es Bemühungen, das herauszufinden. Und das ist durchaus reizvoll. Wir haben im Theater ja nicht immer mit dieser Intimitätsfrequenz gespielt. Manche werden nun sagen, alles andere wäre ein Rückschritt. Aber man kann es auch als Chance begreifen, Spielweisen zu überprüfen, neue Formen zu entdecken – oder eben alte zu reaktivieren. Das kann ganz tolle Blüten treiben.

Hat sich Ihr Bochumer Theater schon auf neues Terrain gewagt?

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Bei uns ist im Juni Elias Canettis “Die Befristeten” in einer Form herausgekommen, in der mit den Abstandsregelungen experimentiert wird. Bei der Spielzeitvorstellung jüngst ist erst mal nur die erste Hälfte der Saison präsentiert worden. Das waren drei oder vier neue Premieren, vom Repertoire war gar nicht die Rede. Niemand weiß so genau, was kommen wird.

Könnte auch das eine bewusste Entscheidung sein: das Programm abzuspecken, den früher auf Hochtouren laufenden Premierenausstoß herunterzufahren?

Absolut, das wäre angemessen. Wir sollten überlegen, in welcher Frequenz, mit welcher Genauigkeit und unter welchem Druck wir arbeiten wollen. Die Frage ist nur, ob wir dafür auch die nötige finanzielle Unterstützung bekommen. Da wird es gewiss Leute geben, die sagen: Macht solche Versuche mal lieber allein. Ihr könnt euch ja irgendwo ein eigenes Zelt dafür aufstellen. Wenn nach Corona die Sparrunden beginnen, wird man sehen, wie wichtig den Menschen das Theater wirklich ist.

Sein oder online, das ist hier die Frage: Sandra Hüller als Hamlet. © Quelle: JU Bochum

Wie lange können freie Schauspieler die jetzige Situation finanziell durchstehen?

Tja. Es gibt viel Unterstützung untereinander, etwa vom Ensemble Netzwerk, das Geld sammelt, um zum Beispiel Mieten von besonders betroffenen Kollegen zu bezahlen. Aber für ganz viele ist es wahnsinnig schwer, über die Runden zu kommen.

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Hat sich durch Corona die Bedeutung von dem verschoben, was in Ihrem Leben wichtig ist?

Das habe ich eigentlich vorher auch schon gewusst – aber ich habe jetzt eher die Möglichkeit, danach zu leben. Weil mir verboten wird, arbeiten zu gehen, kann ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Das ist wichtig. Alte Menschen, die im Sterben liegen, sagen alle dasselbe: Wenn sie noch einmal etwas anders machen könnten in ihrem Leben, dann würden sie mehr Zeit mit ihren Familien teilen. Und das haben wir alle jetzt ausgiebig üben können.

Alle wurden fünf Tage vor Drehbeginn auf das Coronavirus getestet

Ein klein wenig reisen Sie aber schon wieder durchs Land: Sie haben in Hamburg einen Fernsehfilm abgedreht, die ZDF-Komödie “Das schwarze Quadrat”. Wie sah die Arbeit in der Praxis aus?

Wir alle wurden fünf Tage vor Drehbeginn auf das Coronavirus getestet. Für die Produzenten war das riskant, es hätte ja jemand positiv sein können. Für jemanden wie mich, eine Mutter mit Schulkind, war es auch nicht möglich, sich nach dem Test in Quarantäne zu begeben. Wenn die Kamera nicht lief, haben wir Masken getragen und uns ausgiebig die Hände gewaschen. Große Liebesszenen gab es keine in dem Film. Mit all dem kamen wir ganz gut klar.

Und womit nicht?

All die Bemühungen, das Filmen grün zu machen, sind nun erst einmal wieder vom Tisch. Plastik, Verpackungen, Einwegmüll: Das gibt es jetzt alles wieder zuhauf, und das ist traurig. So viele Plastikmasken landen jetzt vermutlich wieder im Meer. Diesen ganzen Medizinschrott fressen erst die Fische, und dann essen wir Menschen diese Fische. Dabei wäre es nicht schwer, das alles ordentlich zu entsorgen.

Sie sind von Donnerstag an in dem französischen Film “Sibyl” von Regisseurin Justine Triet zu sehen: Müssen Filme womöglich künftig mit Mundschutz auch vor der Kamera gedreht werden, um der sogenannten neuen Normalität Genüge zu tun?

Keine Ahnung. Aber ich wette mit Ihnen, dass jemand auf diese Idee kommt. Das könnte interessant sein. Auch auf der Bühne wäre das eine Option. Wenn die Hälfte des Gesichts verdeckt ist, muss man sich allerdings andere Ausdrucksformen überlegen. Man müsste noch mehr mit dem ganzen Körper spielen.

Sie verkörpern in “Sibyl” eine Filmregisseurin, die auf der Vulkaninsel Stromboli dreht: Ist das ein besonders passendes Setting für diese Figur?

Das ist ein passendes Setting für den ganzen Film, in dem es um Beziehungen geht, in denen vieles brodelt und die irgendwann wie eine Magmabombe explodieren. Die Regisseurin hat die Insel aber auch als Reminiszenz an Roberto Rossellinis Kinoklassiker “Stromboli” mit Ingrid Bergman ausgewählt. Und klar, meine Figur hat ein besonderes Temperament und verabschiedet sich schon mal von den Dreharbeiten auf einem Schiff mit einem beherzten Sprung ins Mittelmeer.

Wie rettet man so eine Figur vor der Karikatur?

Indem man sie ernst nimmt. Diese Frau befindet sich in einer existenziell bedrohlichen Situation – wie übrigens alle anderen Figuren auch. Alle schrammen permanent am Nervenzusammenbruch vorbei. Meine Mitspielerinnen Virginie Efira und Adèle Exarchopoulos gingen dabei zu meiner Überraschung mit der üblichen französischen Eleganz zu Werk – vor dem Dreh hatte ich von diesem Ansatz keine Ahnung. Für meine Figur hätte ich das aber nicht okay gefunden. Ich habe auch schon Regisseure und Regisseurinnen in ähnlichen Lagen erlebt.

Wen hatten Sie denn bei dieser durchgeknallten Regisseurin als Vorbild? Hans-Christian Schmid bei Ihrem Film “Requiem”, Bora Degtekin bei “Fack ju Göhte 3” oder Maren Ade bei “Toni Erdmann”?

Ganz gewiss keinen von diesen dreien! Und wenn, dann würde ich Ihnen das auch gar nicht sagen. Im Ernst: Meine Regisseurin Mika ist eine Mischung aus allen Extremen, an die ich in meinem Filmleben geraten bin. Ein Filmdreh muss auf Anschlag funktionieren, da steckt viel Druck drin. Manche Leute haben sich dabei im Griff, andere nicht. Manche lasten ihre Probleme anderen an, manche versuchen, die Probleme allein zu lösen. Aber damit jetzt hier kein falscher Eindruck entsteht: Die Filmemacher, mit denen ich zusammengearbeitet habe, sind ganz überwiegend verantwortungsbewusst mit ihrer Position umgegangen.

Sandra Hüller als Ines und Peter Simonischek als Winfried/Toni in einer Szene des Films “Toni Erdmann“.

Reizen Sie komische Figuren mit tragisch-traurigen Einsprengseln – siehe “Toni Erdmann”?

Nee, ich habe da keine Vorlieben. Und ich sehe das auch anders. Ihre Zuschreibung ist, mit Verlaub, sehr äußerlich – und begleitet mich leider seit Beginn meiner Laufbahn. Stets heißt es, ich würde seltsame Leute spielen. Das sind aber ganz einfach Leute, die in Extremsituationen geraten. Ich versuche, sie so nachvollziehbar wie möglich anzulegen. Es sollen sich möglichst viele Menschen darin wiederfinden. Da ist es ganz egal, ob es tragische oder komische Charaktere sind.

Immer wieder wechseln erfolgreiche Schauspieler die Seiten. Demnächst legt Moritz Bleibtreu sein Regiedebüt vor, Daniel Brühl ist unter die Regisseure gegangen, ebenso Nicolette Krebitz: Haben Sie auch Ambitionen?

Nee, aktuell nicht.

Besonders die kleinen Kinos stehen auf der Kippe.

Glauben Sie, dass die Leute jetzt wieder ins Kino zurückkehren?

Bislang leider noch nicht. Die Kinos sind offen, aber sie sind leer. Ganz verstehe ich das nicht. Es ist relativ safe, sich da mit einer Maske vorm Gesicht und mit gewaschenen Händen reinzusetzen. Ich bin richtig traurig über diese Leere. Die Kinobranche hat gerade wirklich zu knapsen. Besonders die kleinen Kinos stehen auf der Kippe. Wie sollen sie überleben, wenn keiner kommt? Hoffentlich wird das kein Trauerspiel. Man muss die Kinos unterstützen, zur Not auch mit Gutscheinen. Sonst gibt es sie vielleicht bald gar nicht mehr. Und dann gucken wir alle nur noch Netflix.

Sie sind gerade dabei, sich noch ein weiteres Betätigungsfeld zu erschließen – die Musik: Wie ist es dazu gekommen?

Musik hat mich immer begleitet, ich habe sie nicht über Nacht entdeckt. Anfangs war das aber eine super private Angelegenheit, oder ich habe in meinen Theaterstücken gesungen. Über die Jahre sind eine ganze Reihe von Miniaturen entstanden. Dann kamen Anfragen, ob ich Stücke veröffentlichen möchte. Ich hatte aber das Gefühl, dass sie sozusagen nackt daherkommen. Ich kann nur drei Griffe auf der Gitarre und ein bisschen Kalimba.

Und wieso erscheint demnächst doch Ihr erstes Album?

Daran ist gewissermaßen mein Musikerfreund Daniel Freitag schuld. Ich habe ihn um Mithilfe gebeten. Und das, was von ihm zurückkam, war überwältigend.

Manche bezeichnen die Stücke als “kühl-melodischen Elektropop”. Finden Sie sich in dieser Definition wieder?

Wie auch immer. Das mag jeder für sich selbst entscheiden – allerdings nicht bei Bühnenauftritten. Die wird es nicht geben. Das ganze Material ist 20 Minuten kurz. Wer würde dafür Geld ausgeben? Und durch die Gegend toure ich in meinem ersten Beruf schon genug. Mir ging es darum, meine inneren Archive leer zu räumen. Ich brauchte Platz für Neues. Ich wollte das loswerden.

Was wünschen Sie sich für die zweite Hälfte des Corona-Jahres 2020?

Dass alle Leute, die jetzt Unterstützung brauchen, wieder auf die Beine kommen – und damit meine ich nicht nur Schauspieler. Es wäre schön, wenn sich für viele Menschen wieder Perspektiven auftun. Und für mich persönlich? Ich möchte irgendwann wissen, wie es beruflich weitergeht. Andererseits: Bei der Zukunft muss man sich naturgemäß mit Prognosen begnügen. Also versuche ich vielleicht doch besser, im Hier und Jetzt zu leben, und übe mich in Vertrauen und Geduld.

Neu im Kino: Sandra Hüller in “Sibyl”. © Quelle: RND

Viel gepriesen: Sandra Hüller

Bei Sandra Hüller fällt vielen wohl zuerst der Film “Toni Erdmann” (2016) ein. Die 42-Jährige spielte in der Tragikomödie eine auf Karriere gepolte Unternehmensberaterin, die von ihrem brachialhumoristischen Vater (Peter Simonischek) mit einem Hasenzähnenpartygebiss heimgesucht wird. Der Film war vor vier Jahren die Kinosensation schlechthin – und zwar mehr oder weniger weltweit. Auch am Theater hat Hüller viel Ruhm eingeheimst. Dreimal wurde sie von der Zeitschrift “Theater heute” zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Sie erhielt den Gertrud-Eysoldt-Ring 2019 für ihre Rolle als Hamlet in einer Inszenierung des Schauspielhauses Bochum, zu dessen Ensemble sie gehört.

Ihr Handwerk gelernt hat die 1978 im thüringischen Suhl geborene Hüller an der renommierten Ernst-Busch-Schule in Berlin. Schon früh machte sie auf der Leinwand Furore: In Hans-Christian Schmids Drama “Requiem” (2006) verkörperte sie eine katholische Studentin, die glaubt, von Dämonen besessen zu sein. Dafür gab es den Silbernen Berlinale-Bären. Derzeit ist Hüller im Kino als ausgesprochen temperamentvolle Regisseurin im französischen Kinofilm “Sibyl” zu sehen.

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