Weinstein-Urteil: Ein kleiner Schritt auf einem weiten Weg

  • Die Verurteilung von Harvey Weinstein hat Erleichterung, aber keinen Jubel ausgelöst.
  • Doch wird das Urteil auch Teil eines breiteren gesellschaftlichen Wandels?
  • Ein Kommentar von Sebastian Moll.
Sebastian Moll
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New York. Die Geschworenen im Harvey-Weinstein-Prozess hatten sich mit der Urteilsfindung Zeit gelassen. Sechs lange Tage wurde am New Yorker Staatsgericht in der Nähe der Brooklyn Bridge beraten, bevor endlich die Entscheidung fiel – ein Schuldspruch in den Anklagepunkten Vergewaltigung ersten und dritten Grades sowie des sexuellen Angriffs.

Es war kein Urteil, das in den Reihen der #MeToo-Bewegung und der durch #MeToo sensibilisierten amerikanischen Öffentlichkeit Jubelschreie auslöste. Zu spüren war eher ein Gefühl der Erleichterung. Es hätte schlimmer kommen können, Harvey Weinstein hätte freigesprochen werden können. So tief waren nach der aggressiven Kampagne von Weinsteins Verteidigung die Erwartungen gesunken.

Weinsteins Anwältin Donna Rotunno hatte unerbittlich die Zeuginnen und Anklägerinnen Weinsteins in die Zange genommen. Sie hatte ihre Glaubwürdigkeit attackiert, hatte ihnen egoistische Motive bei den sexuellen Kontakten mit Weinstein unterstellt und sie als Trittbrettfahrerinnen der #MeToo-Bewegung diskreditiert. Rotunno wollte Weinstein als Opfer darstellen, als eine Art Märtyrer einer aus dem Ruder gelaufenen politischen Korrektheit. In einem Interview mit der „New York Times“ hatte Rotunno erklärt, die Opfer seien selbst schuld: Wer nicht sexuell missbraucht werden möchte, sagte Rotunno, der begebe sich nicht in „solche Situationen“.

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Frauen können das Weinstein-Urteil als Durchbruch verbuchen

Doch das Gericht ließ sich davon nicht beeindrucken. Man glaubte den Frauen, dass sie aus Scham, aus Furcht, um zu verdrängen und vielleicht, um für sich das Geschehene zu normalisieren, zunächst so getan hatten, als sei nichts gewesen.

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Darin lag schließlich der eigentliche Erfolg des Weinstein-Urteils für #MeToo. Noch vor wenigen Jahren hätte Rotunnos Verteidigungsstrategie funktioniert. Dass Frauen, egal aus welchen Motiven, Beziehungen zu mächtigen Männern unterhalten, die sexuell geprägt sind, hätte als Freibrief für sexuelle Gewalt gegolten.

So können Frauen in den USA und auf der ganzen Welt das Weinstein-Urteil als Durchbruch verbuchen. Die New Yorker Geschworenen haben den gesellschaftlichen Konsens darüber, wo sexuelle Gewalt anfängt, verschoben. Ein komplexeres Verständnis dafür, was Missbrauch konstituiert, hat seinen Weg über die öffentliche Debatte in die Institutionen hinein gefunden.

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Hört auch das Gericht in Los Angeles den Frauen zu?

Doch die Freude über die Verurteilung von Weinstein blieb trotzdem gedämpft. Die vielen Jahrzehnte, in denen man die Geschichten von Frauen nicht angehört und nicht geglaubt hat, haben tiefe Spuren hinterlassen. Ob das New Yorker Urteil zum juristischen und zum gesellschaftlichen Musterbeispiel wird, ist noch lange nicht sicher.

Der erste Test ist das Verfahren, das in den nächsten Wochen gegen Weinstein in Los Angeles eröffnet wird. Dort wird man sehen, ob Gerichte tatsächlich überall bereit sind, Frauen zuzuhören – oder ob New York ein Einzelfall bleibt.

Der viel größere Test ist jedoch, ob das Weinstein-Urteil Teil eines breiteren gesellschaftlichen Wandels ist. Wenn Weinstein vor 20 Jahren gewusst hätte, dass er nicht die Macht hat, seine Opfer mundtot zu machen, dann hätte er gewiss nicht eine einzige Frau vergewaltigt. Insofern war das Weinstein-Urteil nur ein Anfang. Bis sexuelle Straftäter überall verinnerlicht haben, dass sie ihre Opfer nicht mehr zum Schweigen bringen können, ist es noch ein weiter Weg.

RND

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