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Warum wir weniger Oliver Pocher und mehr Atze Schröder brauchen

  • Dieter Nuhr, Mario Barth, Oliver Pocher: Immer wieder begeben sich einst gefeierte Comedians auf merkwürdige Irrwege.
  • Dass man auch in Würde altern kann, zeigt ausgerechnet “Vollassi” Atze Schröder.
  • Warum sich jeder Mann ein Beispiel an ihm nehmen sollte.
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Hannover. Manchmal glaube ich, es ist ein grundsätzliches Problem von uns Männern. Wenn wir älter werden, drehen wir durch. Irgendwann so ab 40 plus, wenn die Verbitterung eintritt, wenn die Midlife-Crisis richtig kickt. Wenn es uns plötzlich nicht mehr egal ist, wenn junge aufstrebende Gretas und Luisas oder Lauras mehr Aufmerksamkeit bekommen als wir selbst.

Und dann setzen wir alles daran, das zu ändern. Mit wütenden Facebook-Kommentaren, die niemand liest. Mit Verschwörungsvideos auf Youtube, die niemand ernst nimmt. Oder mit einem Kabarettprogramm, mit dem wir uns bis an unser Lebensende blamieren.

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Gerade Letzteres scheint derzeit ziemlich in Mode. Denn von der Verbitterung im Alter scheinen auch Männer nicht befreit zu sein, die jahrzehntelang als nicht zu bremsende Frohnatur galten. Bei Comedians fällt das Phänomen darum umso intensiver auf – und vor allem: Es enttäuscht umso mehr. Jahrelang bringen uns Komiker zum Lachen, begleiten uns zum Teil durch unsere ganze Kindheit, füllen ganze Stadien mit ihren Witzen – und driften dann plötzlich ab.

Nuhr, Hallervorden, Barth: Was ist nur passiert?

Beispiele dafür gab es in der Vergangenheit zur Genüge. Dieter Hallervordern zum Beispiel. Jahrzehntelang mimte er den lustigen “Hö hö hö”-Didi – 2016 dichtete er dann aus Frust über all den Ärger im Land Angela Merkel einen eigenen Satiresong und lastete ihr an, sie habe Deutschland “ein Stückchen Scharia gebracht”.

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Dieser Song, genau wie Hallervordens “Werk” über Donald Trump oder seine völlig missglückte Flüchtlingscomedy “Ostfriesisch für Anfänger”, werden leider das sein, was von dem inzwischen 84-Jährigen in Erinnerung bleiben wird. Und das ist schade. Hätte er nicht einfach aufhören können, als es am schönsten war? Hätte er uns nicht einfach die Illusion lassen können, er sei auch im Alter noch immer der lustige Didi? Wäre das nicht ein viel würdigeres Lebenswerk gewesen?

Oder Dieter Nuhr. Ein Mann, der vor zehn, fünfzehn Jahren mal für die personifizierte Vernunft im deutschen Comedybusiness galt. Bis er sich dann irgendwann von Greta Thunberg und der Klimabewegung Fridays for Future so gestört fühlte, dass er sie seither in seinen (inzwischen äußerst kruden) Kabarettprogrammen als größte Bedrohung der Freiheit darstellt.

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Oder Mario Barth. Zwar nie wirklich lustig, aber immerhin ein einigermaßen sympathischer Zeitgenosse des Privatfernsehens. Und dann muss ihn irgendwas sehr wütend gemacht haben. Zum Beispiel, als er über die angeblich nie dagewesene Anti-Trump-Demos schwadronierte, sich mit gefährlichem Halbwissen an den Dieselgrenzwerten abarbeitete – und natürlich auch an einer 16-Jährigen Klimaaktivistin.

Comedy für Facebook-Prolls

Aktuellstes Beispiel des unkontrollierten Abdriftens ist sicherlich das von Comedian Oliver Pocher. Der galt in jungen Jahren mal als aufstrebender Newcomer aus der Talentschmiede des Musiksenders Viva, durfte später mit Urgestein Harald Schmidt sogar eine Latenight-Show moderieren und versuchte sich immer wieder an der Kunst des Parodierens.

Richtig zünden wollte das nie, und trotzdem hätte man dem Pocher eine erfolgreiche langanhaltende Karriere irgendwie gegönnt. Bis er sich dann irgendwann tief ins Genre der Facebook-Pöbelpromis katapultierte – etwa mit einem maximal verschwurbelten Posting an seinen Erzfeind Boris Becker.

Genau das macht Oliver Pocher auch heute noch – wenn auch durchaus erfolgreich. Mehr als eine Million Menschen folgen dem Comedian inzwischen dank seiner Michael-Wendler-Parodien auf Instagram und Facebook. Der 42-Jährige hat sich fest als Sprachrohr derjenigen etabliert, die auf Facebook auch Sinnsprüche auf Sonnenuntergangsbildern oder Glitzerblumen teilen.

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Für Pocher zahlt sich das aus. Dennoch darf die Frage erlaubt sein: Ist das wirklich ein erstrebenswertes Karriereziel? Sich über Wochen an einem abgehalfterten Schlagerstar, seiner Freundin und seiner finanziellen Lage abzuarbeiten? Am Ende ist die Fallhöhe von Pocher zum Wendler nicht sonderlich hoch. Und seine Gags unterscheiden sich auch nur geringfügig von denen, die Nuhr und Barth in letzter Zeit für sich entdeckt haben. Sie alle treten stets nach unten – weil sie glauben, sie wären oben.

Was Atze Schröder anders macht

Aber es ist ja nicht so, als gäbe es keine Hoffnung. Ausgerechnet Comedian Atze Schröder, der in den 2000er-Jahren als “Ruhrpott-Assi” bekannt wurde, zeigt derzeit, wie man auch als Mainstream-Komiker in Würde altern kann. Sein Auftritt bei Markus Lanz dürfte schon jetzt zu den Sternstunden des deutschen Fernsehenes dieses Jahres gehören. Vor laufender Kamera entschuldigte sich Schröder bei bei der Holocaust-Überlebenden Eva Szepesi für die Nazi-Verbrechen seines Vaters. Auch für sein soziales Engagement ist der Comedian bekannt: Statt gegen Greta zu pöbeln, spendete Schröder der Stiftung Naturschutz in Schleswig-Holstein 10.000 Bäume.

In Interviews gibt sich Schröder immer wieder nachdenklich, schneidet gesellschaftliche Themen an. Seine Comedy? Noch immer so prollig wie in den 2000er-Jahren, aber nicht verletzend. Und mit einer Leichtigkeit, die allen zuvor genannten Kollegen fehlt.

Nun muss natürlich nicht jeder Mann ab 40 Bäume pflanzen oder in Talkshows seine Gefühle ausbreiten. Dennoch ebnet Atze Schröder gerade mit sehr viel Stil und Größe seinen Weg in Richtung Comedylegende. Was er jetzt tut, wird von ihm bleiben. All das wäre doch auch ein erstrebenswertes Ziel für die Barths und Nuhrs und Pochers. Für die ganzen wütenden Facebook-Männer. Warum haben sie nur so wenig Anspruch an sich selbst?

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