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Ulrike Folkerts über #allesdichtmachen: „Man ärgert sich auch über sich selbst“

  • Seit 32 Jahren spielt Ulrike Folkerts im „Tatort“ die Kommissarin Lena Odenthal.
  • Jetzt hat sie ihre Biografie geschrieben, die aktuell allerdings angesichts der Diskussion über die Aktion #allesdichtmachen etwas in den Hintergrund tritt.
  • Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland spricht die Schauspielerin über ihr Buch, die Beweggründe von #allesdichtmachen – und warum sie sich heute von den Videos distanziert.
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Als Ludwigshafener „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal ist Ulrike Folkerts seit mehr als 30 Jahren im Einsatz – damals begann sie als erst dritte Frau überhaupt als Kommissarin der Reihe. Vergangene Woche war sie an der Künstlerinternetaktion #allesdichtmachen beteiligt, distanzierte sich aber wenig später davon. „Die Videos, die entstanden sind, wurden falsch verstanden, sind vielleicht falsch zu verstehen“, schrieb sie auf Instagram. Nahezu zeitgleich ist ihre Biografie „Ich muss raus“ erschienen. Sie erzählt darin von ihrer Suche nach ihrer Rolle im Leben, von ihrem unfreiwilligen Outing und von den Rollen, die sie neben dem „Tatort“ im Fernsehen und auf der Bühne spielte.

Frau Folkerts, Sie haben an der Aktion #allesdichtmachen, die ironisch Corona-Maßnahmen hinterfragt hat, teilgenommen – und mussten dafür heftige Kritik einstecken. Wie gehen Sie damit um?

#allesdichtmachen hat ziemlich hohe Wogen geschlagen. Ich habe das total unterschätzt. Ich wollte niemanden verletzen, Covid nicht belächeln. Die Aktion hat mehr Unheil angerichtet als Leute zum Lachen gebracht. Das Mittel Ironie ist zurzeit wohl nicht das richtige, um über Corona-Maßnahmen eine Debatte in Gang zu setzen. Vielleicht war ich auch ein bisschen blauäugig und dachte, dass eine Schauspielergruppe mit so tollen Leuten ein gutes Statement für alle Kulturschaffenden in die Welt senden kann.

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Warum ist die Aktion schief gelaufen?

Ich nehme an, dass es gekippt ist, als Applaus aus der „Querdenker“- und AfD-Szene kam. Wir alle haben uns davon distanziert.

Hatten Sie gar nicht mit Zustimmung aus dem rechten Lager gerechnet?

Nein, ich gar nicht. Ich habe das Video gemacht, weil ich in einer leichten Art über die Corona-Maßnahmen sprechen wollte, aus einer anderen Perspektive. Der Aktion hat ein Gesamtkonzept gefehlt. Vielmehr hat jede/r für sich sein eigenes Video gedreht. Ich habe die anderen auch erst einen Tag vor der Veröffentlichung gesehen. Und nun sind wir abgestraft worden. Ich habe mein Video zurückgezogen. Mir reicht’s jetzt, ich bin raus. Die Debatte über Corona-Maßnahmen, die wir uns gewünscht haben, ist gar nicht richtig in Gang gekommen. Es wurde ja überhaupt nicht geredet, sondern sofort in rechts und links, schwarz und weiß, gut und böse eingeteilt und verurteilt.

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Video
#allesdichtmachen – Wie 53 Schauspieler die Corona-Politik in Deutschland kritisieren
1:33 min
Die mehr als 50 Promis, die in ironischen Clips mit der Corona-Politik abrechneten, lösten eine große Diskussionswelle im Internet aus.  © RND

Fehlte da die Plattform, um ins Gespräch zu kommen?

Ein Shitstorm ist keine Plattform.

In Ihrer kürzlich erschienen Biografie gehen Sie auf Hasskommentare ein und schreiben, dass Sie sie gar nicht erst lesen. Wie sind Sie jetzt damit umgegangen?

Ich habe das vorher noch nie erlebt. Aber sie jetzt zu lesen, hätte mir nicht gutgetan. Wenn man gelobt wird, sage ich juhu. Negative Dinge bleiben viel länger haften. Ich bin seit Freitag schräg drauf und muss mich mit der Sache auseinandersetzen, die ich mit angezettelt habe. Man ärgert sich auch über sich selbst.

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Eigentlich wollten wir ja über Ihre Autobiografie „Ich muss raus“ sprechen: Sie schreiben darin über Ihr erzwungenes Outing 1999: Ist das Outing heute einfacher?

Einfacher schon. Aber jeder sollte für sich selbst entscheiden, ob er oder sie sich outen will. Für mich war erschreckend, dass es in dieser angeblich sehr toleranten Filmbranche nach wie vor Vorbehalte bei der Besetzung gibt. Nach dem Motto: Die liebt Frauen, die kann ja gar keine Hetero spielen. Das ist doch total bescheuert. Ich bin ja auch nicht Jahre bei der Kripo gewesen, um eine Polizistin zu spielen. Als ich mich vor über 20 Jahren geoutet habe, gab es keine Schauspieler*innen, an denen ich mich hätte orientieren können. Ich war gefühlt alleine. Deswegen hatte #ActOut im Februar2021, wo sich 185 Schauspieler gemeinsam geoutet habe, so eine Wucht. Neben der Besorgnis bei Besetzungen benachteiligt zu werden, gibt es die Anregung im TV/Film und Theater diverser zu erzählen, um andere Lebensformen sichtbar zu machen, auf möglichst selbstverständliche Art und Weise.

#Actout ist fast drei Monate her. Hat sich durch die Aktion etwas in der Branche bewegt?

Der NDR-Chef Christian Granderath hat ein Treffen von #ActOut-Beteiligten mit ARD-Verantwortlichen organisiert. Das war ein wichtige erste Kontaktaufnahme, und hat gezeigt, es gibt Gesprächsbedarf auf beiden Seiten.

In Ihrem Buch nennen Sie viele Beispiele, in denen Verantwortliche beim „Tatort“ immer wieder auf überholte Muster in der Produktion zurückgreifen. Es wirkt so, als wären die Strukturen extrem festgefahren.

Die Strukturen haben sich auch kaum verändert, seitdem ich vor über 30 Jahren angefangen habe. Zurzeit findet ein Debatte statt, die sich für Diversität im TZ und Film ausspricht, um die Vielfalt unserer Gesellschaft abzubilden. Es ist etwas in Gang gekommen. Ein anderes Thema ist: Wo sind eigentlich die guten Geschichten für Frauen über 50? Ich habe mal mit einer Redakteurin über ein „Tatort“-Drehbuch gesprochen, weil dort nur Männer – Taxifahrer, Arzt, Staatsanwalt – aufgetaucht sind. Warum kann man das nicht mit Frauen besetzen? Ach, stimmt, meinte sie dann. Da muss man erstmal eine Aufmerksamkeit schaffen, und wahrnehmen, dass immer dasselbe Schema bedient wird. Aber der Prozess ist im Gange, auch durch #MeToo. #MeToo ist ein anderes Thema. Das ist seit zwei, drei Jahren richtig am Köcheln. Beim Drehen merke ich, dass die #MeToo-Debatte die Männer verunsichert hat, gerade bei der Nähe am Set: Was darf man jetzt sagen? Sind Komplimente in Ordnung? Das ist sehr diffizil.

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Zu Beginn Ihrer Karriere sind männliche Kollegen Ihnen unangebracht nahegekommen. Davon berichten Sie, aber Sie nennen bewusst keine Namen. Warum nicht?

Die Beispiele, die ich bringe, sind so lange her. Ich habe dadurch nicht gelitten und es eigentlich auch schon wieder vergessen, bis ich jetzt das Buch geschrieben habe. Damit wollte ich zeigen, wie normal so ein Verhalten damals war. Meine Lösung sah früher so aus: Ich konnte bei einer Hand auf dem Knie nein sagen und gucken, dass ich danach mit diesem Menschen nicht wieder allein in einem Raum bin, damit es nicht zu Situationen kommt, wo im Nachhinein Aussage gegen Aussage steht. Bei Dieter Wedel ist das anders: Da gibt es zu viele Fälle, die jahrelang verheimlicht wurden. Ich war nicht dabei. Aber den Presseberichten nach ist es dringend wichtig, dass man diesen Fall aufklärt.

Andererseits ist ja auch so, dass sich erst noch mehr Opfer melden, wenn die Vorfälle bekannt gemacht wurden.

Es gehört viel Mut dazu, Namen zu nennen und sich selbst zu stellen. Dann muss man diese Geschichte wieder und wieder erzählen.

Sie haben aber auch über schmerzhafte Erfahrungen wie Ihren Schwangerschaftsabbruch mit 19 Jahren geschrieben. Warum haben Sie sich damit geöffnet?

Wenn man eine Biografie schreibt, muss man die Hosen ganz runterlassen oder man sollte gar nicht erst anfangen. Ich kann nicht nur über das schöne Leben schreiben. Ein Leben hat immer viele Facetten: Scheitern, Erfolg, Fehler und Erlebnisse, die man sich so nie vorgestellt hätte. Der Schwangerschaftsabbruch war auf jeden Fall eine Sache, die ich mir so nie gewünscht hätte. Ich habe es erwähnt, weil es mein Leben komplett verändert hat. Acht Wochen nach einem One-Night-Stand habe ich festgestellt, dass ich schwanger bin. Der Typ war schon über alle Berge. Wir Frauen müssen dann entscheiden. Das war ein ganz einschneidender Moment. Ich wusste, dass ich das nicht kann und nicht will. Ich bin meiner Mutter bis heute unendlich dankbar, dass sie mich in meiner Entscheidung unterstützt hat. Ich war kurz vor meiner Schauspielschulprüfung – und das hätte ich mit einem Kind alles nicht machen können. Mein Leben wäre ein anderes gewesen.

Heute wirkt es so, als hätte es für Sie beruflich keine Alternative zum Schauspiel gegeben.

Ich habe mir ja sogar etwas ausgedacht, falls ich auch die fünfte Prüfung nicht geschafft hätte: Internationale Agrarwissenschaften. Denn wenn man auch noch eine fünfte Absage bekommt, hätte ich akzeptieren müssen, dass meine Begabung für diesen Beruf nicht reicht. Aber ich bin in Hannover angenommen worden. Zum Glück.

Und danach hatten Sie nie Zweifel an der Entscheidung?

Zweifel an der Berufswahl hatte ich nie. Ich hatte immer nur Zweifel daran, ob ich das Stück gut finde, die Rolle, die ich spielen muss. „Tatort“ gehört inzwischen vollkommen zu meinem Leben. Selbstzweifel hatte ich aber natürlich auch. Wie bei den Salzburger Festspielen, da habe ich die Rolle des Todes gespielt. Bei einer Probe war ich völlig gelähmt und habe mich gefragt, ob ich das schaffe. Kann ich das füllen? Eine wichtige Herausforderung im Nachhinein.

Das überrascht: Man hat von Ihnen den Eindruck als eine sehr selbstsichere Person.

Es gibt bestimmt Schauspieler*innen, die Zweifel nicht zeigen und auch in den Situationen sich nicht die Blöße geben durchblicken zu lassen, dass sie absolut keine Ahnung haben, was sie da gerade machen. Aber für mich war diese Probe in Salzburg ein ganz wichtiger Moment – es ging um alles, eine unvergessliche Situation. Ich habe danach gewusst, dass ich es kann.

Nehmen die Selbstzweifel mit der Erfahrung ab? Und nimmt die Routine zu?

Routine finde ich immer gefährlich. Im schlechtesten Fall ist das ein Runterrotzen. Bei jeder Aufgabe, die ich als Schauspielerin habe, will ich richtig hart arbeiten. Da ist auch der „Tatort“ keine Ausnahme, obwohl ich die Rolle gut kenne.

Als Sie mit dem „Tatort“ 1989 angefangen haben. Wie lange wollten Sie da Lena Odenthal spielen?

Ich war 28, ich bin nach Berlin gezogen. Es hat sich so angefühlt, als würde mein Leben jetzt richtig anfangen. Es ging mir nie darum, wie lange das funktionieren wird. Am Anfang habe ich nur einen „Tatort“ im Jahr gedreht und nebenbei noch in einer Bar gejobbt. Ganz langsam und allmählich ist der „Tatort“ zum Teil meines Lebens geworden. Jedes Jahr wird neu verhandelt, wie es weitergeht. Ich hätte niemals gesagt, dass das so lange geht. Für mich ist das die Glücksrolle.

Sie zitieren einen Artikel aus der „taz“: Lena Odenthal habe in 30 Jahren mehr für Frauen im Fernsehen gemacht als alle Intendanten zusammen.

Das ist ein toller Satz, oder? Als Lena Odenthal beim „Tatort“ anfing, war sie die einzige Frau in der Tatortreihe. Davor gab es schon Marianne Buchmüller und Hanne Wiegand. Ich durfte in ihren Fußstapfen loslaufen. Aber ich war wirklich unbedarft und habe mir erstmal gar keinen Kopf gemacht. Sie hatte meistens männliche Gegner: als Vorgesetzte, Staatsanwälte, Mörder oder Verbrecher. Die haben Lena Odenthal als junge Polizistin nicht ernst genommen. Aber ich konnte dank der Drehbücher zeigen, wie clever sie ist und dass sie sich nichts sagen lässt und ihren Weg geht und Verantwortung übernimmt.

Sie schreiben über Ihre Erfahrungen mit den Medien und mit dem Interesse an Ihrer Person. Und dass Sie Interviews am liebsten schriftlich führen – warum sprechen wir hier dann?

Mit Ihnen? Weil wir ein richtiges Gespräch führen. Das macht mir Spaß. Meine schlimmsten Erfahrungen sind Telefoninterviews. Am Anfang habe ich mich irre schwer getan, weil ich nicht verstanden habe, warum man mir so private sehr private und oft schlüpfrig formulierte Fragen stellt, in denen mir oft etwas unterstellt wird. Da kann ich ausflippen. Deswegen mach ich es bei bestimmten Blättern nur noch schriftlich. Sonst ärgere ich mich dann so sehr, dass ich Dinge erzähle, die ich eigentlich gar nicht sagen will.

Welche Wünsche haben Sie für Lena Odenthal?

Ich bin gerade ganz glücklich, weil die Drehbücher von verschiedenen Autoren und Autorinnen sehr vielversprechend sind. Die nächsten drei Jahre sind auf jeden Fall gesichert.

Geht Lena dann mit 67 Jahren in Rente?

Die Frage ist, wann sie 67 wird. Ich glaube, dass sie nicht so alt ist wie ich.

Welchen Ausstieg würden Sie für sie wünschen?

Ich fände es schade, wenn sie erschossen wird. Ich habe da so eine romantische Vorstellung, dass da doch noch einmal eine große Verliebtheit kommt. Und da muss sie hinreisen. Sie packt ihre Koffer, fährt nach Frankfurt zum Flughafen – oder trampt sie? Auf jeden Fall sollte sie in die weite Welt hinaus, um einer Herzenssache nachzugehen.

Ein Ritt in den Sonnenuntergang.

Ein bisschen kitschig kann es ruhig sein.

Ulrike Folkerts Biografie „Ich muss raus“ ist im Brandstätter Verlag erschienen.

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