Udo Lindenberg: „Ich war nie der schnelle Aufreißer“

  • Seit dem 16.01. läuft „Lindenberg! Mach dein Ding“ in den deutschen Kinos.
  • Im Interview erzählt Sänger Udo Lindenberg, warum er bei der Premiere geweint hat und wie Armut in der Kindheit sein Leben beeinflusst hat.
  • Außerdem erklärt er, warum er keine Konzerte mehr auf Kreuzfahrtschiffen gibt.
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Herr Lindenberg, mit „Lindenberg! Mach dein Ding!“ kommt eine Erzählung über Ihre Kindheit und die Anfänge im Musikbusiness in die Kinos. Bei der Premiere des Films sind bei Ihnen einige Tränen geflossen. Was hat Sie so bewegt?

Udo Lindenberg: Beim Schauen des Films kamen die ganzen Erinnerungen wieder hoch. Das hat mich sehr gepackt. Ich habe mich selbst gewundert, denn ich weine nicht so schnell. Aber dieser Weg vom kleinen, schüchternen und zerbrechlichen Udo zu dem, was ich jetzt bin, das hat mich tief berührt. Die alten Zeiten in Gronau waren hart. Für mich, aber auch für meinen durch den Krieg schwer traumatisierten Vater und auch für meine Mutter, die sich mit uns Kindern durchkämpfen musste. Es wurde wenig gelacht, das Leben war trist und Knete hatten wir auch nicht.

Der Film zeigt, dass Sie nicht nur in Ihrer Kindheit, sondern zu den Anfängen Ihrer Musikkarriere nicht viel Geld hatten. Wie sehr beeinflusst Sie das noch heute?

Udo Lindenberg: Die Geldsorgen haben mich schon geprägt. Ich weiß zu schätzen, wenn Knete reinkommt und dass genügend Geld haben nicht selbstverständlich ist. Ich bin schließlich auch ein Zocker. Mal hatte ich Geld, dann war es wieder weg. Wie Ebbe und Flut. In guten Zeiten reiche ich deswegen auch immer etwas weiter. An Organisationen wie Unicef , Seenotrettung und Ärzte ohne Grenzen zum Beispiel.

Viele Menschen mit Ihrer Biografie hätten nicht so eine Karriere gemacht wie Sie. Was hat Sie angetrieben, Ihre Träume zu verwirklichen?

Udo Lindenberg: Ich hab an meinem Vater gesehen, wie es ist, Träume zu haben, die man nicht verwirklichen kann. Er wollte nicht Klempner werden, aber musste als ältester Sohn den Betrieb seines Vaters übernehmen. Er wäre gerne Dirigent geworden an der Mailänder Scala. Musik und Showtime, das war sein Ding. Deswegen hat er uns Kinder manchmal auch mitten in der Nacht geweckt, um vor uns zu dirigieren. Das war erschreckend, aber hat mich auch geprägt. Ich hab dann gedacht: Stellvertretend für ihn lebe ich diesen Traum. Ich werde nicht Klempner, ich mache was Großes mit Musik.

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Ist denn irgendwas von den Klempner-Fähigkeiten bei Ihnen hängen geblieben?

Udo Lindenberg: Nein, das hat mich nie gejuckt. Wenn heute mal was kaputt ist, brauche ich Hilfe wie jeder andere auch.

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Sie sind mit gerade einmal 17 Jahren für ein Jahr nach Libyen gegangen, um dort vor US-Truppen Musik zu machen.

Udo Lindenberg: Ich habe das Angebot bekommen und konnte meine Schulfreunde schwer beeindrucken: Immerhin gab es da 200 Dollar im Monat. Das waren stramme 800 D-Mark. Das war mit 17 Jahren echt gute Knete. Musikalisch hab ich dort einiges gelernt, aber ich habe auch viel gesoffen. Trinker-Grundausbildung, Haha. Die Soldaten hatten dort mit Flugzeugen putzen und Schrauben nachdrehen nicht viel zu tun, haben mich dann mit in Clubs geschleppt. Mir hat damals niemand gesagt, wie man Alkohol richtig dosiert. Ich dachte, ich kann trinken ohne Ende, nach der Mengenlehre: Mehr ist mehr! Irgendwann hatte ich dann in der Wüste einen Nervenzusammenbruch.

Man soll Sie auch mal mit einer Waffe bedroht haben.

Lindenberg: Das war Teil einer Hinrichtungsshow. Da hat man mir eine Knarre an den Kopf gehalten. Ich habe relativ schnell durchschaut, dass das Fake war. Aber ein Schocker war das trotzdem. Als ich zurück in Gronau war, musste ich erstmal zum Psycho-Klempner. Meine Mutter hat mich danach wieder aufgepäppelt. Glücklicherweise hab ich dann schon Steffi Stephan kennengelernt, dann ging‘s nach Münster und dann nahm alles seinen Lauf…

Im Film sagen Sie schon als Jugendlicher selbstbewusst zu Ihren Klassenkameraden „Ich komm groß raus“. Warum waren Sie so zuversichtlich, dass das schon irgendwie alles bei Ihnen klappt?

Lindenberg: Das ist bei mir als Automatik eingebaut. Ich bin ein Optimist – in jeder Hinsicht. Selbst wenn morgen die Welt untergehen würde, ich würd' wie Martin Luther noch ein Apfelbäumchen pflanzen, weil ich daran glauben würde, dass die Welt eben doch nicht untergeht. Alles nach dem Motto: keine Panik auf der Titanic. Ich hab das oft erlebt in großen Shows: Manchmal hat in der Generalprobe einfach gar nichts funktioniert und es drohte Voll-Katastrophe. Dann hab ich immer gesagt: „Wir kriegen das trotzdem alles hin, die Hand Gottes ist ja auch dabei, Keine Panik!“ Und am Ende haben wir es hinbekommen. Und wie!

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Wie optimistisch sind Sie, dass wir in Sachen Klimawandel noch die Kurve kriegen?

Udo Lindenberg: Wir sind alle sehr gefordert in Sachen Klimawandel. Ich freue mich total über diese hunderttausenden jungen Leute, die losziehen und sagen: ‚Wir lassen uns die Welt nicht kaputt machen.‘ Diese Masse an Aktivisten gab's schon lange nicht mehr, find ich sehr eindrucksvoll. Sie müssen jetzt dranbleiben mit ihren berechtigten Forderungen: Stoppt die Gier nach noch mehr Kohle, Fracking, Ölbohren in der Antarktis, Amazonas verfeuern, die ganze Verarsche nur um Knete zu machen, muss ein Ende haben. Die Friday-for-Future-Bewegung hat uns alle sensibilisiert – auch mich.

Sie geben zum Beispiel keine Konzerte mehr auf Kreuzfahrtschiffen.

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Lindenberg: Ich bin ein alter Seemann, ein wirklich leidenschaftlicher Seefahrer. Aber diese Schweröl-Arie geht nicht mehr. Die müssen die Dinger erst umrüsten. Wir wollen natürlich nicht zurück ins Mittelalter und die Seefahrt einstellen. Aber wir brauchen schnell gute Erfinder, die den Reedereien gute Alternativen präsentieren und diese möglich machen. Ich habe neulich das Segeln für mich entdeckt: Ich war mit einem Piraten-Windjammer in der Karibik und das ging auch hammergut.

Sie gehen im Sommer wieder auf große Tour. Werden Sie auch dort etwas verändern?

Lindenberg: Coldplay hat ja gerade die ganze Tour abgesagt. Das ist für uns keine Option. Wir touren ja auch nicht um die Welt, sondern nur durch Deutschland, Österreich und Schweiz. Aber wir haben tatsächlich nun auch Experten daran gesetzt, auszuarbeiten, wie wir die Tour möglich ökologisch vertretbar umsetzen können.

Der Film endet in den 70ern. Können Sie sich vorstellen, dass es noch eine Fortsetzung gibt?

Lindenberg: Na klar, kann ich mir ne Fortsetzung gut vorstellen. Der Film endet mit dem Durchbruch 1973. Danach ging die Action ja voll weiter. Es ist nahe liegend, einen zweiten oder sogar noch einen dritten Teil zu machen. Ich könnte mich dann streckenweise auch mal selbst spielen. Für den jungen Udo mussten wir natürlich nen Jungen nehmen, ich bin ja keine 20 mehr. Aber Jan Bülow war genau der Richtige, weil wir uns sehr ähnlich sind. Ganz cooler Vogel, aber auch gut schräg, kesse Sorte, aber auch ein kleines bisschen schüchtern so wie ich damals.

Schüchtern kann man Sie sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Ich war ja nicht immer der „Hoppla, hier komm ich ,Speedy Gonzales’“, mit einem Spruch nach dem anderen. Ich war eher die Kategorie „erstmal easy ein bisschen gucken“. Auch bei Frauen, ich war nie so der schnelle Aufreißer, sondern der sensible Slow Checker. Bin ich eigentlich heute immer noch (lacht). Das können sich Leute, die mich damals noch nicht kannten, heute gar nicht mehr so vorstellen. Jan Bülow zeigt das im Film sehr eindrucksvoll. Ein bisschen zart und verletzlich und dann wieder ordentlich größenknallig. Hat man eben beides im Angebot. Jan kopiert mich nicht, er bringt das auf seine Art und Weise. Aber er macht das so gut und wir sind uns irgendwie so ähnlich, dass ich manchmal denke: Ist er das jetzt auf der Leinwand oder bin ich das?

Udo Lindenberg und Jan Bülow bei der Premiere des Films in Leipzig. © Quelle: imago images/Christian Grube

Hatten Sie ihn beim Casting mit ausgesucht?

Lindenberg: Wir hatten ganz Deutschland abgecastet, und dann kamen die mit zwei, drei Jungs bei mir an, und ich hab gesagt: He is the one and only. Ein absoluter Glücksgriff.

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