Tobias Schlegl: Vom Moderator zum Notfallsanitäter

  • Mit Anfang 40 noch mal neu anfangen – mit dieser Entscheidung hat Tobias Schlegl für Aufsehen gesorgt.
  • Statt im Fernsehen sieht man den früheren ZDF-Moderator nun im Rettungswagen.
  • Im Interview spricht er über die Last der Einsätze, über seinen ersten Roman “Schockraum” – und darüber, dass Zuspruch allein Sanitätern nicht hilft.
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Herr Schlegl, Sie haben vor vier Jahren Ihren Job als Moderator im ZDF an den Nagel gehängt und eine Ausbildung als Notfallsanitäter begonnen. Wie fühlt sich das an, wenn mit Anfang 40 plötzlich alles neu ist?

Ich spule mal zurück. Am Anfang der Ausbildung war es nicht so leicht, auf einmal wieder zurückzustecken und plötzlich wieder der Lehrling zu sein. Da darf man kein allzu großes Ego haben. Jetzt wiederum fühlt es sich ziemlich gut an. Das ist ja meistens so, dass, wenn man von hinten auf einen Lebenslauf blickt, alles dann oft sehr geschliffen und schön aussieht. Aber solange man mittendrin steckt, ist das schon ein anderer Schnack. Jetzt, wo ich fertiger Notfallsanitäter bin und ich mich als Einsatzleiter bewähren und mein Wissen weitergeben darf, geht es mir sehr gut damit.

Gab es während dieser Zeit Zweifel, ob der Weg, den Sie gegangen sind, der richtige ist?

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Meine große Herausforderung war ganz am Anfang, mich dem Thema Tod zu stellen, zu dem ich, wie viele andere auch, eher einen verdrucksten Umgang gepflegt habe. Ich glaube, man kann schwerlich beschreiben, wie es ist, erstmals einen toten Menschen zu sehen. Es hat sich auf jeden Fall in mir eingebrannt. Trotzdem: Mit diesen Bildern umzugehen war die erste Herausforderung. Denn wie mein Protagonist in meinem Roman “Schockraum” bekam auch ich ein leichtes Frösteln vor meinen Krankenhausstunden im OP-Saal. 780 Stunden sind in der Ausbildung dafür vorgesehen. Und tatsächlich kam ich in der Mitte der Ausbildung zu einem Punkt, an dem ich nicht mehr wusste, ob ich das alles zu Ende bringen kann.

Schlegl betrachtet den Tod als “Endgegner”

Womit hatte das zu tun?

Das lag vor allem an einer Reihe von Einsätzen und was ich da in kurzer Zeit erlebt hatte.

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War Ihnen klar, was für eine Belastung der Job mitunter mit sich bringt?

Mir war schon klar, dass das mitunter ein hartes Berufsfeld ist, und ich wusste auch so ungefähr, was da auf mich zukommt. Aber es ist etwas völlig anderes, wenn man mittendrin steckt. Darauf kann man so auch nicht vorbereitet werden. Wenn man Pech hat, geht es gleich im ersten Praktikum zur Sache, und man hat die erste Reanimation. Aber genau das habe ich auch gesucht. Ich wollte etwas wirklich Relevantes machen, und das bedeutete für mich, in diesem Spalt zwischen Leben und Tod zu agieren, um dort Menschen konkret helfen zu können. Ich wollte den Tod als etwas betrachten, dem man sich stellen will und der – wie in einem Computerspiel – mein Endgegner ist, den es zu besiegen gilt.

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Aber man gewinnt nicht immer …

Das ist das Schlimmste, wenn man einfach nicht mehr helfen kann. Wenn man zum Einsatzort kommt, und die Person ist schon tot, und eine Reanimation muss gar nicht mehr eingeleitet werden. Mit dieser Hilflosigkeit muss man erst mal umgehen können.

Würden Sie sagen, dass Sie Ihren alten Beruf tatsächlich aufgegeben haben? Oder haben Sie den Beruf des Moderators nur für eine Zeit hintangestellt?

Ich würde das noch viel radikaler formulieren, denn meinen damaligen Hauptjob, die Moderation der ZDF-Sendung “Aspekte”, habe ich tatsächlich hingeschmissen. Das war schon recht wagemutig. Ein paar Tage später habe ich dann darüber nachgedacht, ob das jetzt auch wirklich die richtige Entscheidung war. Denn das Ganze war schon ein Risiko – beruflich wie finanziell.

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Wie lange gärte es schon in Ihnen, etwas zu verändern?

Wenn man 20 Jahre lang interessante Menschen präsentiert, dann fragt man sich natürlich irgendwann auch, was man selbst eigentlich Wichtiges tut. Natürlich ist der Job des Journalisten wichtig, ich will das gar nicht kleinreden, aber es hat mir einfach nicht mehr ausgereicht. Ich habe das kurz nach meinem Ausstieg in einem Interview mal als “Brummen im Kopf” beschrieben. Und kurz vor der Mitte des Lebens mit 40 dachte ich, dass ich jetzt die Notbremse ziehen muss, weil ich mich das sonst wahrscheinlich nicht mehr getraut hätte.

Eigentlich wollte Tobi Schlegl Medizin studieren

Und warum fiel die Wahl ausgerechnet auf den Beruf des Notfallsanitäters? Gab es da schon früher Berührungspunkte?

Tatsächlich wäre nach dem Abi mein Plan B oder C gewesen, Medizin zu studieren. Aber da kam der Job bei Viva dazwischen. Man könnte also sagen, der Notfallsanitäter ist mein kleines nachgeholtes Medizinstudium. Notfallsanitäter ist die höchste nicht ärztliche Qualifikation.

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Wie hat Ihr Umfeld auf die Entscheidung reagiert, noch mal neu anzufangen?

Tatsächlich haben mich viele für verrückt erklärt.

Vor zehn Jahren moderierte Tobias Schlegel noch die Satiresendung “Extra 3”. © Quelle: NDR

Und doch kennen viele Menschen die Sehnsucht, noch mal ganz von vorn anzufangen.

Ja, aber leider ist das in unserem System erst mal nicht vorgesehen. Ich war insofern privilegiert, als ich einen Job hatte, der so viel Geld abgeworfen hat, dass ich die drei Jahre auch finanziell überstehen konnte. Ich bin sehr dafür, dass man, wenn man schon 20 Jahre gearbeitet hat, die nächsten 20 nicht noch mal dasselbe machen muss. Man will ja auch noch was dazulernen, sich verändern, und man hat vielleicht gelernt, dass man der Gesellschaft etwas zurückgeben will.

Wie war die Reaktion der neuen Kollegen beim DRK, wo Sie Ihre Ausbildung begonnen haben? Dachten die, da kommt jetzt so ein Fernsehheini und macht ein Experiment, oder wurden Sie gleich ernst genommen?

Ein paar haben mich bestimmt auch belächelt oder nicht ernst genommen. Aber ich glaube, ich habe durch Einsatz und Willen relativ schnell gezeigt, dass ich es ernst meine und dass ich das nicht aus irgendwelchen PR-Gründen mache.

In seinem neuen Roman geht es um einen Notfallsanitäter

Trotzdem ist jetzt der Roman “Schockraum” entstanden, in dem Sie die Geschichte des Notfallsanitäters Kim erzählen.

Ja, aber das war am Anfang überhaupt nicht geplant. Ungefähr in der Mitte der Ausbildung gab es zwei, drei recht traumatische Situationen, die mich sehr mitgenommen haben. Ein Kollege bemerkte das und alarmierte für mich das sogenannte KIT, das Kriseninterventionsteam. Die sind in der akuten Phase einen Tag lang für einen da und haben mir sehr geholfen. Das war der Punkt, an dem ich mir überlegt habe zu schreiben. Irgendwann stellte ich mir dann die Frage, was eigentlich passiert wäre, wenn der Kollege mir in diesem Moment nicht geholfen hätte.

Was wäre die wahrscheinliche Folge gewesen?

Na ja, wahrscheinlich hätte ich mir im schlimmsten Fall wie mein Protagonist Kim eine Belastungsstörung eingefangen. Als mir das klar wurde, tauchte die Idee zum Buch wie ein Blitz in meinem Kopf auf. Ich dachte, ich muss die Geschichte so zu Ende erzählen, als wenn mir nicht geholfen worden wäre. Das unterscheidet mich von meinem Protagonisten absolut. Ich kann wieder Einsätze fahren, und ich fahre sie auch wieder gern. Der Roman spielt die “Was wäre, wenn …”-Frage durch.

Welche Fälle waren das, die Sie so aus der Bahn geworfen haben?

Es war nicht der eine Fall. Die psychische Belastung entsteht durch die hohe Schlagzahl an Fällen. Man fährt in der Regel sieben bis acht Einsätze am Tag. Und es sind zum Teil sehr heftige dabei. In meinem konkreten Fall waren es zwei, drei Fälle, die einfach schwer für mich waren. Fälle, die gar nicht blutig waren, sondern mich einfach emotional sehr mitgenommen haben.

Zum Beispiel?

Da ist zum einen die Einsamkeit vieler Menschen, die man immer wieder erlebt. Und dann war da der Einsatz, bei dem ich und mein Kollege zu einem Schlaganfall gerufen wurden. Die erwachsenen Kinder standen in der Tür, und Papa liegt dahinter auf dem Boden. Wir haben dann ziemlich schnell festgestellt, dass der Vater eben nicht nur einen Schlaganfall hatte, sondern einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Er war de facto tot, was die Kinder nicht erkannt haben. Was mich daran völlig schockiert hat, war, dass die Wahrnehmung in der Bevölkerung, was Erste Hilfe angeht, so gar nicht ausgeprägt ist. Das hat mich sehr mitgenommen. In einem anderen Fall musste ich eine ältere Dame mit Bauchspeicheldrüsenkrebs ins Hospiz fahren. Ich saß bei ihr hinten im Rettungswagen, und es stand einfach nur die große Frage im Raum, was ich in dieser Situation bloß reden soll. Ich habe mich dann dazu entschieden, einfach nur ihre Hand zu halten, und sie hat mich einfach nur angesehen. Das war unglaublich intensiv, weil man wusste, das ist ihr letzter Roadtrip. Und umso härter und intensiver ist es natürlich, wenn man ein Kind ins Hospiz fährt. Und auch das ist passiert.

“Das halten viele einfach nicht lange durch”

Müsste es für die Mitarbeiter im Rettungsdienst mehr Unterstützung und Hilfen geben?

Eindeutig. Mittlerweile hat jeder Profisportler einen Psychologen oder Therapeuten, und auch Soldaten wird geholfen. Im Rettungsdienst würde ich mir das auch wünschen.

Klingt da Kritik durch?

Im Grunde ist das die Metaebene des Romans, die psychische Belastung im Rettungsdienst. Da werden Menschen psychisch, aber auch physisch verfeuert. Viele Kollegen sind nach ein paar Jahren wieder weg, weil sie mit der Belastung und auch den Arbeitsbedingungen nicht klarkommen. Man schiebt um die 200 Stunden plus Überstunden, weil Personalnot ein riesiges Problem ist. Dazu bekommt man ein Gehalt, das bei der Verantwortung, die man trägt, sehr überschaubar ist. Das halten viele einfach nicht lange durch.

Wie lange schafft man den Job?

Also ich habe so den Schnitt von höchstens acht bis neun Jahren mitbekommen. Das ist ungefähr vergleichbar mit der Pflege. Andere überbrücken auf dem Rettungswagen auch nur ihre Zeit bis zum Studium. Was natürlich auch schlimm ist, wenn man gut ausgebildete Leute schnell wieder verliert.

Was müsste sich ändern?

Man muss runter von den Arbeitsstunden, und die Bezahlung muss hochgeschraubt werden. Da klatschen die Leute alle sehr schnell, doch sobald es dann heißt, das kostet jetzt 0,01 Prozentpunkte Krankenversicherung mehr, hört der Beifall ganz plötzlich wieder auf.

Beim Thema Applaus für Pflegekräfte ist man gedanklich ganz schnell im April, als in Deutschland und auch in anderen Ländern die Menschen auf ihre Balkone getreten sind, um den Pflegekräften in der Corona-Zeit zu applaudieren. Wie haben Sie das gesehen?

Ich habe das schon als sehr aufrichtig empfunden. Auch weil die Leute hilflos waren, was sie jetzt machen sollen. Beifall ist grundsätzlich ein schönes Symbol. Aber daraus ist politisch natürlich nichts gefolgt. Dass es eine Bonuszahlung gibt für Pfleger im Pflegeheim und nicht für jene im Krankenhaus und auch nicht für den Rettungsdienst, war ein Schlag ins Gesicht. Das hat mich wütend gemacht. Ich glaube, die Menschen da draußen haben das schon recht aufrichtig gemeint. Aber sobald es an den eigenen Geldbeutel geht, wird der Applaus nun mal schnell leiser.

Wie hat Corona Ihre Arbeit beeinflusst?

Corona hat natürlich alles komplizierter gemacht. Wir sind an der Front und können uns leichter infizieren – eine grundsätzliche Gefahr im Rettungsdienst. Schon im Auswahlverfahren für die Ausbildung lautet eine der ersten Fragen, die gestellt werden: Sie werden viele infizierte Patienten haben und keinen hundertprozentigen Schutz. Würden Sie dieses Risiko eingehen? Auf diese Frage habe ich damals spontan mit Ja geantwortet.

Mit Blaulicht in ein neues Leben

Von Viva über den NDR zum ZDF: Die Karriere von Tobias Schlegl lief im Grunde wie am Schnürchen. Bis Juli 2016. Da gab der 42-Jährige bekannt, dass er sich zurückziehen würde, um Notfallsanitäter zu werden. Schlegl kündigte seinen Moderationsjob bei der ZDF-Kultursendung “Aspekte” und bewarb sich beim Deutschen Roten Kreuz in Hamburg für die dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter.

Am 10. März dieses Jahres verkündete Schlegl via Twitter, dass er die Ausbildung mit Staatsexamen bestanden habe. Er fährt mittlerweile zweigleisig – auf dem Rettungswagen für das Rote Kreuz und hinter dem Mikrofon für den norddeutschen Radiosender N-Joy, wo er immer noch die Sendung “Song des Lebens” präsentiert.

Vor wenigen Tagen ist der erste Roman von Tobias Schlegl erschienen. “Schockraum” (Piper, 288 Seiten, 22 Euro) erzählt die Geschichte des Notfallsanitäters Kim, der zwischen Nachtschichten und Zwölf-Stunden-Diensten immer ängstlicher wird und beginnt, Fehler zu machen. Gleichzeitig geht die Beziehung von Kim und seiner Freundin Marie in die Brüche und Kim gerät an die Grenze seiner psychischen Belastbarkeit.

Das Buch sei nicht geplant gewesen, sagt Schlegl. Aber im Laufe der Zeit habe er das Bedürfnis gehabt, von seinen Erlebnissen und Einsätzen zu erzählen. “Schockraum” gewähre seinen Lesern einen Einblick in den Alltag im Rettungswagen – und auf die Belastungen, denen Schlegl und seine Kollegen täglich ausgesetzt sind.

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