Störrischer Einzelgänger: Clint Eastwood wird 90

  • Das Alterswerk überstrahlt den Beginn seiner einzigartigen Karriere.
  • Der Regisseur und Schauspieler Clint Eastwood feiert am 31. Mai seinen 90. Geburtstag.
  • Er gilt als störrischer Individualist, der auch immer mal wieder aneckt.
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Hannover. Beim Parteitag der Republikaner vor acht Jahren las Clint Eastwood einem leeren Stuhl die Leviten. Hinterher wurde die lebende Hollywood-Legende mit Spott überschüttet: Was war bloß von diesem seltsamen Auftritt des Alten zu halten?

Die Sitzgelegenheit auf der Bühne sollte den amtierenden Präsidenten Barack Obama imaginieren. Eastwood attackierte einen Stuhl als den seiner Ansicht nach größten Volks- und Wahlbetrüger in der amerikanischen Geschichte. Ja, war dieser Monolith des US-Kinos irre geworden?

Eastwood erklärte seine zwölfminütige Show damit, dass ihm die Idee beim Warten gekommen sei. Dauernd sei ihm, dem 82-Jährigen, der Stuhl zum Ausruhen angeboten worden. Dreierlei habe er vermitteln wollen: „Dass nicht jeder in Hollywood links steht, dass Obama eine Menge Versprechen gebrochen hat und dass die Leute das Recht haben, jeden Politiker abzusetzen, der keine gute Arbeit leistet."

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Störrischer Individualist

Im Grunde hatte Eastwood getan, was er immer schon in seinen 65 Jahren vor und hinter der Kamera getan hat – als störrischer Individualist sein Ding durchgezogen. So agierte er in vielen Filmen, und so eckt er eben auch im wirklichen Leben an.

Gerade bei Eastwood fällt es schwer, beides auseinanderzuhalten. Aber man sollte es unbedingt tun. Je älter Eastwood wird, desto eher ist er als Regisseur auch bereit, Rollen infrage zu stellen, die er in seinen ersten Leinwand-Jahrzehnten verkörperte.

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Es gab eine Zeit, da schoss Clint Eastwood in seinen Kinorollen alle über den Haufen, die sich ihm in den Weg stellten. Er trug einen Zigarillo im Mundwinkel, einen Poncho über der Schulter und ein unbewegtes Gesicht zur Schau.

Durchbruch mit Spaghetti-Western

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Seinen Durchbruch hatte er 1964 mit Sergio Leones Spaghetti-Western “Für eine Handvoll Dollar”. Einen echten Star konnte sich der Italiener damals nicht leisten, Eastwood spielte für 15.000 Dollar Gage – und begründete den Mythos vom Fremden ohne Namen.

In der Rückschau muss man sagen: Hätte der in San Francisco geborene Junge aus armen Verhältnissen damals keine Western gedreht: Wir hätten kaum den späten Eastwood kennengelernt, der Werke inszeniert, die ihn von einer ganz anderen Seite zeigen.

Zunächst hatte Eastwood sein Brot als Schwimmlehrer und Holzfäller verdient. In Hollywood wollte ihn niemand wirklich haben. Erst der Umweg über Italien brachte ihm Ruhm – und die Festlegung auf den wortkargen Einzelgänger.

Spott von Filmkritikern

Als Großstadtpolizist in den “Dirty Harry”-Filmen legte er nach. Dieser Verbrecherjäger ließ sich kaum von jenen unterscheiden, die er jagte. Dirty Harry schoss erst und fragte dann. Wenn er redete, dann in Einzeilern. Sein berüchtigter Spruch “Make my Day” kam einem Todesurteil gleich.

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Anders als ein Plädoyer für Lynchjustiz ließen sich diese Filme kaum interpretieren – und verstehen wohl nur in einem Land, in dem die Auffassung verbreitet ist, dass jeder sein Schicksal selbst in die Hand nehmen muss. Zur Not mit Waffengewalt, wenn auf Politik und Bürokratie kein Verlass ist.

Die US-Filmkritikerin Pauline Kael verspottete Eastwood damals wegen seiner minimalen schauspielerischen Expressivität als Absolventen der Mount Rushmore School of Acting – auch die in das Bergmonument von South Dakota gemeißelten Riesenköpfe von vier US-Präsidenten verziehen ihre Miene nicht.

Eastwood rechnet mit Western ab

Sucht man nach dem einen Film, der in Eastwoods Karriere den Übergang zum Alterswerk markiert, dann ist das der Western “Erbarmungslos” (1992): Noch einmal setzt der Revolverheld, gespielt von Eastwood, auf die Gewalt, der er doch schon abgeschworen hatte. Er will eine Hure rächen.

Gene Hackman verkörperte einen fiesen Sheriff in dem Film. Ihn konnte Eastwood nur mit dem Argument ködern, dass er Gewalt als zerstörerisch darstellen wolle – so nachzulesen in der kompakten, 100 Seiten schmalen Biografie “Clint Eastwood“ (Reclam) von Alexander Kluy.

Mit “Erbarmungslos” würdigte Eastwood noch einmal den Western, rechnete aber gleichzeitig mit dem Genre ab – und damit auch mit seiner Vergangenheit. Endlich kam er auch zu Oscar-Ehren – aber nicht als Schauspieler, sondern als Regisseur und Produzent. Erst jetzt, im zarten Alter von 63, wurde er gepriesen in Hollywood.

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“Million Dollar Baby” - ein großer Coup

Wenig später erschuf er sich als Frauenversteher neu. In dem eigenhändig inszenierten Melodram “Die Brücken am Fluss” (1995) liebte er Meryl Streep so unglücklich, dass Zuschauertränen flossen.

Humor zeigte er plötzlich auch: In “Space Cowboys” (2000) schoss er sich zusammen mit Donald Sutherland, Tommy Lee Jones und James Garner als Senioren-Astronauten ins All.

Sein nächster großer Coup: das Drama “Million Dollar Baby” (2004), das wie ein klassischer Boxerfilm beginnt (mit weiblicher Besetzung: Hilary Swank) und als anrührendes Sterbehilfedrama endet. Auch dafür gab es Oscars für Regisseur und Produzent Eastwood – und Anfeindungen obendrauf: Am Ende stellt Eastwoods Charakter im Krankenhaus die lebenserhaltenden Systeme für seinen Schützling ab.

Ultrakonservativ und trotzdem überraschend

Eastwood hielt seinen Kritikern entgegen: “Ich erzähle nur eine Geschichte, ich trete nicht für etwas ein. Ich bin in Filmen umhergelaufen und habe Menschen mit einer 44er-Magnum erschossen. Aber das heißt nicht, dass ich das gutheiße.”

In den Kriegsfilmen “Flags of our Fathers” und “Letters from Iwo Jima” (beide 2006) tat er schon wieder Ungewöhnliches für einen als ultrakonservativ Verschrienen: Er zeigte den US-Pazifikkrieg einmal aus der Perspektive der Amerikaner und einmal aus jener der Japaner. Für Amerikaner war das unbequem.

Inzwischen lässt sich Eastwood auf der Leinwand auch mal erschießen. In “Gran Torino” (2008) hat der Rentner Walt Koslowski alias Eastwood den Kampf gegen die Gang in der Nachbarschaft aufgenommen – bis er entdeckt, dass er diese mit Gewalt nicht zur Rechenschaft ziehen kann.

Eigene Produktionsfirma

Walt provoziert schließlich seine Gegner und stirbt im Kugelhagel. Noch mit seinem Tod beharrt Walt trotzig auf sein Recht auf Selbstbestimmung. Es ist ein langer Weg von Dirty Harry zum Rentner Walt.

Eastwoods Regiearbeiten – zuletzt verkörperte er in “The Mule” (2018) einen Drogenschmuggler, in “Der Fall Richard Jewell” (2019) setzte er einem verkannten Helden ein Denkmal – überstrahlen längst sein früheres Werk. Geblieben ist seine Effizienz. Keine Szene zu viel ist seine Devise. Manchmal unterbietet er die vorgegebene Drehzeit, manchmal auch das Budget.

Schauspieler Ed Harris (dabei in “Absolute Power” 1997) beschreibt die Dreharbeiten mit ihm so: “Ich kann mich ehrlich nicht daran erinnern, täglich länger als bis vier Uhr nachmittags gearbeitet zu haben. Und wir haben nie mehr als zwei Takes gebraucht.” Seit 1967 hat Eastwood seine eigene Produktionsfirma Malpaso und umgibt sich mit immer denselben Leuten.

Eastwood greift gesellschaftliche Themen auf

Eastwood selbst hat stets zwischen Leinwand und Leben zu unterscheiden gewusst. Zwei Jahre lang war er Bürgermeister seines kalifornischen Wohnorts Carmel und stritt vor allem für die Umwelt. Er ist Verfechter der Todesstrafe – aber kein blinder Gefolgsmann der Republikaner. Genauso tritt er für das Recht auf Abtreibung und die Ehe für alle ein und gegen Kriege in fernen Ländern wie Afghanistan.

Als “Mann mit Eigenschaften” (Schüren Verlag) bezeichnet ihn Autor Kai Bliesener in seiner brandneuen Eastwood-Biografie, in der er allerdings allzu viel von dem rekapituliert, was andere schon vor ihm über Eastwood geschrieben haben.

“Diese dumme Sache”

Über Billy Wilder hat Eastwood mal gesagt, dass er nicht verstehe, warum dieser bereits mit schlappen 75 Jahren aufgehört habe, Filme zu drehen. Dabei sei das Alter doch die beste Zeit zu arbeiten – “so lange man willens ist, sich zu ändern”.

Am 31. Mai wird Eastwood 90 Jahre alt. Man kann ihm glauben, dass er immer noch willens ist, sich zu ändern.

Die Verbalattacke auf den Stuhl bei den Republikanern hat er viel später als “diese dumme Sache” bezeichnet. Und womöglich bei diesen Worten sogar gegrinst.

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