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Sebastian Fitzek: „Häusliche Gewalt ist ein Massendelikt“

  • Thrillerkönig Sebastian Fitzek veröffentlicht mit „Der Heimweg“ sein bisher unheimlichstes Buch.
  • Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht der Autor über Altersfreigaben für Bücher, Grabsteine mit Handynummern und Partnerschaftsgewalt.
  • „Häusliche Gewalt ist ein Massendelikt, von dem viele betroffen sind“, erklärt Fitzek.
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Seine Thriller haben oftmals harmlos klingende Titel wie „Das Paket“ oder „Der Heimweg“. Doch die Handlungen haben es in sich und sind nichts für Zartbesaitete. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht Schriftsteller Sebastian Fitzek über Altersfreigaben, Grabsteine und häusliche Gewalt.

Herr Fitzek, müssten Thriller nicht auch eine Altersfreigabe wie Filme bekommen?

Ja, finde ich schon, ist praktisch aber nicht durchführbar. Einen Film kann man mal in 90 Minuten gucken, aber ein Thriller dauert ungleich länger. Wer soll diese ganzen Bücher lesen? Vor allem müssten die dann auch noch von mehreren Personen gelesen werden, um sie objektiv bewerten zu können. Das ist schwer. Da ist schon eher die Verantwortung der Buchhändler gefragt. Wenn man eine Zehnjährige mit einem Thriller in der Hand sieht und dann sagt: „Das Buch ist vielleicht nichts für dich.“ Und es ist auf jeden Fall auch die Verantwortung der Eltern, zu schauen, was der Nachwuchs liest.

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Hätte Ihr neuester Thriller „Der Heimweg“ einen Sticker „Ab 18 Jahren“ verdient?

Ab 18 Jahren würde ich mein Buch eher nicht sehen. Es ist ein intensives Thema, mit dem man sich aber auch schon mit 16 Jahren beschäftigen sollte.

Aber nicht ab 14 Jahren. Oder?

Eine Psychologin hat mir mal gesagt, dass es ganz wichtig ist, dass man jemanden hat, mit dem man über den Inhalt reden kann. Es ist völlig egal, ob man ein Buch liest, ein Computerspiel spielt oder einen Film sieht, die Bilder, die im Kopf entstehen, müssen verarbeitet werden. Das geht auch durch Gespräche. Man darf nicht alleingelassen werden, sondern muss jemanden zum Reden haben. Das kann aber auch für einen verstörenden Liebesroman gelten oder so was wie „50 Shades of Grey“, was vermehrt von jungen Mädchen gelesen wird. Auch da wüsste ich nicht, ab welchem Alter man die lesen sollte. Das hängt wirklich individuell vom Reifegrad des Lesers beziehungsweise der Leserin ab und dem Umfeld, das man hat.

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Ihr Verlag bewirbt Ihren Thriller mit „Sebastian Fitzeks unheimlichstes Buch“. Merkt man bereits beim Schreiben, dass ein Werk heftiger als die anderen ist?

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Es wurde mir bereits von sehr vielen Menschen zurückgespielt, dass das Thema des Buches sehr intensiv ist. Das liegt aber daran, dass häusliche Gewalt ein Massendelikt ist und dass viele Menschen persönlich davon betroffen sind, die so einem Anfangsmartyrium entkommen konnten. Und es gibt sehr viele Menschen, die sagen, dass sie das leider in ihrem näheren Umfeld haben. Die Gewalttat betrifft nicht immer nur denjenigen, der sie ausübt, und denjenigen, der darunter leidet, sondern auch das gesamte Umfeld. Leider ist nicht viel Recherche notwendig, um auf ein Opfer von häuslicher Gewalt zu treffen. Deswegen haben mir auch Leute schon bei der bereits veröffentlichten Leseprobe zu „Der Heimweg“ geschrieben, dass sie das an Dinge erinnert, die sie selber erfahren oder die sie mitbekommen haben, und unsicher sind, wie man damit umgehen soll.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee zu dem Stoff gekommen?

Die Grundidee war gelegt, als mir eine Leserin in einer E-Mail nebenbei eröffnete, dass sie ehrenamtlich beim Heimwegtelefon arbeitet. Damals wusste ich nicht, was das ist, habe recherchiert und festgestellt, dass das eine super Idee ist. Wenn man nachts Angst hat und niemanden anrufen kann, ist es toll, wenn man eine Stimme hat, die einen nach Hause führt. Das ist nicht nur eine tolle Einrichtung, sondern auch ein gutes Thrillersetting. Das Thema häusliche Gewalt kam erst während des Schreibens hinzu. Ich bin kein Schriftsteller, der eine Agenda hat und sich bestimmte Themen vornimmt, sondern in erster Linie will ich unterhalten. Aber ich bin auch ein Mitglied der Gemeinschaft und ein soziales Wesen und merke beim Schreiben, welche Themen mir offensichtlich unter den Nägeln brennen.

Laut Bundesministerium für Familie soll jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt haben. Das ist eine erschreckend hohe Zahl.

Es war auch sehr lange die Rechtslage so, dass Vergewaltigung in der Ehe gar nicht strafbar war. Auch hochrangige Politiker waren noch sehr lange der Meinung, dass die Frau dem Mann in der Ehe zur Verfügung stehen muss. Wobei es häusliche Gewalt auch andersherum gibt, dass Männer misshandelt werden. Aber das ist nach wie vor die Ausnahme, aber es gibt schon auch sogenannte Männerhäuser.


Sebastian Fitzek: „Ich plädiere für handyfreie Zonen“

Sie haben Ihr Buch lange vor der Corona-Pandemie angefangen zu schreiben, aber häusliche Gewalt ist momentan als Thema aktueller denn je.

Das scheint ein Thema zu sein, das in der Luft liegt und andere beschäftigt. Es ist gut, dass es noch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt wird. Aber ich habe kein Sachbuch geschrieben, denn was nicht erwähnt wird: Wenn man Opfer ist, hat man häufig Angst, sich zu outen oder mit jemandem darüber zu sprechen. Oftmals haben die Täter auch ein doppeltes Gesicht. Wenn man sich als Frau in jemanden verliebt, der dann später sein wahres Gesicht zeigt, das Umfeld aber weiter denkt, wie charmant doch der Mann ist. Wenn man aber in Lebensgefahr ist, kann man in jede Apotheke gehen und dort „Maske 19“ sagen. Gerade in dieser Corona-Zeit kann man leicht eine Maske bestellen, auch wenn der Partner dabei ist. Das ist quasi ein verschlüsselter Hilferuf. Apothekerinnen und Apotheker wissen dann, dass diejenige Person, die das äußert, Opfer von häuslicher Gewalt ist.

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Werden Sie nach der Buchveröffentlichung erst mal ein paar Tage entspannen? Oder nehmen Sie sofort das nächste Buch in Angriff?

Entspannen ist so eine Sache, wenn man mit dem Kopf arbeitet. Man wird immer inspiriert, aber tatsächlich entspanne ich durch ein gutes Buch, einen Film oder eine Serie, bei der man den Kopf einfach mal freikriegt. Wichtig ist nur, dass mein Handy nicht in Reichweite ist, dass man schnell was googelt. Ich plädiere sowieso für handyfreie Zonen. (lacht)

Neulich habe ich gelesen, dass es einen Friedhof geben soll, auf dem Handygespräche verboten werden sollen.

Ich wollte immer, dass auf meinem Grabstein meine Telefonnummer steht und man einen Anrufbeantworter hört: „Ich bin momentan nicht erreichbar, aber sobald ich eine Möglichkeit gefunden habe, mich von dort, wo ich bin, zurückzumelden, mache ich das. Bis dahin können Sie mir eine Nachricht hinterlassen.“ Diese Nachrichten kann man sich dann auf meiner Homepage anhören. Aber die Vorkehrungen für diese Aktion habe ich noch nicht getroffen. (lacht) Wenn man auf dem Friedhof ist und sieht auf einem Grabstein nur eine Telefonnummer, glaube ich schon, dass der ein oder andere sein Handy zückt und da anruft. (lacht)

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