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Schluss, Ende, vorbei: Wenn Politiker und Promis zurücktreten

  • Ein Amtsverzicht ist eine Lebensentscheidung.
  • Annegret Kramp-Karrenbauer, Jürgen Klinsmann, Kardinal Marx, Mike Mohring – vier Persönlichkeiten haben in dieser Woche ihren Rückzug angekündigt.
  • Weil sie schwach sind?
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Hannover. Als Papst Benedikt XVI. sich am 11. Februar 2013 während einer Vollversammlung der Kardinäle im Vatikan an seine “lieben Mitbrüder” wendet, wird er ahnen, dass seine nächsten Worte in die Geschichte eingehen werden. Leise, fast monoton verliest der 85-Jährige eine Erklärung auf Latein und verkündet seinen Rücktritt als Papst. In 700 Jahren hat die katholische Kirche das zuvor nur ein einziges Mal erlebt. Benedikt XVI. hat den letzten Satz noch nicht beendet, da dreht ihm jemand das Mikrofon weg im allgemeinen Gewusel. Joseph Ratzinger rührt sich nicht, blickt nicht hoch. Er bleibt einfach sitzen, auf dem Heiligen Stuhl.

Es ist das beliebte Bild, das einem Rücktritt so häufig vorausgeht: Jemand, der an seinem Sessel klebt; der etwas auszusitzen versucht auf einem Stuhl, an dem längst andere sägen. Jemand, der einfach nicht Platz machen will für andere.

Ihren Stuhl freigegeben haben in dieser Woche: CDU-Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer am Montag, Kardinal Reinhard Marx und Fußballtrainer Jürgen Klinsmann am Dienstag, der thüringische CDU-Landeschef Mike Mohring am Freitag. Sie alle haben ihren Amtsverzicht erklärt – aus sehr unterschiedlichen Positionen und Motiven. Aber mit ähnlich überraschten bis empörten Reaktionen.

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Das Prinzip Gesichtswahrung

Von einer Rücktrittswelle war prompt die Rede, vom Hang zum Hinwerfen, vom Trend des Aufgebens, von immer plötzlicher auftretender Ohnmacht der Mächtigen. Was aber haben die Rückzüge aus Spitzenpositionen in Sport, Kirche und Politik überhaupt gemeinsam? Welche Mechanismen wirken da? Welche Rolle spielt die Zeit, die Gesellschaft, in der jemand zurücktritt – oder es trotz aller Aufforderungen nicht tut?

“Typischerweise versucht jemand, der zurücktritt, den Vorgang bestmöglich als seine eigene Entscheidung zu verkaufen”, sagt Nico Rose, Professor für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management in Dortmund. “Auch um den Druck anderer Instanzen zu verschleiern, die das natürlich begrüßen, um von eigenen Fehlern abzulenken.” So wahren nach außen alle ihr Gesicht. Zumindest so lange, bis sich vermeintliches Insiderwissen in die Berichterstattung mischt. Aber wie kommt es überhaupt so weit?

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Kardinal Reinhard Marx tritt nicht mehr zur Wahl des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz an.  @ Quelle: Federico Gambarini/dpa

Nüchtern betrachtet, so formuliert es der Psychologieprofessor, haben Kramp-Karrenbauer, Klinsmann, Marx und Mohring eines gemeinsam: “Sie alle hatten zum Zeitpunkt ihres Rücktritts nicht (mehr) die Machtfülle, die sie sich wünschten.” Da ist zum einen Kramp-Karrenbauer, deren Einfluss in ihren 14 Monaten als CDU-Chefin stetig schwand. Schon bei der Wahl zur Parteivorsitzenden hatte sie sich nur knapp gegen Friedrich Merz durchsetzen können. Als Kanzlerkandidatin sahen sie nur wenige, und zuletzt zeigte sich in Thüringen, welchen Schaden die mangelnde Autorität einer Parteichefin anrichten kann.

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Mike Mohring hat gerade einen vorgezogenen Landesparteitag und die Neuwahl des Vorsitzenden angekündigt. Ihm ist das überzogene Selbstbewusstsein zum Verhängnis geworden, mit dem er seinen Pakt mit der AfD geschlossen hat – gegen den ausdrücklichen Willen der Bundespartei und vieler CDU-Wähler.

Auch Fußballtrainer Klinsmann hatte nur noch wenig Rückhalt von Hertha BSC, das jedenfalls bemängelte er selbst in seiner Rücktrittsankündigung bei Facebook. Er könne sein “Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen”, schrieb er, ohne den Verein vorab informiert zu haben, bei dem er Trainer und Sportdirektor in einer Person werden wollte.

Amt und Person verschmelzen

Ein ähnliches Machtdefizit spürte wohl Kardinal Marx, der nach sechs Jahren an der Spitze kein zweites Mal als Vorsitzender der Bischofskonferenz kandidieren will. Er betont zwar, dass er der jüngeren Generation nun eine Chance geben wolle, wirkt aber insgesamt mehr amts- als altersmüde. Zu zermürbt scheint er vom jahrelangen Gegenwind für seine – durchaus moderaten – Reformpläne und seine Vorstellungen für die Entschädigung der Missbrauchsopfer.

Kramp-Karrenbauer, Klinsmann, Marx und Mohring waren letztlich nicht (mehr) mächtig genug. “Soziologisch betrachtet gibt es in jeder Organisation zu jedem Zeitpunkt ein immer gleiches Maß an Macht”, sagt Wirtschaftspsychologe Rose. “Sie verhält sich wie Luft zu einem Vakuum. Macht ist wie Geld niemals weg, sondern nur woanders.” Wenn Menschen scheinbar freiwillig ihre Macht aufgäben, dann liege das in der Regel daran, dass diese vorher schon zu einem guten Teil woanders war.

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Es gibt mächtige Menschen, und es gibt mächtige Positionen. Historisch war beides eins. In der feudalen Weltordnung war jemand qua Geburt mächtig – oder eben nicht. Könige, Kaiser, Fürsten herrschten auf Lebenszeit, ob gewollt oder nicht, ob geeignet oder nicht. Die Trennung von einem Amt und der Person, die es ausführt, ist eine Errungenschaft der Neuzeit, die mit dem Westfälischen Staatensystem als politischer Ordnung nach 1648 begann. Dass jemand also ein Amt für einen absehbaren Zeitraum einnimmt, sollte eigentlich einen Vorteil haben: dass es Amtsträgern leichtfällt, diese vorübergehende Rolle wieder abzustreifen.

Für den Kultursoziologen Clemens Albrecht ist das genau das Problem: “Es gibt heute Ämter von so hohem öffentlichen Interesse, dass immer mehr Erwartungen an die Menschen gestellt werden, die sich in höchstem Maße mit ihrer Rolle identifizieren sollen.” Amt und Person verschmelzen zunehmend wieder – und umso schwerer fallen Rücktritte.

Ein fragwürdiger Tweet reicht

Ob Bundeskanzler oder Bundestrainer – die persönliche Eignung wird schneller infrage gestellt als je zuvor, Charaktereigenschaften und Privatleben werden unter die Lupe genommen, gerade in Zeiten des immerwährenden Internetarchivs. Schon ein fragwürdiger Tweet genügt manchmal für einen Rücktritt.

“Planschminister” Rudolf Scharping (SPD) konnten peinliche Poolbilder auf Mallorca mit seiner neuen Frau politisch nicht viel anhaben, die 2001 erschienen, kurz nachdem er Bundeswehrsoldaten nach Mazedonien abkommandiert hatte. Gehen musste er 2002 als Verteidigungsminister im Kabinett Schröder, weil er nebenbei Honorare für Vorträge von einem dubiosen PR-Manager kassiert hatte. Er verlasse dieses Amt “mit erhobenem Haupt und geradem Rückgrat”, sagte Scharping damals. Auch Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) hat sich in der Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit gewunden und trat erst nach Wochen widerwillig als Verteidigungsminister zurück.

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Rücktritte aller Art hat es immer gegeben, und es wird sie immer geben. Es gibt die Herauszögerer wie Scharping und zu Guttenberg. Im Zu-spät-Zurücktreten seien Politiker Musterbeispiele, sagt Soziologe Albrecht. “Der Sexappeal des Machtgefühls ist in keiner Branche stärker als in der Politik. Es ist diese Macht über alle Machtbereiche.“ Politiker definierten sich dabei oft so sehr über ihr Amt, dass sie ohne es in tiefe Löcher fielen. Mutmaßlich wie Martin Schulz, der nach 20 Jahren Europapolitik und einem kurzen Kanzlerkandidatenrausch am Ende vor dem Nichts stand und selbst bei Wikipedia nur noch als „ein SPD-Politiker“ beschrieben wird.

Der innere Druck entscheidet

Besser machen es da die Vorsorger wie Kramp-Karrenbauer, Klinsmann oder Marx: Wer eine berufliche Perspektive hat, dem fällt es leichter, eine Spitzenposition aufzugeben. Kramp-Karrenbauer bleibt Verteidigungsministerin, Marx behält seine Ämter im Vatikan, und Klinsmann hat finanziell und karrieretechnisch längst ausgesorgt. Hinzu kommt die Privatperspektive: Auch die Freiheitseinbußen einer Spitzenposition werden mit dem Amt wieder abgegeben.

Und dann gibt es noch jene, die gar nicht daran denken, zurückzutreten, die Aussitzer wie Christian Lindner (FDP) oder Andreas Scheuer (CSU), an denen Rücktrittsforderungen von außen abzuprallen scheinen. Entscheidend sei ihnen der Rückhalt von innen, sagt Soziologe Albrecht. “Politiker treten in zwei von drei Fällen aus innerparteilichen Gründen zurück”, sagt er, “bei hohem öffentlichen Beschuss macht der Parteirückhalt den Angegriffenen sogar noch stärker.” Dass jemand dann im Amt bleibt, habe erst mal nichts mit seinem Charakter zu tun. Lindner ist also nicht zwingend ein unbelehrbarer Narzisst, sondern einfach der aktuell geeignetste Chef aus Sicht der FDP.

Aber auch andere Mechanismen tragen zur Verschmelzung von Ämtern und Personen bei. Joseph Ratzinger wird immer Papst bleiben, er hat ein Amt vor Gott. Auch Fußballfiguren sind mitunter heilig. “Trainerposten sind hochpersonalisiert”, sagt Albrecht, “Charaktereigenschaften und Charisma werden ihnen so zugeschrieben, dass sie diese Rolle kaum wieder loswerden.”

Bei allem Wirbel um Klinsmanns Attitüden profitiert er bis heute vom Image des “Sommermärchen”-Machers bei der Heim-WM 2006. Motivationsmaschine Klinsi, Vater des neuen Fußballs, als Nationalspieler selbst Weltmeister und Europameister. Ähnlich wie sein Trainerkollege Jürgen Klopp, der derzeit hellste Stern am europäischen Fußballhimmel. In der britischen Presse schreiben sie von “the Klopp effect”, in Deutschland nannten sie ihn irgendwann nur noch “Jürgen Gott”. Rücktritt ausgeschlossen. Vorerst.

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