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Schauspielerin Isabelle Huppert: “Bestimmte Filme sind eher auf Männer ausgerichtet”

  • Erst zieht Isabelle Huppert noch schnell ihren Lippenstift nach, dann steht die Schauspielerin Rede und Antwort in einem Berliner Hotel.
  • Sie spricht über ihre Heimatstadt Paris, Provokationen im Kino – und einen Hund als Mitspieler in ihrem neuen Film “Eine Frau mit berauschenden Talenten”.
  • RND-Redakteur Stefan Stosch hat sie befragt.
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Berlin. Madame Huppert, Sie als eingefleischte Pariserin: Wie erleben Sie die Verwandlung der Stadt, die ohne Touristen den Einheimischen gehört?

Die letzten paar Wochen war ich unterwegs. Ich komme gerade aus Italien von einem Fotoshooting, bin also nicht auf dem aktuellen Stand. Aber ja, Paris ist anders geworden. Überall sind Fahrradstraßen aufgetaucht, diese sogenannten Pop-up-Bike-Lanes. Aber ich persönlich fahre nicht Rad, ich gehe zu Fuß.

Kein anderes Land liebt das Kino so sehr wie Frankreich: Wie überstehen die Pariser Cineasten diese niemals enden wollende Corona-Krise?

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Die Situation ist alles andere als ideal. Immerhin haben die Kinos wieder geöffnet. Ich bin sofort wieder hingegangen, egal ob ich in Paris oder anderswo unterwegs war. Glücklich bin ich auch deshalb darüber, weil meine Familie zwei kleine Kinos in Paris betreibt.

Wie läuft es dort?

Eigentlich ganz gut, trotz der Sicherheitsabstände. Kinos waren ja auch vor Corona nicht immer bis zum Anschlag ausgebucht.

Sie gehören dem exklusiven Club der Darstellerinnen an, die beim Filmfestival in Cannes zweimal die Goldene Palme gewannen. Hätten Sie sich je vorstellen können, dass das weltweit wichtigste Cineastentreffen ausfallen könnte, so wie es im Mai passiert ist?

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Ich glaube, ich war allein 16- oder 17-mal mit meinen Filmen in Cannes im Wettbewerb. 2009 saß ich der Jury als Präsidentin vor. Cannes ist für mich quasi Pflicht. Also, das war schon bedrückend, als die endgültige Absage kam.

Glauben Sie, dass das Ende des Kinos heraufzieht und bald allein Netflix und Co. darüber entscheiden, welche Filme wir zu sehen bekommen?

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Wissen Sie, ich bin von Natur aus keine besonders pessimistische Person. Ich glaube schon, dass die Leute wieder ins Kino gehen. Aber es ist gut, dass es Pessimisten gibt und diese ihre Warnschilder hochhalten. Dann sind gleich alle aufmerksamer und achten mehr aufs Kino.

Sie haben mit so vielen Regisseuren gearbeitet: Mit Michael Cimino haben Sie in den USA “Heaven’s Gate” gedreht, mit Brillante Mendoza “Captive” auf den Philippinen oder mit Hong Sang-Soo “In another Country” in Südkorea. Überall wartete die Kinowelt auf Sie: Warum sind Sie immer wieder zurückgekehrt nach Frankreich?

Ich würde die Frage umdrehen: Wieso breche ich immer wieder in andere Filmnationen auf? Und die Antwort lautet: Ich liebe das einfach. Schon als meine Karriere begann, habe ich mich in Europa umgeschaut. Ich war in Ungarn, Serbien, Italien. Je weiter weg, desto besser.

Welche Erinnerungen haben Sie an Hollywood?

Mit dem Begriff kann ich nicht so viel anfangen: Auch in den USA habe ich sehr unterschiedliche Filme gemacht, Ciminos Spätwestern “Heaven’s Gate” war ein Brocken und auch ein gigantischer Flop, von dem es heißt, er habe ein Studio in den Ruin getrieben. Genauso habe ich aber auch kleine, unabhängige Filme gemacht wie zum Beispiel die Thriller “Amateur” von Hal Hartley oder “Das Schlafzimmerfenster” von Curtis Hanson.

Wenn Sie zurückschauen auf Ihre lange Karriere: Welche Zeit mögen Sie besonders?

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Ach, wissen Sie, ich würde die Gegenwart immer der Vergangenheit vorziehen. Und ich bin auch nicht so ehrgeizig, alles auf die Zukunft zu setzen. Nein, ich mag die Gegenwart.

Nach einem halben Jahrhundert vor der Kamera: Welche Regisseure vermissen Sie besonders?

Oh, ich vermisse Werner Schroeter, mit dem ich “Malina” und “Deux” gedreht habe. Ich vermisse auch Claude Chabrol, der bei allem Sarkasmus ein Humanist war. Sieben Filme haben wir zusammen gemacht.

Aktuell sind Sie in “Eine Frau mit berauschenden Talenten” zu sehen, so der deutsche Titel. Im Original heißt der Film “La Daronne”. Was besagt dieser Ausdruck?

Das ist wirklich witzig: Seit ich mit diesem Film zu tun habe, laufen mir dauernd junge Leute über den Weg, die den Begriff benutzen. Das ist ein Slangwort und bedeutet Mutter oder auch die Alte. Die jungen Leute verwenden ihn durchaus in freundlicher Absicht. Er bezeichnet eine starke Frau. Und das bin ich in diesem Film: Ich spiele die anfangs fragile Patience, die sich von einer Arabischübersetzerin für die Polizei in eine selbstbewusste Haschischverkäuferin verwandelt. Sie steigt auf zu einer Art Drogendiva, die den Pariser Markt aufmischt.

“La Daronne” ist eine Komödie: Wieso sieht man Sie in diesem Fach so selten?

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Stimmt, in der Bilanz habe ich sicher mehr Dramen als Komödien gedreht. Aber diese Unterscheidung interessiert mich nicht besonders. Ich mache Filme, und ich versuche, gute Filme zu machen. Manchmal sind sie witzig und manchmal nicht. Aber auch in Komödien schleichen sich immer Zwischentöne ein – siehe diesen Film, in dem sich einige sehr emotionale Momente finden. Lassen Sie es mich so sagen: Es ist ein leichter Film mit viel Humor.

Vor vier Jahren haben wir in Berlin über den Paul-Verhoeven-Schocker “Elle” gesprochen. Manche halten sogar diesen Film für eine Komödie. Würden Sie dem zustimmen?

Ja, absolut. Ein Gefühl von Ironie und Humor gehört unabdingbar in Verhoevens Welt. Und das trifft auch auf “Elle” zu, in dem meine Filmfigur Opfer einer Vergewaltigung wird und dann ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Vergewaltiger beginnt. Es gibt bei Verhoeven nur eine Ausnahme, einen sehr frühen Film aus den siebziger Jahren: “Türkische Früchte”. Er beginnt ebenfalls leicht, auch sexuell frei, aber dann verwandelte er sich in ein echtes Melodrama, eine Geschichte über Liebe und Krankheit.

Und wieso ist “Elle” komisch?

Weil der Film so sehr provoziert, dass diese Unverfrorenheit mit Witz aufgefangen werden muss. Provokation und Drama funktionieren nur schlecht zusammen. Provokation braucht Ironie und Witz und auch eine gewisse Distanz.

Macht es mehr Spaß, in einer Komödie zu spielen?

Es hat mir viel Spaß gemacht, mich als eine Pariser Drogenqueen zu verkleiden und in schicke arabische Kostüme zu schlüpfen. Aber: An meiner Arbeit macht alles Spaß, das gilt genauso für Dramen. Wenn ich einen besonders emotionalen Film drehe, wirkt er so ja nur auf die Zuschauer, nicht auf die Schauspieler.

Haben Sie ein Faible für unmoralische Figuren?

Auf der einen Seite ist Patience ein unmoralischer Charakter, gewiss, sie ist eine Gaunerin, sie stiehlt eine Menge Geld. Auf der anderen Seite gibt sie von dem Geld aber auch ab und ist ausgesprochen großzügig. Wobei das Abgeben einfacher ist, wenn man genug Geld hat. In gewisser Weise verachtet Patience Geld.

Sie müssen vor der Kamera viel Arabisch sprechen. Könnten Sie inzwischen auf Arabisch nach dem Weg fragen oder in einem Restaurant ein Essen bestellen?

Nein, tut mir leid – schon deshalb nicht, weil ich schon wieder alles vergessen habe. Ich wollte aber zumindest ein wenig die Bedeutung von Worten oder zumindest Wortgruppen verstehen, nicht nur phonetisch. Schon Monate vor den Dreharbeiten habe ich deshalb begonnen, die arabische Aussprache zu üben.

Muss eine Schauspielerin besonders fremdsprachenbegabt sein?

Nun ja, ich habe auf Englisch gearbeitet und auch auf Russisch – die Sprache habe ich an der Uni studiert. Auf Italienisch, jedenfalls ein bisschen, habe ich mit Marco Bellocchio gedreht. Und das blüht mir bei einem meiner nächsten Filme mit Michele Placido wieder.

Was war das Schwierigste für Sie, was Sie je für einen Film lernen mussten?

Nichts ist schwer für mich, wenn es um einen Film geht.

Auch nicht der Umgang mit Hunden?

Haben Sie meine Gedanken gelesen? Ich habe viel mit dem Schäferhund geübt, der im Film einen Drogenhund gibt. Wir haben einige Zeit zusammen verbracht, immer zusammen mit seinem Trainer. Aber ich bin keine, nun ja, Hundeperson. Das war tatsächlich die kniffligste Aufgabe bei dem ganzen Film: Wie komme ich mit dem Hund klar?

Drei Frauen verbünden sich in dem Film: Glauben Sie an Solidarität unter Frauen?

Gewiss, aber ich glaube genauso an die Solidarität zwischen Männern und Frauen. Keiner sollte der Feind eines anderen sein. Meinen Sie nicht?

Wie kommt es dann aber, dass Machos wie Donald Trump, Boris Johnson oder Viktor Orbán den globalen Zusammenhalt sabotieren?

Glücklicherweise gibt es ja ausgleichende Frauen. Nehmen Sie nur die wunderbare neuseeländische Ministerpräsidentin Jacinda Ardern. Und Sie haben es ja auch gut getroffen mit einer Frau an der Spitze in Deutschland.

In Frankreich läuft es mit Emmanuel Macron vergleichsweise doch auch ganz gut, oder?

Wenn Sie das sagen.

Kommen Frauen in Filmen heute besser zum Zuge?

Was mich betrifft, hatte ich Glück. Ich war privilegiert und habe nie etwas Frustrierendes erlebt. Vielleicht läuft es mit Frauen im französischen Film sowieso besser als anderswo. Aber das würde vermutlich nicht jede Kollegin so sagen. Ich habe Freundinnen, die sich bitter beklagen, dass es nicht genügend gute Rollen für Frauen gibt.

Und wie ist nun der Stand der Dinge?

Lassen Sie es mich so sagen: Bestimmte Filme sind eher auf Männer ausgerichtet. Aber das sind womöglich nicht die interessantesten – sie sind eher kommerziell und stereotyp. Solche Filme überlasse ich gern den Männern. Da spiele ich lieber die subtileren Charaktere. Meinetwegen auch in nicht so kommerziellen Filmen.

Gerade zu Beginn Ihrer Karriere finden sich eine Reihe von leidenden Frauen in Ihrer Filmografie, etwa “Die Spitzenklöpplerin” von 1977. Sind Sie heute eher an Frauenfiguren interessiert, die sich durchboxen?

Das mag so wirken. Aber mir geht es nicht darum, als Siegerin aus dem Film rauszugehen. Diese Idee darf nicht zum Diktat bei der Rollenauswahl werden. Das Wichtigste ist, dass die Geschichte der Frau im Zentrum steht. Es kann sich genauso um eine fragile, verletzliche, unterlegene Figur handeln.

Fühlen Sie sich leichter in Figuren ein, die Ihnen sympathisch sind?

Keine meiner Figuren hat etwas mit mir zu tun. Jede von ihnen ist genauso weit weg von mir oder genauso nah dran wie die andere. Für zwei Kinostunden leihe ich ihr mein Gesicht, meinen Körper, meine Stimme. Aber natürlich baue ich zu jeder Figur eine Beziehung auf. Anderenfalls könnte ich sie nicht spielen. Es muss auch viel zusammenpassen, bevor ich mich für einen Film entscheide. Für mich ist es bis heute ein mysteriöser Prozess, wie ich eine Figur auswähle. Manchmal weiß ich es sofort, und dann wieder zweifele ich lange.

Im Vorjahr haben Sie in Hamburg die Maria Stuart gespielt: Ist Theater für Sie immer noch so wichtig wie Film?

Auf jeden Fall. Das liegt aber auch an den Leuten, mit denen ich gearbeitet habe, mit Robert Wilson oder Peter Zadek, der in meinen Augen ein Genie war. Sie haben in Deutschland so viele wunderbare Regisseure!

Helen Mirren hat mal erzählt, dass sie nach heftigem Alkoholkonsum in jungen Jahren plötzlich ein Tattoo auf der Haut trug: Wie sind Ihre persönlichen Beziehungen zu Drogen?

Ich ziehe es vor, mir bewusst zu sein, was ich tue. Mit einem Tattoo auf der Haut würde ich nur ungern aufwachen.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
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