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Peter Maffay: „Die Musikbranche hat keine Chance, sich selbst aus der Patsche zu helfen“

  • Seit Beginn der Coronapandemie können die meisten Musiker ihrem Beruf nicht mehr nachgehen.
  • Im Interview mit dem RND berichtet Peter Maffay, warum er sein Team trotzdem nicht in Kurzarbeit geschickt hat und was die Bundesregierung seiner Meinung nach ändern sollte.
  • Außerdem verrät er, warum er lieber zum Oldschool-Telefon greift, als Skype oder Zoom zu benutzen.
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Herr Maffay, Sie sind seit 50 Jahren im Musikbusiness und wollten dies dieses Jahr mit einer Jubiläumstour feiern. Erst mussten Sie die Tour abbrechen, weil sich ein Bandmitglied verletzt hatte, dann mussten Sie die restlichen Termine wegen Corona verschieben.

Maffay: Es ist alles anders gekommen als geplant. 2020 gestaltet sich zu einem absoluten Ausnahmejahr, so etwas haben wir Künstler bislang noch nicht erlebt. Das ist sehr außergewöhnlich, fordernd und leider auch belastend.

Können Sie beschreiben, was Corona mit Ihnen als Künstler gemacht hat?

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Der Fokus auf das, was man jahrelang gemacht hat, bricht einfach weg. Wir Künstler sind plötzlich fernbestimmt, weil wir uns nach Auflagen richten müssen, die einem Berufsverbot gleichkommen. Auch für mich ging es vor einem halben Jahr von 100 auf null runter, das war eine brutale Vollbremsung.

Was bedeutete das für die Menschen, die für Sie arbeiten?

Wir haben nichts runtergefahren. Die 40 Menschen, die bei uns in der Stiftung und im Musikbereich arbeiten, sind alle vollbeschäftigt geblieben. Ich war und bin der Überzeugung, dass Rückzug die falsche Strategie ist, und ich hatte große Hemmungen, Menschen, die mich so viele Jahre unterstützt haben, nach Hause zu schicken. Das hätte die soziale Bindung zwischen uns zerstört. Gemeinsam haben wir an Lösungen gearbeitet, die aber leider auch nicht ausreichen, um das zu füllen, was wir normalerweise in diesem Jahr mit einer Tour verdient hätten.

Was wäre denn Ihr Vorschlag an die Politik, wie die Musik- und Kulturbranche gerettet werden kann?

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Ich bin kein Experte in Sachen Pandemie und wissenschaftlich kann ich vielen Argumenten nichts entgegenhalten, weil mir das Wissen dazu fehlt. Was ich mit meinem normalen Menschenverstand aber nicht nachvollziehen kann, sind die Obergrenzen, die für Veranstaltungen festgelegt wurden. Wir haben zum Beispiel gerade in der Berliner Waldbühne unser einziges Konzert seit Beginn der Pandemie gegeben. Da passen normalerweise 22.000 Leute rein, diesmal waren nur 4500 zugelassen. Das Konzert war emotional und inhaltlich ein voller Erfolg – aber wirtschaftlich gesehen Nonsense. Verdient haben wir damit nichts, dafür aber viel reingesteckt. Wir müssen uns Spielkonzepte überlegen, die sich für Künstler und Veranstalter rechnen. Was spricht dagegen, statt 4500 6000 oder 7000 Menschen reinzulassen, wenn es die Location und das Hygienekonzept zulassen? Das augenblickliche Limit bremst uns aus und gibt der Branche keine Chance, sich selbst aus der Patsche zu helfen.

Wenn man rein aufs Alter schaut, sind Sie offiziell auch Teil der Risikogruppe. Wie sehr beschäftigt Sie das?

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Natürlich mache ich mir Gedanken, ob ich mich auch mit Corona anstecken könnte. Wir haben schon ein paar Fälle in unserem Umfeld gehabt und mitbekommen, was das mit Familien und den funktionierenden Strukturen macht. Meine Freundin Hendrikje und ich haben eine kleine zweijährige Tochter und wir haben auch schon darüber gesprochen, was wir machen, wenn es einen von uns beiden mal trifft. Auch wir verfolgen täglich die Nachrichten, die Zahlen, die Debatten. Wir versuchen, uns bestmöglich zu informieren. Ich bin wirklich kein Pessimist, für mich ist das Glas immer noch halb voll. Aber ich bin Realist und erkenne, welche Belastung diese Umstände im Moment für alle bedeuten. Selbst wenn es einige gibt, die die Krise gerade gut wegstecken – auch diese Kluft zu denen, die darunter leiden, wird sicherlich nochmal irgendwann zu Spannungen führen.

Schon jetzt führt dies dazu, dass sich einige Menschen in Verschwörungstheorien stürzen. Was glauben Sie, was diese Menschen antreibt?

Angst und Unverständnis. Wir haben das ja auch schon vor Corona erlebt, dass sich Menschen aus der Mitte der Gesellschaft radikalen Ansichten öffnen. Oft sind das sogar Leute, die total geerdet sind. Nicht nur sie treibt die Frage um: Wie weit darf die Gesellschaft von oben reglementiert werden? Wie viel ist sinnvoll? Wie viel ist nicht mehr vertretbar, weil es zu viel in die Persönlichkeitsrechte eingreift? Je deutlicher wird, dass manche Maßnahmen vielleicht falsch waren oder nicht den gewünschten Effekt gebracht haben, desto mehr werden wir es mit Menschen zu tun haben, die abstruse Theorien aufstellen oder Corona leugnen.

Es gibt auch prominente Gesichter, die Ihre Reichweite für das Verbreiten solcher Ansichten nutzen.

Sie spielen auf Xavier Naidoo an? Ich weiß nicht, was Xavier antreibt. Die Angst vor dem Nichts wird es nicht sein, das glaube ich auch bei Michael Wendler nicht. Das Verhalten der beiden ist für mich nicht nachvollziehbar. Aber wenn wir uns ansehen, welch unterschiedliche Gesellschaftsgruppen mittlerweile Seite an Seite bei Demonstrationen marschieren, müssen wir uns eingestehen: Da ist was passiert. Meine subjektive Interpretation ist: Die allgemeine Verunsicherung hat die homogene Haltung, die wir am Anfang hatten, aufgeweicht. Auch wir, die nicht solche Theorien vertreten, sollten immer wieder die Politik überprüfen und daran erinnern, an welchen Stellen gerade Unterstützung benötigt wird – das hab ich auch schon persönlich getan.

Inwiefern?

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Ich habe vor einiger Zeit Frau Grütters (Staatsministerin für Kultur, Anmerkung der Redaktion) treffen können. Ich wollte von ihr wissen, was konkret an Unterstützung für uns Künstler geplant ist. Da hat sie mir sehr ausführlich erzählt, wie komplex die Umverteilung der Hilfsmaßnahmen an Künstler ist. Deswegen hat bislang nur ein Bruchteil der Künstler davon profitiert. Es werden Lösungen in Aussicht gestellt, die nicht umgesetzt werden können. Und das führt vielleicht auch dazu, dass Menschen den Glauben in das System verlieren.

Sie moderieren aktuell alle zwei Wochen eine Radioshow. Die meisten Menschen hatten Sie wohl bislang als Moderator noch gar nicht so auf dem Schirm.

Wir Musiker sind generell sehr gut vernetzt. Diesen Vorteil haben wir versucht, für das Format zu nutzen. Mir hat das sehr viel Spaß gemacht, Prominente aus so unterschiedlichen Bereichen zu interviewen. Von Sänger Johannes Oerding, über Judith Williams als Unternehmerin und Gregor Gysi als Politiker war eine gute Mischung dabei. Komplett in die Moderation wechseln kann ich mir allerdings nicht vorstellen: Ich sehe meinen Schwerpunkt schon weiterhin an einer Gitarre und einem Mikrofon.

In Zeiten von Corona hat Videotelefonie via Skype und Zoom oder auch auf dem Handy einen Boom erlebt. Nutzen Sie so etwas auch?

Ich bin eine Niete, was das angeht (lacht). Ich kann mit meinem Handy notdürftig umgehen und benutze einen Bruchteil von dem, was das Gerät kann. Der Rest erschließt sich mir nicht. Aber ich ticke auch nicht so, ich brauche das nicht permanent in meinem Leben. Mir reichen in der Regel mein Tagebuch und mein Planer. In meinem Umfeld gibt es aber eine ganze Reihe von jungen Leuten, die das anders praktizieren und mich da auch abholen. Wenn ich es mir aussuchen kann, benutze ich aber immer noch am liebsten das normale Telefon – oder treffe mich gleich persönlich.

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Aber Sie haben schon ein Smartphone, oder?

Nach meinen Äußerungen ist diese Frage durchaus berechtigt (lacht). Aber ja, ich habe eins. Und das macht tolle Fotos, was für mich bei einem Handy sehr wichtig ist.

Ihr neues Album heißt „Peter Maffay und …“ und beinhaltet Duette mit anderen Künstlern. Gibt es jemanden, mit dem Sie gerne mal ein Duett aufnehmen würden, es aber nicht mehr können?

Mit Elvis. Mir hätte es mir auch schon gereicht, ihn einfach mal aus der Nähe zu erleben. Bei einem Duett hätte der mich wahrscheinlich in Grund und Boden gesungen (lacht).

RND



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