• Startseite
  • Promis
  • Oliver Pocher und Corona: Frühlingsfest der Selbstinszenierung

Oliver Pocher und Corona: Frühlingsfest der Selbstinszenierung

  • Oliver Pocher und der Wendler? Die sind in Zeiten von Corona plötzlich total egal.
  • Dennoch ist der Comedian in den sozialen Netzwerken erfolgreich wie nie.
  • Wie macht er das?
|
Anzeige
Anzeige

Hannover. Zu Beginn dieses Textes möchte ich Ihnen ein kleines lyrisches Meisterwerk darbieten. Sind Sie bereit? Gut, los geht’s:

“Diese Influencer-Voll-Fick-Scheiß-Truppe. Ich werd sie wirklich alle ankacken. Ich versteh es nicht. Entfolgt diesen dummen Scheißfressen. (…) Ey, wirklich: Würden die Dummen es nur treffen, dann haben wir ja wirklich ein Gutes mit dem Virus. Aber wir Normalen müssen die Scheiße auch aushalten. (…) Diese Influencer … echt … Und ich hab Zeit, ich mach euch alle tot, ernsthaft. Ich kann nicht mehr, ey. Wenn’s der Virus nicht macht, dann mach ich’s.”

Was klingt wie ein ganz normaler Fler-Text aus Pre-Pandemie-Zeiten, stammt tatsächlich von einem Menschen, der derzeit bei RTL eine Primetime-Show moderiert: Oliver Pocher.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Wutanfälle gegen Influencer

Kaum jemand ist aktuell bei Facebook so erfolgreich wie der 42-Jährige: Ein einzelnes Video des Comedians schafft es derzeit auf drei bis fünf Millionen Aufrufe. Bis zu 30.000 Menschen kommentieren seine Clips, die meisten beömmeln sich köstlich unter Verwendung zahlreicher Tränenlachsmileys. Zu Pochers erfolgreichsten Videos gehört auch der soeben zitierte Wutanfall gegen die Influencer dieser Welt.

Seit knapp zwei Wochen flutet Pocher seine Social-Media-Kanäle mit Videos zur Pandemie, pöbelt gegen vermeintlich rücksichtslose Social-Media-Stars, fordert die Kanzlerin zum totalen Shutdown auf (wegen der vielen “dummen Menschen”). Und liefert dann, na klar, natürlich noch seine eigene Corona-Infektion – wie immer medienwirksam in Szene gesetzt.

Anzeige

Seit Beginn dieser Woche moderiert Pocher nun auch noch die “Quarantäne-WG” auf RTL. Eine Art Podcast, nur mit alten Menschen (Thomas Gottschalk, Günther Jauch) – und im Fernsehen statt auf Spotify. Parallel dazu drischt der Comedian auf Facebook und Instagram weiter auf alles und jeden ein – seine Aufrufzahlen und Followerschaft steigen täglich.

Pocher braucht ein Opfer

Manch einer würde gar behaupten, der Comedian sei so etwas wie der heimliche Gewinner dieser schwierigen Zeit. Aber warum zum Henker finden Menschen so etwas lustig? Und warum ist Pocher damit so erfolgreich?

Um das zu verstehen, müssen wir uns sein Schaffen und Wirken etwas genauer ansehen. Und ziemlich schnell stoßen wir dabei auf ein Muster: Pocher braucht stets ein Opfer, an dem er sich abarbeiten kann. Ein Opfer, um “lustig”, um erfolgreich zu sein. Und: Der Comedian schafft es wie kein anderer, sich an ein Thema zu klammern, das gerade das Land beschäftigt – und dieses Thema zu seinem eigenen zu machen. Mit so viel Penetranz wie möglich, und wie nötig.

Sie erinnern sich noch an die Sache mit dem Wendler? Über den macht sich das Internet zwar schon seit fünf bis zehn Jahren lustig – und doch verbindet man mit dem Schlagersänger inzwischen vor allem seinen Disput mit Oliver Pocher, der am Ende in einer großen peinlich-schaurigen RTL-Show mündete. Große Unterhaltung war das vielleicht nicht, dennoch: Der Coup und die Eigen-PR haben funktioniert, die Sendung holte mit 27,3 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe sensationelle Quoten.

Muss das sein?

Anzeige

Ein ähnliches Konzept fährt Pocher nun in Zeiten von Corona. Er pöbelt gegen alles, was seiner Meinung nach an dieser Pandemie schuld ist – also eben Influencer, die noch zum Friseur gehen – oder Rentner, die im Park zu nah auf einer Bank sitzen. Also Menschen, die er als doofer, als minderwertiger begreift als sich selbst. Das verdeutlicht auch sein skurrilstes Zitat: “Wir normalen Menschen.”

Mit diesem Konzept kann sich auch die Pocher-Zielgruppe wunderbar identifizieren: Ein Typ, der so “normal” ist wie wir, beleidigt Menschen, die nicht so “normal” sind wie wir. Oder anders ausgedrückt: Der Pöbel spottet über den Pöbel.

Klar, gerade in Krisenzeiten brauchen wir was zum Lachen. In dem, was Oliver Pocher da tut, zeigt sich aber eher ein anderes Muster unserer Gesellschaft: Wenn’s wirklich schlimm wird, suchen wir verzweifelt nach Feindbildern. Ein Virus – viel zu abstrakt, um unserer Wut freien Lauf zu lassen. Also lenken wir unsere Wut lieber auf die Rentner auf der Parkbank, auf die Influencer beim Friseur.

Oliver Pocher wird diese Erkenntnis natürlich nicht davon abbringen, auch weiter Videos auf Facebook zu veröffentlichen. Wenn’s erst mal läuft, dann läuft’s. Alle anderen können sich aber schon mal überlegen: Muss das eigentlich wirklich sein?

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen