Niveaulos und frauenverachtend: Wer stoppt Oliver Pocher?

  • Oliver Pocher versucht sich als Investigativjournalist – und macht die Pornovergangenheit einer Influencerin öffentlich.
  • Seine Fans bejubeln ihn und fallen in den Kommentarspalten über die Frau her.
  • Die Grenze ist hier lange überschritten, kommentiert unser Autor.
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Hannover. Ja, es gäbe weiß Gott wichtigere Dinge, über die man derzeit sprechen könnte, als über einen RTL-Comedian mit zu viel Geltungsdrang. Und doch sollte nicht ganz unkommentiert bleiben, was Oliver Pocher gerade so auf Facebook und Instagram treibt. Es geht um die wohl niveauloseste B-Promi-Schlammschlacht des Jahres, ein unfreiwilliges Porno-Outing – und jede Menge Doppelmoral. Und nein: Lustig wird dieser Text sicher nicht, das schon mal vorab.

Falls Ihnen das Schaffen und Wirken von Oliver Pocher nicht so geläufig sein sollte: nicht schlimm. Nur so viel zur Erklärung: Der Comedian hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten zu einer Art Social-Media-Phänomen entwickelt. Das hat vor allem mit seinem (mutmaßlich sehr inszenierten) Beef mit Schlagerstar Michael Wendler zu tun. Über Wochen hinweg lieferten sich beide ein schaurig-peinliches Duell über Instagram, das schließlich in eine gemeinsame RTL-Duellshow mündete.

Für beide Duellanten bedeutete das Hickhack vor allem: jede Menge Aufmerksamkeit. Pocher sammelte in kurzer Zeit über eine Million Follower auf Instagram und Facebook, der Wendler stand mit seinem Song “Egal” kurzzeitig auf den vorderen Plätzen der Downloadcharts.

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Klassensprecher der Moralapostel

Und irgendwie war das Schauspiel ja auch ganz lustig: Ein abgehalfterter Privatfernsehen-Comedian erhebt sich über einen abgehalfterten Schlagersänger, und der Pöbel wirft mit seinen Likes und Kommentaren Futter in die Manege. Eine wunderbar-skurrile B-Promi-Schlammschlacht, bei der man sich genügsam zurücklehnen und feststellen konnte: Gut, dass ich kein B-Promi bin.

Doch bei dem Wendler-Scharmützel blieb es leider nicht. Kurz nachdem der Beef offiziell beiseite gelegt war, suchte sich Oliver Pocher neue Opfer. Seit Mitte März hat sich der Comedian auf die Influencer der Nation eingeschossen. Also Menschen, die mit Instagram sehr viel Geld verdienen, obwohl sie einigermaßen wenig Aufwand betreiben (außer schön sein). Irgendwie scheint Pocher das zu wurmen, denn seit mittlerweile zwei Monaten arbeitet er sich an einem Instagram-Star nach dem anderen ab, und es hört nicht mehr auf.

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Interessanterweise hat Pocher dafür die Strategie gewechselt: Vom gehässigen “Ich verarsch den Wendler mit Perücke”-Humor schwenkt er jetzt die große Moralkeule, blubbert pseudointellektuell von Verantwortung und wie moralisch verwerflich das doch alles sei. Als wäre Pocher, der in der Vergangenheit gerne mal Frauen als “Presswurst” bezeichnete oder sie vor 14,5 Millionen “Wetten, dass..?”-Zuschauern für ihr Aussehen beleidigte, plötzlich so etwas wie der neue Jesus des Showbusiness, der Klassensprecher der Moralapostel.

Pocher ganz investigativ

Einem Instagram-Star warf Pocher etwa vor, während der Corona-Pandemie quer durch Europa gereist zu sein – eine andere kritisierte er, weil sie ihre Kinder vor die Kamera zerre. Sicherlich ist beides irgendwie fragwürdig – doch Pocher jazzt in seinen Videos jeden kleinen Alltagsfehltritt gänzlich irrelevanter Internetsternchen zum ganz großen Medienskandal hoch.

Er tut das im Duktus eines Jan Böhmermann, der mit intelligentem Witz und Charme schon mal einen Campino, die AfD oder den Adidas-Chef durch die Manege geschleift hat. Nur dass Pocher sowohl der intelligente Witz als auch der Charme als auch der relevante Themenansatz fehlen. Er steht dann da vor einer weißen Wand mit buntem Gemälde, spricht über Leute, die kaum jemand kennt, fummelt an seinem iPad rum und redet sich in Rage. Pointen hört man wenige, dafür sehr viel Frust.

Was die Böhmermann-Rubriken aus dem “Neo Magazin Royale” übrigens auch auszeichnet, ist exzellente Recherche. Also versucht sich Pocher seit einigen Tagen auch als Investigativjournalist. So “deckte” er vor einigen Tagen beispielsweise “auf”, dass eine Influencerin sich ihre Follower nur gekauft habe. Mit Analysetools und geleakten Kontoauszügen war Pocher hier etwas ganz Großem auf der Spur. Am Wochenende folgte dann ein weiterer “Leak” – und das ist der Punkt, an dem es leider ziemlich ekelig wird.

Pocher leakt Pornovideo

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Pocher veröffentlichte auf seinen Social-Kanälen Ausschnitte aus einem bislang unbekannten Pornovideo. Darin zu sehen: Eine Influencerin, auf die der Comedian bereits seit einigen Wochen eindrischt. Eine Frau, die wegen der Attacken von Pocher-Fans bereits heulend vor der Kamera saß, an der sich die zynisch wiehernde Meute seither festgebissen hat und von ihrem großen Idol immer weiter befeuert wird. Nun also der finale Todesstoß: eine Pornovergangenheit, wie peinlich.

Doch damit nicht genug: Auch eine Freundin der Influencerin outete Pocher. Sie war offenbar früher als Sexarbeiterin aktiv, Pocher zeigte in einem Video genüsslich ihren Webauftritt. Ebenso genüsslich sprangen Promimagazine auf den Zug auf: Pocher habe die “dunkle Vergangenheit” der betroffenen Influencerin “aufgedeckt”, heißt es da etwa. Der Instagramerin derweil blieb nichts anderes übrig, als sich auf ihrer Social-Plattform zu rechtfertigen: Sie schäme sich nicht für ihre Vergangenheit, schrieb sie. Die Aufnahmen seien entstanden, bevor sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde.

Falls an dieser Stelle noch nicht klar sein sollte, warum Pochers “Leak” hochproblematisch ist, dem sei es hier noch mal erklärt: Zunächst einmal “leakt” man brisante Informationen nur dann, wenn sie für die Öffentlichkeit von überaus hoher Relevanz sind. Das kann bei dem Video eines österreichischen Rechtspopulisten-Politikers so sein, aber wohl eher nicht bei einem Influencer-Sternchen mit ein paar gefakten Followern und Pornovergangenheit. Sollte Pocher mit seinem pseudointellektuellen Moralgeplänkel tatsächlich so etwas wie journalistischen Anspruch gehabt haben, so ist er damit krachend gegen die Wand gefahren.

Niveaulos und frauenfeindlich

Viel schlimmer ist allerdings die Tatsache, dass Pochers Aktion schlichtweg niveaulos, niederträchtig und überaus frauenverachtend ist. Auf den Punkt gebracht hat dies am Wochenende die ehemalige Prostituierte und Frauenrechtlerin Huschke Mau auf Facebook.

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Sie schrieb: “Du hast in Deinem letzten Video (...) eine Frau gegen ihren Willen als Exprostituierte geoutet und hattest sichtlich Spaß dabei. Von der anderen hast Du der Öffentlichkeit, die davon bisher nichts wusste, Auszüge eines Pornofilms, in dem sie mitgespielt hat, vorgeführt.” Das sei demütigend, so Mau. “Du zerrst an die Öffentlichkeit, was diese Frauen für Geld mit sich machen lassen – und setzt sie damit ordentlich herab. Du willst, dass die beiden von Dir geouteten Frauen sich schämen. Aber weißt Du was? Ich will, dass DU Dich schämst. Das, was Du tust, ist bodenlos. Deine Doppelmoral ist unglaublich. Du selber holst Dir auf Pornos einen runter, aber die Frauen, die sollen sich dafür schämen, in ihnen mitgespielt zu haben.”

Pochers Verhalten sei, so Mau, zudem “nah dran am Revenge Porn” – also wenn Männer aus Neid Nacktbilder von Frauen herumzeigen, bei denen sie nicht landen konnten. “Das passiert auf deutschen Schulhöfen täglich – manche Mädchen bringen sich deswegen um”, so Mau weiter. Die Aktivistin hofft nun, dass Pocher “sämtliche Frauenorganisationen Deutschlands aufs Dach steigen”.

Die Grenze ist lange überschritten

Letzteres könnte durchaus möglich sein – fraglich ist nur, ob das auch Pochers Karriere in irgendeiner Weise kratzen dürfte. Danach sieht es momentan nämlich nicht aus, im Gegenteil: Je mehr sich Pocher hochschaukelt, desto mehr Sendezeit schenkt ihm sein Arbeitgeber RTL. Er hat jetzt einen Podcast und bald auch eine eigene Latenight-Show. Was er da zum Besten geben wird, dürfte ebenso unter aller Kanone sein wie seine Instagram-Auftritte – aber es bringt nun mal Quote.

Fragt sich nur: Wer stoppt ihn dann? Fest steht: Je mehr grölendes Publikum Pocher bekommt, desto mehr pöbelt sich der Comedian in Rage. Dass hinter jedem Influencer auch ein Mensch steht, wird da zweitrangig. Da wird jeder Fehltritt ausgeschlachtet, jedes Nacktvideo, jede Dominavergangenheit zum Auslachexzess. Die Grenze ist hier bereits lange überschritten.

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