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Kommentar zu Schlager und „Querdenken“

Nena unkritisch abfeiern? Ganz schlechte Idee

Nena beim „Schlagercomeback“ in der Glashalle der Leipziger Messe.

Leipzig. Als die ersten Takte von „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ beim großen „Schlagercomeback“ ertönen, setzt das mulmige Gefühl ein. Denn eigentlich ist das, was da gerade auf der Bühne passiert, eine richtig gute Show. Es ist ein starker Song, der Achtzigerjahrebeat erinnert an gute alte Zeiten, das Publikum hat Spaß – wer will es ihm schon verübeln nach zwei Jahren Pandemie. Und auf der Bühne steht eine deutsche Musiklegende, seit 40 Jahren im Showgeschäft, der es gelingt, dieses Publikum komplett in ihren Bann zu ziehen. Das löst sogar vor dem Fernseher ein bisschen Gänsehaut aus.

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Doch über dem Auftritt von Nena in Leipzig, der am Samstagabend beim „Großen Schlagercomeback“ in der ARD gesendet wurde, liegt ein Schatten. Denn so professionell die Musikerin, so stimmungsvoll der Auftritt auch sein mag – Nenas persönliches Schaffen und Wirken der vergangenen Monate hinterlässt viele Fragezeichen.

Party mit Verschwörungsideologen

Im August 2021, also vor fast genau einem Jahr, machen Videoaufnahmen die Runde. Sie zeigen die Sängerin auf einer Party. Das Fest am Katzenbachsee in Baden-Württemberg wird als „Party für Ungeimpfte“ in Chatgruppen beworben. Es trägt den Namen „Q-Sommernachtstraum“ – ein mehr als fragwürdiger Name, deutet doch das „Q“ auf den rechtsextremen Verschwörungskult Qanon hin.

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Nena findet all das offenbar nicht komisch, sie wird auf der Party mit einem Tusch empfangen und ruft dann ins Mikro: „Hallo, ihr Süßen! Schön, bei euch zu sein.“ Später ist zu sehen, wie die Sängerin eine Teilnehmerin der Party umarmt. Der Veranstalter kündigt an, die Sängerin werde hier heute übernachten, sie habe sogar ihr Zelt dabei.

Genau dieser Veranstalter hat eine Telegram-Gruppe und bewirbt dort etwa einen Fanshop für die Verschwörungsszene. Auf der Party spricht er mehrfach von einer angeblich „neuen Welt“, was ebenfalls stark nach Verschwörungserzählung klingt. Gäste der Party sind auch Corona-Leugner Bodo Schiffmann sowie ein bekanntes Mitglied der „Reichsbürger“-Szene. Ein Foto zeigt den Mann am Klapptisch zusammen mit einem Pegida-Aktivisten.

Sängerin auf Irrwegen

Eine Zeltparty mit radikalen Corona-Leugnern und Rechtsextremen? Es ist das vorläufige Ende eines Irrwegs, auf den sich die Sängerin in den vergangenen Monaten begeben hat. Auf Instagram hatte Nena zuvor kryptische Botschaften verfasst, dabei auch das Vokabular der „Querdenker“-Bewegung genutzt und Unterstützung für den Verschwörungsideologen Xavier Naidoo ausgedrückt. Dieser hat sich inzwischen von seinen früheren Aussagen distanziert.

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Auf Instagram postete die 62-Jährige auch ein Video einer Demo aus Kassel, wo sich ein Konsortium aus „Querdenkerinnen“ und „Querdenkern“, Verschwörungsideologinnen und ‑ideologen, Corona-Leugnerinnen und ‑Leugnern sowie Kritikerinnen und Kritikern der Corona-Maßnahmen versammelt hatte. Das Video überschrieb sie mit den Worten „Danke Kassel“. Als Hintergrundmusik wählte sie einen Song von Naidoo, in dem zahlreiche abstruse Verschwörungsmythen verbreitet werden.

Auf Konzerten hatte Nena schließlich das Publikum dazu animiert, die Corona-Regeln zu missachten. Zudem äußerte sich die Sängerin mehrfach zur Corona-Impfung. Ihre Tour sagte sie Sängerin schließlich ab. Begründung: „Auf einem Nena-Konzert sind ALLE MENSCHEN WILLKOMMEN. Hier in unserem Land geht es derzeit in eine ganz andere Richtung, und ich mache da nicht mit.“

Keine Erklärungen

Wirklich erklärt hat sich die Sängerin seither nie. Hin und wieder intervenierte ihr Management mit Allgemeinplätzen – nach ihrem Erscheinen auf dem „Q-Sommernachtstraum“ veröffentlichte die Sängerin ein Statement, ohne sich jedoch eindeutig zu distanzieren. Sie lehne zwar Ideologien aber, bleibe aber „offen für Begegnungen mit Menschen, unvoreingenommen, aus dem Herzen heraus“. Ihren Fans empfahl die Sängerin, sich an der „Andersartigkeit eines Jeden zu erfreuen.“

Und nun, nach einem Jahr Fernsehabstinenz, steht eben diese Nena bei Florian Silbereisen auf der Bühne – und wird abgefeiert, ohne den Elefanten im Raum nur ansatzweise zu thematisieren. Kann man das so machen? Sollte man das so machen?

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Klar ist: Mit diesem völlig unkritischen Aufriss tut der MDR niemandem einen Gefallen – außer vielleicht Nena selbst. Mit dem Auftritt beim „Schlagercomeback“ holt der Sender die Sängerin zurück ins Primetime-Rampenlicht, ohne dass sie sich für ihr Verhalten erklären oder rechtfertigen muss.

MDR argumentiert mit „Meinungsfreiheit“

Silbereisen kündigt die Sängerin mit großer Geste an. Nena sei eine „wunderbare“, eine „großartige“ Künstlerin, eine der „bekanntesten Sängerinnen Deutschlands“. Neben ihm steht Ireen Sheer und feiert mit.

Nach ihrem Auftritt schäkert Nena mit Silbereisen: Man macht einander Komplimente, die Sängerin schenkt dem Moderator ein Plektrum. Auch Zuschauerinnen- und Zuschauerfragen beantwortet Nena – und verrät: Ihr neuestes Hobby sei Stricken und Häkeln. Man umarmt einander innig: Gerade erst habe man sich kennengelernt. „Du bist ein sehr, sehr lieber Mensch“, meint die 62-Jährige. Später darf die Sängerin sogar eine Zugabe spielen – ihre Fans eskalieren.

Der MDR begründet das so: „Nena hat sich kritisch zu den Corona-Maßnahmen geäußert. Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit sind elementare Bestandteile einer pluralistischen Gesellschaft“, so der Sender gegenüber Medien. Man habe Nena ausschließlich aus dem Grund eingeladen, weil sie „die erfolgreichste Sängerin in der deutschen Musikgeschichte“ sei.

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Verschwörungsideologien haben nichts mit Meinungspluralismus zu tun

Damit macht es sich der Sender die Sache jedoch herzlich einfach.

Es hat nichts mit Meinungspluralismus zu tun, mit Verschwörungsideologen, „Reichsbürgern“, Qanon-Anhängerinnen und ‑Anhängern sowie Pegida-Aktivistinnen und ‑Aktivisten zusammen Zelten zu gehen und das öffentlich zur Schau zu stellen. Die selbst ernannte „Querdenker“-Szene hat in zwei Jahren Pandemie bewiesen, wo sie steht – und das ist ganz bestimmt nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Auf ihre Partys zu gehen, ihr Vokabular zu nutzen, ihre Lieder zu promoten überschreitet eine Grenze – und zwar nicht nur die des guten Geschmacks.

Nena kann so oft sie will die Corona-Maßnahmen kritisieren – das haben Hunderte Leute vor ihr auch getan, ohne sich zu radikalisieren. Wer sich allerdings mit der radikalen Verschwörungsszene gemein macht, bewegt sich weit außerhalb des Meinungskorridors, der in einem öffentlich-rechtlichen Sender eine Plattform bekommen sollte.

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Ein „Sorry“ hätte schon gereicht

All das bedeutet übrigens nicht, dass Nena von nun an nie wieder in Fernsehshows auftreten sollte. Die Pandemie war eine harte Zeit, man kann da auch mal durchdrehen, sich ein bisschen verrennen. Xavier Naidoo hat in einem Instagram-Post vergleichsweise glaubwürdig dargelegt, dass er Fehler gemacht hat und diese auch eingesteht – wenngleich dem auch mal Taten folgen müssten.

Die Fehltritte Nenas waren bei Weitem nicht so extrem wie die von Naidoo. Aber wenn es schon ein ausuferndes Gespräch zwischen Silbereisen und Nena in der Sendung gibt – dann hätte man auch die Gelegenheit nutzen können, die Ereignisse der vergangenen Monate zu thematisieren.

Ein einfaches „Sorry, war ziemlich blöd von mir“, hätte da schon reichen können.

Wenig Anspruch an die eigene Sendung

Dass das nicht passiert ist, liegt vermutlich daran, dass der MDR nicht sonderlich viel Anspruch an seine eigene Sendung hat – vom Anspruch der platten Schunkelunterhaltung mal abgesehen.

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Es könnte aber auch daran liegen, dass sich Nena gar nicht von ihren Fehltritten distanzieren will. Weil sie – anders als Naidoo – weiterhin dazu steht.

Und in diesem Fall sollte ein öffentlich-rechtlicher Sender wirklich darüber nachdenken, ob eine Sängerin mit Verbindungen zum „Querdenker“-Milieu wirklich ein angemessener Gast für eine Samstagabendshow ist. Erfolgreichste Sängerin hin oder her: Schunkeln kann man auch ohne Nena.

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