• Startseite
  • Promis
  • Judith Holofernes: “Das ist ein finanzielles Himmelfahrtskommando"

Judith Holofernes: “Das ist ein finanzielles Himmelfahrtskommando"

  • Die einstige Frontfrau der Band Wir sind Helden (“Nur ein Wort”), Judith Holofernes, hat mitten in der Corona-Krise einen neuen Podcast namens “Salon Holofernes” veröffentlicht.
  • Im RND-Interview spricht sie über die Kunstplattform Patreon und über ihren Plan, ein Album mit ihren eingedeutschten Lieblingssongs zu veröffentlichen.
  • “Das ist ein finanzielles Himmelfahrtskommando”, sagt Holofernes und lacht.
|
Anzeige
Anzeige

Sie sind seit November letzten Jahres auf der Plattform Patreon und veröffentlichen dort Texte, Podcasts und Songs für Fans. Den Podcast “Salon Holofernes” kann man nun auch auf anderen Plattformen wie Spotify und Apple Music hören. Warum?

Das Besondere an Patreon ist ja, dass man drastisch den Fokus verschiebt. Weg von der Masse hin zur tieferen Beziehung zu seinen Fans. Ich merke das total an dem Podcast. Das fühlt sich ganz anders an als andere Veröffentlichungen früher. Ehrlich gesagt habe ich den jetzt relativ spontan rausgebracht, weil ich dachte, dass ich so was gerade in dieser Zeit gern hören würde. Das ist jetzt die erste Veröffentlichung aus diesem Raum heraus, und ich muss sagen, dass es sich total toll anfühlt. Das fühlt sich eher wie eine Bonusrunde an und ist nicht so nervenaufreibend, weil ich ja schon weiß, wie meine Patrons den Podcast finden. (lacht) Natürlich ist es mir trotzdem noch wichtig und ich fände es schön, wenn der Podcast sich verbreitet und seine Nische findet.

Wie haben Sie sich auf Ihren ersten Podcast vorbereitet?

Anzeige

Bevor ich angefangen habe, habe ich recherchiert und mir Tutorials über Podcasts angeguckt. Ich will hauptsächlich mit Künstlern über das Kunstmachen sprechen, deren Beruf ich nicht eh schon verstehe, kann also nicht einfach alle meine Freunde einladen. Wenn ich die Leute so gut kenne, dass ich eh schon alles weiß, dann wäre das auch problematisch. Aber ich möchte demnächst noch einen Podcast mit Francesco Wilking von Die höchste Eisenbahn machen. Das ist einer meiner besten Freunde, aber trotzdem bin ich mir sicher, dass ich Sachen erfragen kann, die für andere Leute noch spannend sind.

Ihr Podcast wird während der Corona-Krise vielen Menschen zugänglich gemacht. Was steckt dahinter?

Ich gehöre zu den Menschen, die glauben, dass wir alle Sehnsucht nach Kreativität haben. Kreativität kann sich ja auch darin äußern, dass man sich fragt, wie man seinen Garten gestaltet oder Geschenke für Freunde bastelt. Kreativität ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wie muss man eigentlich sein Leben gestalten, um dauerhaft gesund und kreativ arbeiten zu können? Ich habe schon zehn Folgen aufgenommen. Je mehr Folgen es werden, umso mehr schälen sich rote Fäden heraus. Es gibt zwar auch Sachen, bei denen die Ansätze total auseinandergehen, aber man kommt zumindest immer wieder auf die gleichen Fragestellungen.

Finden kreative Menschen während der Corona-Krise neue Mittel und Wege, um sich auszudrücken? Oder machen sie es wie die meisten Menschen, dass sie joggen gehen und zu Hause Bananenbrot backen?

Anzeige

Mich zieht das nicht so an. Ich finde es total schön, dass Leute das machen. Es gibt ja auch schon Musiker, die Wohnzimmerkonzerte hinter Paywalls geben. Ich wurde das auch schon mal gefragt. Das finde ich natürlich interessant für die Zukunft des Musikerlebens. Man kann nicht immer überall hinfahren. Mit einer sechsköpfigen Band kann ich nicht in alle Städte fahren, sondern nur in die Städte, bei denen ich weiß, dass genügend Leute kommen, um den finanziellen Aufwand aufzuwiegen. Es ist schon schön, zu wissen, dass man Proberaumkonzerte übertragen kann – vorausgesetzt, dass man wieder zusammen im Proberaum stehen kann. Aber ich persönlich nutze diese Zeit gerade eher fürs Schreiben. Dass ich mit meinen Gedanken allein irgendwo sitze und etwas aufschreibe, das ist total schön und tröstlich. Aber ich habe nicht so das Bedürfnis, die Sachen, die ich auch sonst mache, durch Corona-Äquivalente wie joggen zu ersetzen. (lacht)

Anzeige

Judith Holofernes: “Habe lange gebraucht, um einen neuen Groove zu finden”

Wie kommen Sie mit dieser sogenannten neuen Normalität zurecht?

Wir haben auch echt schon lange Quarantäne, und ich habe lange gebraucht, um einen neuen Groove zu finden. Mal einen neuen Podcast hochzuladen, den ich schon vor längerer Zeit aufgenommen habe, war kein Problem. Aber erst vor ein paar Tagen konnte ich in dieses tiefere, autobiografische Schreiben, was gerade mein Hauptprojekt ist, einsteigen. Ich merke, dass ich mich wieder konzentrieren kann, und bin nicht die ganze Zeit mit dem Virus beschäftigt. Aber wenn man wieder kreativ arbeitet, geht es einem natürlich besser.

Der Wir-sind-Helden-Klassiker “Endlich ein Grund zur Panik” war kurzzeitig auf Spotify gesperrt. Hatte das mit der Corona-Krise zu tun?

Das war offensichtlich nur ein Bug. Erst dachten wir: “Was für ein unglaublicher Zufall. Was ist denn jetzt los?” Ist dieser Song systemgefährdend? (lacht) Aber es war offensichtlich nur ein Fehler im System.

Sie schreiben Gedichte, veröffentlichen Podcasts, produzieren Songs. Ganz schön viel …

Anzeige

Mir haben mir wohlgesinnte Menschen schon öfter bescheinigt, dass ich mir durch das ständige Wechseln der Kunstformen regelmäßig selbst ins Knie schieße. (lacht) Wenn es um die Eindeutigkeit einer Marke geht, stimmt das ja total. Nach meiner Teilnahme bei “Sing meinen Song” wäre es das Nächstliegende gewesen, ein neues Album zu machen. In dem Moment habe ich aber gemerkt: Auf keinen Fall. Wenn ich die Musik für mein weiteres Leben auf gesunde Füße stellen will, dann muss ich dafür sorgen, dass sich alles, was ich ab jetzt mache, drastisch anders anfühlt. Das heißt ja nicht, dass da nicht mal wieder ein Album bei rauskommen kann. Das nächste Musikprojekt, das ich mit den Patreon-Einnahmen finanzieren möchte, werden Übersetzungen von meinen Lieblingssongs sein. Das möchte ich schon seit Jahren machen. Das ist übrigens ein Paradebeispiel, das man nur über solche Plattformen finanzieren kann, weil fast alle Musiker nur noch von ihren Urheberrechten leben. So ein Album wird mindestens genauso viel kosten wie ein normales, aber an den Songs werde ich kaum Urheberrechte haben. Und es ist sehr aufwendig, man muss ja ein Demo von diesen Songs einreichen, am besten sogar eine Studioaufnahme, mit Rückübersetzung, und dann kann es sein, dass man bestimmte Songs nicht freigegeben kriegt. Das ist ein finanzielles Himmelfahrtskommando. (lacht)

Wie stellen Sie sich Ihre künstlerische Zukunft vor?

Ich wünsche mir ein Leben, in dem ich gleichmäßig schöne, tolle Sachen mache und das nicht immer so eruptiv oder hysterisch fokussiert ist auf solche Mammutprojekte. Bisher macht das total Spaß. Ich habe alle Zweifel von Leuten verstanden, die nicht wussten, ob so was in Deutschland funktioniert. Aber ich wollte das trotzdem machen. Jetzt in dieser Krise kriege ich immer mehr das Gefühl: “Warum soll sich das eigentlich nicht durchsetzen?”

Sie haben neulich geschrieben, dass das Ende von Wir sind Helden vor acht Jahren besiegelt war, weil Sie es nicht hinbekamen, “eine Familie zu gründen und Rockstar in 70-Prozent-Stelle zu sein”.

Ich habe lange versucht, beides aufrechtzuerhalten. Aber letztlich hat es damit zu tun, wie eng man sich selbst mit so einer Rolle identifiziert und wie sehr man gewillt ist, bestimmte Kompromisse in seinem Leben einzugehen, um dieser Rolle zu entsprechen. Sobald man noch in dem Spiel Popmusik ist, unterschreibt man zeitgleich eine unglaubliche Kompromissbereitschaft. Je älter ich werde, desto schlechter geht die mit meinem Naturell zusammen. In den letzten Jahren habe ich an allen Stellschrauben gedreht, um das irgendwie zum Funktionieren zu bringen. Ich habe zum Beispiel angefangen – total selten –, auch mal was abzusagen. Wenn ich zum Beispiel krank war, weil ich es mir gar nicht mehr leisten kann, meine Gesundheit so zu verheizen, weil ich Leute habe, denen gegenüber ich verantwortlich bin, dass ich nicht tot auf der Bühne umfalle. Das Feedback darauf ist, dass jemand wie ich, der immer als zuverlässig und pflegeleicht galt, nach drei Monaten plötzlich gesagt bekommt: “Du kriegst jetzt langsam einen Ruf, dass man auf dich nicht zählen kann.” Aber wenn man Kinder hat, muss die Priorität sein, dass die auf dich zählen können. Je mehr ich auf mich höre, desto eher kommt das einer Berufsunfähigkeit gleich. Ich muss mir ein System schaffen, in dem eine gewisse Freiwilligkeit vorherrscht. Ich arbeite immer noch unheimlich gern und viel, aber muss darauf achten, dass ich dabei beweglich bleibe.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen