Iris Berben: “Ich würde mich als Rampensau bezeichnen”

  • Nächste Woche wird Iris Berben 70 Jahre alt – und ist noch immer eine der begehrtesten Schauspielerinnen Deutschlands.
  • Im RND-Interview spricht sie über ihr Privileg, im Alter noch zwischen Rollen auswählen zu können.
  • Außerdem erklärt sie, wie sie mit den ewigen Fragen nach ihrer Schönheit umgeht.
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Iris Berben (69) drehte bereits mit 18 Jahren ihren ersten Kinofilm “Detektive” – ganz ohne Schauspielausbildung. Zuvor war die Tochter zweier Gastronomen bereits mehrerer Schulen verwiesen worden und hatte die Schule dann ohne Abitur beendet. Doch das schadete ihrer Karriere nicht: Es folgten in den kommenden mehr als 50 Jahren zahlreiche Filme, Serien und Auszeichnungen. 32 Jahre lang war Berben mit dem israelischen Geschäftsmann Gabriel Lewy liiert. 2006 beendeten die beiden die Beziehung. Knapp ein Jahr später lernte die Schauspielerin ihren heutigen Lebensgefährten Heiko Kiesow kennen. Sie hat einen Sohn: den Filmproduzenten Oliver Berben.

Während viele Schauspielerinnen sich mit zunehmendem Alter über ausbleibende Rollenangebote beschweren, hat Berben dazu keinen Anlass. Rund um ihren Geburtstag laufen zwei neue Filme mit ihr: Am 10. August zeigt das ZDF “Nicht tot zu kriegen”, einen Thriller um eine alternde Filmdiva. Am 12. August, dem Geburtstag von Berben, läuft in der ARD “Mein Altweibersommer”, ein Film über eine Frau in den Sechzigern, die aus ihrem gewohnten Leben ausbricht.

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Sie werden jetzt 70 Jahre alt und sind schon mehr als 50 Jahre im Filmgeschäft. Woran erinnern Sie sich besonders gern zurück?

Ich erinnere mich gar nicht so gern zurück. Ich hoffe immer auf die Zukunft und das, was man gerade macht. Aber wenn ich zurückschaue, denke ich darüber nach, welche Vielfalt an Möglichkeiten ich bekommen habe, was für ein Glück ich hatte und wie viele unterschiedliche Wege ich einschlagen konnte, mit Hilfe von Menschen, die mich dahin geführt haben. Dann denke ich, dass es eine tolle Entscheidung war, dass ich beim Filmemachen gelandet und geblieben bin und dass es mir bis heute mit derselben Leidenschaft Freude macht.

Welche Wegbegleiter haben Sie am meisten geprägt?

1969 habe ich mit 19 meinen ersten sogenannten Spaghetti-Western gedreht. Heute sind das Kultfilme, damals waren sie von der Seriosität unserer Kritiker nicht so hoch beachtet. Und da habe ich von Sergio Corbucci, der Regie geführt hat und ein König dieser Spaghetti-Western war, so viel gelernt für den Beruf. Ich habe ja keine Ausbildung gehabt. Dann hat es immer wieder solche Menschen gegeben. Regisseur Carlo Rola hat mich über lange Jahre begleitet und ich ihn auch: Ich habe ihn in den Film gehoben und er hat mich immer weiter geschubst. Auch Matti Geschonneck ist ein Regisseur, mit dem ich die wunderbarsten Filme gemacht habe, der immer wieder was in mir entdeckt hat, von dem ich nichts wusste.

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Was haben Sie schauspielerisch noch für Ziele, wenn Sie in die Zukunft blicken?

Natürlich möchte ich weiterarbeiten und Möglichkeiten finden, mit allen Neuerungen, die wir immer wieder haben, umzugehen, und mit jungen Leuten und Regisseuren und Regisseurinnen zu arbeiten. Es gibt nicht dieses eine Ziel, sondern ich habe große Lust, mich immer wieder einzulassen auf Anderes, Neues, Unerwartetes oder selbst auf das, was man kennt, aber was man verfeinern kann.

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Also planen Sie nicht, in einem bestimmten Alter in Rente zu gehen?

Ich bekomme schon seit fünf Jahren Rentenzahlungen, aber mache trotzdem weiter (lacht). Solange ich gesund bin und es mir so viel Energie gibt – warum sollte ich aufhören? Ich hoffe, dass ich den Punkt finde, an dem ich die Bremse ziehen muss.

Sie sind in einem Alter, in dem sich Kolleg*innen zum Teil wegen Krankheiten zurückziehen müssen aus dem Job. Letztes Jahr ist Hannelore Elsner überraschend gestorben. Beschäftigen Sie sich dadurch auch mehr mit dem Älterwerden und dem Tod?

Mit dem Tod habe ich mich schon beschäftigt, als ich 18 Jahre alt war. Mein Großvater, an dem ich sehr hing, war gestorben. Das war ein einschneidendes Erlebnis. Der Tod ist ein Begleiter für mich. Meistens ist er aber jemand, der keinen Platz hat in meinem Leben, und ich behaupte steif und fest, wenn der bei mir anklopft, bin ich einfach nicht zu Hause. Aber ich habe Kollegen und Freunde verloren, natürlich setzt man sich damit auseinander. Ich war bei der Beerdigung meines wunderbaren Kollegen Bruno Ganz, bei Hannelore, bei vielen Menschen, die ich verloren habe. Dass einen das immer auch an die eigene Vergänglichkeit erinnert, ist klar. Der Tod eines lieben Kollegen ist dann immer noch auf besondere Weise schmerzhaft, weil man Menschen verliert, von denen man das Gefühl hat, die waren wichtig in dieser Branche, die haben was eigenwilliges und unverwechselbares gehabt. Nichts ist schlimmer, als wenn alles gleich wird. Die mit den Ecken und Kanten, die Merkwürdigen, die fehlen.

Zu Ihrem 70. Geburtstag werden zwei neue Filme mit Ihnen gezeigt. In “Mein Altweibersommer” geht es um Ebba, eine “Frau in den besten Jahren”, die aus ihrem gewohnten Leben ausbricht. Hatten Sie so eine Phase auch in Ihrem Leben?

Ich habe mein Leben auch unterbrochen nach einer 32-jährigen Beziehung. Es ist mir also nicht fremd. Ich finde das ein sehr kluges Buch: Bei Ebba hat man das Gefühl, dass eigentlich alles gut läuft. Dann ist da plötzlich eine Sehnsucht, dass man sich fragt: Ist da noch was? Erstaune ich mich selbst noch? Das finde ich eine tolle Reise, die man da macht. Ich glaube das ist eine Frage des Alters.

Szene aus "Mein Altweibersommer": Ebba (Iris Berben) bricht aus ihrem gewohnten Leben aus und zieht mit einem Wanderzirkus umher. © Quelle: ARD Degeto/Conny Klein

Die Rede ist auch vom Druck, glücklich sein zu müssen. Spüren Sie den auch?

Den Druck, glücklich zu sein, habe ich früher viel häufiger gespürt als heute. Vielleicht hat das auch damit zu tun, wie man Glück definiert. Heute kann Glück für mich ein gutes Gespräch sein, eine kleine Reise, ein Film. Man muss fähig sein, Glück zu definieren. Das übergroße Glück ist erstmal, gesund zu sein. Das nehmen wir alle als selbstverständlich hin. Das wird einem erst bewusst, je älter man wird, dass das nicht so selbstverständlich ist.

“Den Rest des Lebens gelassen zuzubringen, bei dem Gedanken gruselt es mich”, sagt Ihr Kollege Rainer Bock, der im Film Ihren Mann spielt, in seiner Rolle.

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Das finde ich auch gruselig (lacht). Ich glaube, ich bin in manchen Dingen lässiger geworden, aber gelassen? Ich habe noch dasselbe Feuer, dieselbe Ungeduld, dieselbe Sehnsucht und Lust. Nein, gelassen werden will ich nicht. Dann ist man so angekommen – ich will überhaupt nicht ankommen. Ankommen ist Stillstand. Ich will das auch gar nicht verurteilen, es gibt Menschen, für die das ein tolles Gefühl ist. Aber vielleicht ist das bei mir nicht so, weil ich nie einen Plan hatte. Ich habe heute noch keinen Plan, ich lasse das Leben auf mich zukommen. Der eine braucht das Korsett, das ihm Sicherheit und Halt gibt, mich hingegen verunsichert jedes Korsett.

Man merkt Ihnen Ihre (fast) 70 Jahre überhaupt nicht an. Es wird immer wieder betont, wie schön und jung Sie noch aussehen. Nervt Sie das, dass Ihr Aussehen so oft Thema ist?

Es ist tatsächlich so, dass andere viel mehr Anteil nehmen an meinem Alter als ich. Als ich jung war und an eine 70-jährige Frau gedacht habe, hatte ich ein anderes Frauenbild vor Augen. Aber es wird heute immer noch bemerkt: Huch, die ist 70 und spielt immer noch mit – und ich rede nicht nur von Filmen, sondern überhaupt im Leben. Früher ist man im Alter irgendwie verschwunden, hat nicht mehr mitgemacht. Dass wir erreicht haben, dass das nicht mehr so ist, ist schon mal gut. Aber wir sind lange nicht da angekommen, wo wir hin wollen. Als junges Mädchen wurde ich auf mein Aussehen reduziert, das werde ich nicht mehr. Darum kann ich heute gelassener damit umgehen. Ich reduziere mich selbst nicht darauf, ich versuche Filme zu machen, die auch andere Frauenbilder zeigen. Insofern: Manchmal nervt es ein bisschen, aber ich versuche, das sehr locker zu sehen.

Sie bekommen immer noch viele gute Rollen angeboten. Glauben Sie, dass Sie damit im Gegensatz zu anderen, älteren Schauspielerinnen ein Privileg haben?

Ja, das ist ein Privileg, aber ich kann nicht genau sagen, warum das so ist. Es ist unser System, aber es ist manchmal auch das Quäntchen Glück. Wir waren jahrelang in einer anderen Konstellation, in der Männerherrschaft. Männer haben quasi die Eintrittskarten gelöst, Kino wurde durch Männer definiert. Das ist ein System, das durchbrochen werden muss, da sind wir schon dran. Die Ungerechtigkeit ist aber nach wie vor da: Warum ist eine Schauspielerin in dem Alter nicht mehr interessant? Warum gibt es für junge Schauspieler nicht die Möglichkeit, eine Familie zu gründen und trotzdem diesen Beruf zu haben? Es gibt viele Baustellen, an denen wir arbeiten müssen. Was es aber ausmacht für einzelne, kann ich nicht sagen. Ich weiß, wie fleißig ich bin, und dass ich gern Risiken eingehe. Aber ich kenne viele Kolleginnen, die das genauso tun. Ich weiß nicht, warum die eine mehr Glück hat als die andere.

In dem zweiten Film, “Nicht tot zu kriegen” wird Ihre Figur, eine ältere Schauspielerin, als “Rampensau” bezeichnet – und nennt sich am Ende auch selbst so.

Ja, ich würde mich auch als Rampensau bezeichnen (lacht). Ich glaube, man muss in diesem Beruf eine Rampensau sein – wenn wir die Provokation des Wortes rausnehmen. Wir wollen, dass unsere Geschichten gesehen werden. Schauspieler versuchen, sich nackt zu machen in jeder Hinsicht. Du gehst mit jeder Faser da rein, weil du das Beste willst. Letztlich bedeutet das, eine Rampensau zu sein. Eine positive kleine koschere Rampensau (lacht).

Szene aus dem ZDF-Film "Nicht tot zu kriegen": Die Bedrohung durch einen anonymen Stalker nimmt die ehemalige Showbiz-Diva Simone Mankus (Iris Berben) sichtlich mit. © Quelle: ZDF und Alexander Fischerkoesen

Um sie wieder mehr in die Öffentlichkeit zu bringen, will der Sohn Ihrer Figur in dem Film, dass Sie in die “Promihütte” – eine Art Dschungelcamp – ziehen. War es bei Ihnen jemals Thema, an einem Reality-Format teilzunehmen?

Ich bin ein Universum davon entfernt, in eine Reality-Show zu gehen. Es könnte mir so schlecht nicht gehen. Ich wüsste, dass ich was anderes finde, dass mir mein Überleben sichert. Ich lasse das Finanzielle als Grund nicht gelten. Da sagen dann Leute: Ja, du kannst reden. Aber darum geht es nicht, ich habe auch gekellnert, in einer Boutique gejobbt, Nachhilfe gegeben. Es geht auch anders.

Sie haben also kein Verständnis für Kollegen, die das machen?

Ich bewerte das gar nicht. Das muss jeder für sich beantworten. Nur ich lasse nicht gelten, dass man das aus finanziellen Gründen machen musste. Wenn du darauf ein Comeback gründen möchtest: Welches Comeback ist das? Da bist du in einer anderen Liga. Es ist eine Entscheidung, die jeder frei treffen kann.

Man verbindet mit Ihnen auch Ihr soziales Engagement. Sie setzen sich schon lange gegen Rassismus und rechtsextreme Gewalt ein. Gerade ist das Thema durch den Tod von George Floyd und Black-Lives-Matter-Demos aktueller denn je. Wie erleben Sie diese Zeit?

Als ich damit mal anfing, dachte ich, wir kriegen das in den Griff. Dann habe ich gemerkt: Nein, ganz im Gegenteil, es gibt das Problem mehr denn je. Ich finde es extrem wichtig, dass wir jetzt auch in unserem Land eine Reaktion haben. Ich frage mich aber auch, was anders ist an George Floyd als an den Morden der NSU, dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke oder den Morden an jüdischen Mitbürgern? Es mag sein, dass das mit der extremen Form der Polizeigewalt in den USA zu tun hat, dass sich eine Jugend dafür weltweit so stark macht. Letztlich muss man es pragmatisch sehen: Es ist gut, dass hinterfragt wird und es müssen sich Dinge ändern. Aber es gab viele Gründe, warum das gesamte Land auf die Straße hätte gehen müssen.

“Staat, Sex, Amen”
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