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  • Interview mit Tyron Ricketts: Schauspieler zu Rassismus im Alltag und Beruf

Schauspieler Tyron Ricketts: “Rassismus begleitet mich auch in meiner Branche”

  • Tyron Ricketts engagiert sich seit Jahren für Diversität.
  • Rassismuserfahrungen seien für ihn nichts Neues, erzählt er im Interview mit dem RND.
  • Auch in seinem Beruf als Schauspieler habe er damit schon Erfahrungen gemacht.
Nico Schwieger
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Hannover. Der Tod des Afroamerikaners George Floyd durch die Gewalt eines Polizisten hat die Welt erschüttert. Nicht nur in den USA demonstrieren die Menschen gegen rechte Polizeigewalt und Rassismus, auch in Deutschland haben die Vorfälle eine neue Diskussion entfacht.

Schauspieler Tyron Ricketts (46) hat Rassismus schon oft selbst erfahren müssen. Er ist der Sohn einer Österreicherin und eines Jamaikaners, wohnt in Berlin und besitzt einen deutschen Pass. Seit etlichen Jahren engagiert sich Ricketts für mehr Diversität – nicht nur in der Filmbranche. Mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat er über die Situation in den USA, persönliche Erfahrungen und sein Engagement gesprochen.

Der Tod von George Floyd durch die Gewalt eines Polizisten hat die USA ins Chaos gestürzt. Wie bewerten Sie die Ausschreitungen bei den Demonstrationen?

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Es hat sich bis zum jetzigen Zeitpunkt sehr viel angestaut. Polizeigewalt gegenüber schwarzen Menschen ist ja nichts Neues, sondern ist fast an der Tagesordnung. Die jetzige Situation, beeinflusst auch durch die Corona-Ruhephase und ein offensichtlich rassistisches Staatsoberhaupt in Amerika, zeigt die verhärteten Fronten zwischen Schwarz und Weiß. Da entladen sich gerade Wut, Verzweiflung und Angst.

Es gibt aber auch Szenen, wo sich Polizisten mit den Protestlern solidarisieren. Wie wichtig sind diese Zeichen?

Das sind sehr wichtige Zeichen. Durch das Solidarisieren mit den Demonstranten sieht man, dass auch die Polizisten erkennen, dass sie nur das Symptom des eigentlichen Problems sind. Polizeigewalt ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Wir haben es im Grunde mit einer falschen Sichtweise der Welt zu tun, die das Problem in sich trägt.

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Wie meinen Sie das genau?

Wir lernen in der Schule, dass Columbus Amerika entdeckt hat. Wir wissen aber alle, dass da vorher schon Menschen gelebt haben. Das zeigt diese eurozentrische Sichtweise, die wir in der westlichen Welt gelernt haben. Das ist ja eigentlich schon rassistisch, weil wir da schon in zivilisiert und wild unterscheiden. Diese Sichtweise ist im Jahr 2020 in einer globalisierten Welt nicht mehr aufrechtzuerhalten.

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Was erhoffen Sie sich nachhaltig von den Demonstrationen rund um den Tod von George Floyd?

Ich hoffe, dass ein großer Teil der Bevölkerung keine Lust mehr auf die alten Strukturen hat. Das ist ja nicht nur ein Problem von Amerika, überall auf der Welt demonstrieren die Menschen. Jetzt ist es an der Zeit, die Herausforderung, die wir als Menschheit haben, anzugehen. Aber das klappt nur, wenn wir eine gemeinsame Sichtweise schaffen, in der alle Menschen gleich sind.

Wie stark sind Sie persönlich im Alltag von Rassismus betroffen?

Ich habe sehr viele verschiedene Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Einmal haben mich Polizisten gezwungen, einen öffentlichen Platz von Zigarettenkippen und Bierdosen zu reinigen, obwohl ich der Einzige war, der nicht geraucht und getrunken hat. Das geht hin bis zu Gewalterfahrungen. Aber in letzter Zeit wurde ich auch im beruflichen Bereich damit konfrontiert.

Können Sie einen Fall beschreiben?

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Ich habe eine Rolle angeboten bekommen, die ganz klar rassistisch war. Darauf habe ich den Regisseur aufmerksam gemacht. Er sagte zu mir: “Klar ist das rassistisch. Aber wenn Sie es nicht machen, macht es ein anderer.” Ich habe die Rolle angenommen, um Einfluss auf sie nehmen zu können. Wir haben dann das Drehbuch geändert. Das hat dazu geführt, dass die Szenen, in denen ich zu sehen war, entschärft wurden. Der Regisseur hat es aber zu seiner persönlichen Aufgabe gemacht, in den Szenen, in welchen über die Figur gesprochen wurde, sie noch viel schlimmer darzustellen. Das war für mich eine ganz schlimme Erfahrung. Als ich die fertige Sendung gesehen habe, war ich traurig und wütend. Es gibt leider Menschen, die wollen diese alte Sichtweise erhalten.

Sie haben sich schon mehrmals darüber beklagt, als Schwarzer in Klischeerollen schlüpfen zu müssen.

Ich werde als Schauspieler immer wieder im Außen verortet. Ganz selten bin ich Teil dieser Gesellschaft. Ich bin hier groß geworden, habe hier Abitur gemacht und habe einen deutschen Pass. Ich muss aber trotzdem den Afroamerikaner oder einen Menschen mit Akzent spielen. Das ist ein großes Problem, weil das die Botschaft nach außen trägt, Menschen, die so aussehen wie ich, haben in unserer Gesellschaft nichts verloren. Das spaltet die Gesellschaft. In Deutschland haben 25 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund. Davon sind nicht alle eingewandert, sondern viele auch hier aufgewachsen. Sie werden aber nicht als Teil dieses Landes gesehen.

Sind diese Verortungen in Klischees ein generelles Problem in der Filmbranche?

Es ist ein generelles Problem in der Erzählung von Deutschland. Es wurden Zahlen veröffentlicht, dass im vergangenen Jahr unter 700 Talkshowgästen in Deutschland nur drei Schwarze waren. Das ist ein Problem der politischen Landschaft. Ich rede nicht nur von Schwarzen, auch von Menschen mit anderem Migrationshintergrund. Wir sind zahlreich vertreten in der Gesellschaft, aber in der Erzählung von Deutschland tauchen wir nicht auf. Das ist nicht nur in der Unterhaltungsbranche, sondern auch im Informationsbereich ein Problem.

In der Talkshow “Maischberger” sollte über die Proteste gegen rassistische Polizeigewalt diskutiert werden. Zunächst wurde aber kein Schwarzer eingeladen.

Wenn in einer Talkrunde über Rassismus gesprochen wird und da sitzt keiner mit drin, der diese Erfahrung gemacht hat, ist das absurd. Das ist so, als ob sich fünf Männer über Schwangerschaft unterhalten. Es kommen generell Stimmen von Schwarzen und Menschen mit Migrationsgeschichte viel zu kurz.

Sie haben Ihre eigene Produktionsfirma. Was wollen Sie mit Panthertainment erreichen?

Wir wollen Geschichten erzählen, in denen Diversität als Normalität gesehen wird. Mir ist wichtig, dass bei der Erzählung dieser Geschichten schon in der Drehbuchphase Menschen mit Diversitätserfahrungen mitschreiben. Außerdem wählen wir Regisseure, die verstehen, was in den Geschichten erzählt werden soll. Nur dann kann man von Authentizität sprechen. Ich glaube, dass Unterhaltungsmedien eine große Auswirkung auf die Sichtweise haben. Da passiert oft mehr in den Menschen als mit einer aufklärenden Dokumentation. Wir kommen über die Gefühle an die Menschen heran.

Das aktuelle Projekt ist die Serie “Ein Sachse”. Worum geht es da?

Es geht um eine wahre Geschichte des ersten schwarzen Polizisten im Osten. Wir erzählen, wie er in seiner Karriere und in seinem Leben versucht, sein Plätzchen Heimat zu finden, und alles dafür tut, als Teil des Ganzen gesehen zu werden. Das ist eine unheimlich dramatische und emotionale Geschichte, die historisch relevant und trotzdem aktueller denn je ist.

Sie waren von 1996 bis 2000 Moderator des Rapmagazins “World Cup” beim Musiksender Viva. Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem Leben, und welche Funktion nimmt dieses Musikgenre im Kampf für mehr Diversität ein?

Für mich war Rapmusik ganz wichtig. Als ich jung war, hatte ich keine Vorbilder, mit denen ich mich in der deutschen Medienlandschaft identifizieren konnte. Dass Schwarze aus den USA das Heft selbst in die Hand genommen und dadurch eine Stimme bekommen haben, hat mich unglaublich inspiriert. Rapmusik birgt eine riesige Chance, politische Dinge anzusprechen. Schaut man sich die heutige Raplandschaft in Deutschland an, geht diese leider zu oft in die Gangsta-Richtung. Das war nicht immer so, und das muss ja nicht immer so bleiben. Musik und Kunst sind dynamisch. Durch die aktuellen Ereignisse kann sich das verändern.

Neben Ihrer Karriere im Schauspielbusiness sind Sie als Berater in der Filmindustrie und der Politik tätig. Was genau machen Sie?

Ich rede einfach darüber, wie es bisher gelaufen ist, warum es so gelaufen ist und warum es eben nicht so weiterlaufen darf. Es muss sich etwas verändern. Dieser Wandel geht aber nicht von allein. Man muss Fragen stellen und auf Dinge hinweisen. Das ist meine Aufgabe.

Sie sind sehr aktiv bei Instagram. Auch dort machen Sie sich für den Kampf gegen Rassismus stark. Wie wichtig ist Social Media in dieser Sache?

Gerade die Kombination von Entertainment und Aktivismus generiert noch einmal mehr Aufmerksamkeit. Das Feedback, das ich bekomme, ist eigentlich sehr gut. Durch die sozialen Medien ist jeder in der Lage, zu einem Sender zu werden. Jeder bekommt eine Stimme, egal, wie klein er ist. Es sollten nicht nur Schwarze ihre Kanäle dazu nutzen, sondern auch Weiße. Sie können über ihre Erfahrungen sprechen. Was sie nicht richtig gemacht haben, was sie daraus gelernt haben, was sie besser machen können. Denn darum geht es schließlich, um eine gemeinsame und bessere Welt.

RND

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