• Startseite
  • Promis
  • Haben Sie sich in der Krise neu erfunden, Sophie Ellis-Bextor?

Haben Sie sich in der Krise neu erfunden, Sophie Ellis-Bextor?

  • Karaoke und Julie-Andrews-Songs sind ein Garant für gute Laune, sagt die britische Musikerin Sophie Ellis-Bextor.
  • Mit ihrer „Kitchen Disco“ will die fünffache Mutter über die Mühen des Lockdowns hinweghelfen.
  • Schließlich sei Disco das Genre der Pandemie.
Katja Schwemmers
|
Anzeige
Anzeige

Sophie Ellis-Bextor, hätten Sie es geglaubt, wenn Ihnen jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass Ihre Küche und Ihre Kinder Anfang 2021 einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind?

Selbst wenn mir das Anfang März gesagt worden wäre, hätte ich die Person ungläubig angeschaut. Da war in Großbritannien immer noch business as usual angesagt. Andere Länder in Europa gingen bereits in den Lockdown, und die erste Welle rollte langsam aber bedrohlich auf uns zu. Am Anfang der Pandemie drehten wir als Familie wirklich am Rad. Die Routine unserer Leben zwischen Schule und Konzerten stoppte so abrupt. Gleichzeitig fühlte ich mich unglaublich nutzlos.

Wie kam es dann zu der Idee der „Kitchen Disco“?

Anzeige

Die erste „Kitchen Disco“ war unser Weg, sich besser zu fühlen, uns abzulenken und zu verbinden. Richard und ich fühlten uns so separiert von allen Menschen, die uns wichtig sind. Unsere Konzerte waren zwar abgesagt, aber wir hatten etwas gefunden, auf das wir jede Woche hinsteuern konnten. Der Rest der Woche war auch für uns Lockdownleben pur. Und das ist nicht einfach und ziemlich stressig.

Im Glitzeroutfit in der Küche

Gab es keine Zweifel bei Ihnen, mit der „Kitchen Disco“ Ihr privates Refugium und Ihre Kinder der Öffentlichkeit preiszugeben?

Es waren nicht wirklich Zweifel, aber ich dachte, die Leute würden mich auslachen. Es wäre sehr einfach gewesen, sich darüber lustig zu machen, wie ich versuche, in einem glitzernden Outfit in einer Küche mit fünf Kids alles zusammenzuhalten. Es war so anders als das, was meinem bisherigen Image entsprach. Ich nahm an, die Leute könnten sagen: „Oh mein Gott, ist das peinlich.“

Anzeige

Warum haben Sie es trotzdem durchgezogen?

Anzeige

Für Richard und mich war es vergleichbar damit, ein alkoholfreies Bier zu trinken und dem Gehirn für ein paar Sekunden vorzugaukeln, es wäre richtiger Alkohol. Es gab uns das Gefühl, als hätten wir ein richtiges Konzert gegeben. Als dann das erste Feedback kam, Freunde und Familie zuschauten, war die Erkenntnis: Oh, das ist ja richtig schön, wie viel Freude es auch anderen Menschen bringt.

Warum ist die „Kitchen Disco“ so beliebt?

Der Hauptgrund ist wohl, dass das, was wir in unserem Haushalt fühlen, die Stimmung der Leute rund um den Globus widerspiegelt: sich merkwürdig fühlen und gestresst sein, einen Platz zu suchen, um diese Spannungen abzubauen, den Wunsch zu haben, einfach mal wieder albern zu sein, einen Ort zu finden, an dem alle zusammen sein können – das alles treibt nicht nur unsere Familie in diesen Zeiten um.

Durchs Zimmer tanzen in der „Kitchen Disco“

Können soziale Netzwerke ein Ort menschlicher Wärme sein?

Ich denke schon. Immer, wenn ich ein Instagram-Livevideo einer anderen Person verfolge, spüre ich die Wärme der Verbundenheit. Ich weiß in dem Moment: Das ist ein Liveevent. Jemand ist da. Selbst wenn die Person in einer Kunstgalerie nur ein Kunstwerk vorstellt, fühlt sich der Moment unverfälscht, süß, bekömmlich und auch unvorhersehbar an. Das dürfte ein weiterer Grund sein, warum die „Kitchen Disco“ so beliebt ist: Weil es chaotisch ist und immer die Möglichkeit besteht, dass alles schiefläuft. Mit Kids sowieso. Manchmal haben sie total Lust drauf und tanzen durchs Zimmer, andere Male sitzen sie nur gelangweilt auf der Bank.

Anzeige

Auch Kylie Minogue, Melanie C und Dua Lipa brachten jüngst Disco-Alben heraus. Ist Disco das Genre der Pandemie?

Ich weiß nicht, ob ihre Alben auch als Reaktion auf Corona entstanden sind. Aber was sich sehr früh abzeichnete in der Krise: Zu ernsthafte Auftritte waren nicht das, was die Leute im Lockdown sehen wollten. Wer wendet sich Musik zu, um sich in Traurigkeit zu suhlen, wenn sich die Welt schon heavy anfühlt? Man will sich doch besser fühlen. „Kitchen Disco“ ist zwar kein reines Disco-Album, denn ich habe auch andere Songs untergemischt. Aber als Genre, das in der Gegenkultur seinen Anfang nahm und von den Schwulenclubs in New York aus die Welt eroberte, stand Disco-Musik schon immer für einen Ort der Umsicht und Emotionalität.

Wie meinen Sie das?

Disco hat diese Art von Katharsis. Ein Disco-Song kann einen herzzerreißenden Text haben, während der Sound total euphorisch macht. Wenn du solch einem Song lauschst, ist es so, als hätten sie dein Herz in die Mitte der Tanzfläche gelegt. Das ist ein cooler Platz, den du einnehmen kannst, obwohl du eigentlich die ganze Zeit zu Hause festhängst.

Der Stillstand der Kultur

Anzeige

Sie haben eine Coverversion von „Crying at the Discotheque“ veröffentlicht. Für das Video performten Sie in sieben verwaisten Konzerthallen in London, um auf den Stillstand in der Kultur aufmerksam zu machen. Hat Sie das emotional mitgenommen?

Vom Kopf her bin ich ziemlich nüchtern an die Sache herangegangen. Es war schwierig, im Vorwege alle Betreiber zu überzeugen, die Route festzulegen, und das alles an einem einzigen Drehtag hinzubekommen. Wir waren nirgends länger als eine Stunde, und es war eine ziemliche Hast. Erst zwei Tage später kamen die trüben, finsteren Gedanken. Ich musste an die besonderen Dinge denken, die für junge Bands und Künstler nur passieren können, wenn Menschen gemeinsam Musik hören und erleben können. Ich spürte eine große Lücke durch die Dinge, die normalerweise einfach da sind. Wie soll neue Musik erfolgreich werden, wenn niemand Assoziationen daran knüpfen kann?

Sie selbst haben sich in der Corona-Krise ein Stück weit neu erfunden, oder?

Sagen wir so: Da ich gerade nicht mein nächstes Album fertigstellen und auf Tour gehen kann, habe ich mir ein paar Möglichkeiten kreiert, die für Wohlbefinden in meinem Kopf sorgen: meine Podcastreihe „Spinning Plates“ über berufstätige Mütter zum Beispiel.

Wie man sich als Mutter selbst treu bleibt

Es soll Frauen geben, die sich angegriffen fühlen, wenn man sie danach fragt, wie sie Job und Familie unter einen Hut kriegen. Weil Männer das nun mal nie gefragt werden.

Es geht mir gar nicht um ein Statement. Ich wollte mit anderen berufstätigen Müttern sprechen, weil ich selbst eine berufstätige Mutter bin. Es geht um die Persönlichkeit und die Dinge, die durch eine Mutterschaft manchmal aus dem Fokus geraten. Wir reden darüber, wie man sich als Mutter selbst treu bleibt, sich wie sich selbst fühlt und dafür auch mal egoistisch sein muss. Wenn mein Mann Richard als berufstätiger Vater seinen eigenen Podcast haben will, geht das für mich aber auch in Ordnung.

Für eine Episode luden Sie Ihre Mutter ein, die eine bekannte TV-Moderatorin in Großbritannien ist. Haben Sie etwas Neues über sie erfahren?

Oh ja! Meine Mutter hat sich nie für ihren Wunsch entschuldigt, arbeiten zu gehen und ihr eigenes Ding zu machen. Doch im Podcast offenbarte mir meine Mutter, dass sie sich durchaus manchmal schuldig gefühlt hat. Wir sprachen über die drei Jahre, in denen sie eine alleinerziehende Mutter für mich war. Ich hatte diese Zeit schon fast vergessen. Aber es erinnerte mich daran, wie prägend diese Zeit für unsere Beziehung gewesen ist.

In einem Interview von 2014 sagten Sie, Mutter zu sein hätte Ihre Karriere nicht behindert, sondern Ihnen geholfen. Würden Sie das heute nach fünf Kindern immer noch sagen?

Als ich Sonny bekam, meinen Ältesten, der jetzt 16 ist, hatte ich gerade mein zweites Album rausgebracht. Es war außergewöhnlich für mich, dass plötzlich diese neue Person in meinem Leben war, die gleichzeitig zur wichtigsten Person wurde und die bei all dem, womit mich Leute in Verbindung bringen, bei all den Songs, die ich gemacht habe, gar nicht dabei war. „Murder on the Dancefloor“ war plötzlich der Schnee von gestern, denn Sonny hatte zu der Zeit ja nicht mal existiert. Es war gut, um mein Ego im Zaum zu halten. Und es verschaffte mir Klarheit im Job.

Inwiefern?

Es verbesserte und veränderte meinen Fokus. Ich musste mich fragen: “Wie will ich weitermachen?” Es ließ mich härter arbeiten, und es sorgte dafür, es mir nie zu bequem zu machen. Das war sehr gesund. Und jedes Mal, wenn ein weiteres Kind kommt, sage ich mir: “Blick nach vorne – was mache ich als Nächstes? Wie schaffe ich es, dass ich mich weiterhin wie ich fühle, während ich meine Kinder großziehe?” Ich kriege es nicht immer hin, aber es hat mir geholfen.

Ein Lied von Juli Andrews

Sind Sie mit Ihrer Familie Vorbild?

Das will ich gar nicht sein. Ich habe die „Kitchen Disco“ nicht erfunden, ich habe nicht die Kraft der Musik erfunden. Unsere Familie wurde einfach nur zu dem Ort, wo wir daran gemeinsam Spaß haben können. Jeder, der Lieder von Julie Andrews singt, wird sich sofort besser fühlen.

„My Favorite Things“ aus dem Musical „The Sound of Music“ ist ein Highlight Ihres neuen Albums. Würden Sie zusagen, wenn Ihnen im West End eine Rolle angeboten würde?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Disziplin hätte für ein Musical. Aber mir gefällt, dass ich mit der „Kitchen Disco“ neben meinen eigenen Songs ein bisschen Karaoke machen konnte und meine Lieblingssongs von Pulp bis New Order daruntermischen konnte. Karaoke ist ein bewährtes Mittel für gute Laune.

Wenn Sie zurückblicken auf Ihre Karriere: Ist die Sophie, die durch die Küche tanzt, noch dieselbe Sophie aus den Anfängen?

Schon. Aber es fühlt sich so an, als hätte ich im Laufe meiner Karriere ein paar Schichten abgestreift. Ich mache mir nicht mehr zu viel Sorgen. Das ist das Schöne daran, wenn du älter wirst.

Hat sich das Verhältnis zwischen Künstlern und Fans verändert?

Generell verändert sich gerade die Verbindung der Menschen untereinander. Die Barrieren verschwinden. Nicht nur, weil wir dank Zoom nun alle die Wohnzimmer der anderen kennen. Wir alle haben gemeinsam etwas durchgemacht. Es wird einige schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Aber auf die Art, wie wir miteinander kommunizieren, hat es einen unerwartet positiven Einfluss.

Leute mit der Kamera ins Haus lassen

Können Sie ein Beispiel geben?

Ruhm und das Celebrity-Dasein erscheinen mir total unbedeutend und irrelevant. Das war auch ein Grund, warum es mir nichts ausmachte, fremde Leute via Kamera in mein Haus zu lassen und die Kids dabei im Hintergrund zu haben. Plötzlich war menschlicher Kontakt die bedeutendste Währung. Mir Sorgen zu machen, was jemand über meine Küche denkt oder ob man das Gesicht meines Fünfjährigen sieht, dafür war in meinem Kopf gar kein Platz. Mich trieb der Gedanke: Ich muss etwas tun, das sich nach einer menschlichen Verbindung anfühlt.

Werden die Erfahrungen der letzten Monate sich auf Kinder auswirken?

Hundertprozentig! Ich habe lange über diese unsichtbare Virusgefahr nachgedacht, habe an Keime, Bakterien, Sauberkeit und die Botschaft an Kinder gedacht, dass es ihre Großmütter krank machen kann, wenn sie ihren Mund-Nasen-Schutz nicht tragen. Selbst als Erwachsener ist es schwer, das im Kopf klarzukriegen. Die Idee, dass ich unbeabsichtigt meine eigenen Eltern so krank machen könnte, dass sie auf der Intensivstation landen, empfinde ich als die eigentliche Grausamkeit.

Hat Sie das belastet?

Ich musste im ersten Lockdown sehr vorsichtig sein, weil mein Stiefvater an Lungenkrebs erkrankt war. Er verstarb im Juli. Ich muss gestehen, dass sich meine Gemütsverfassung danach veränderte. Wenn derjenige, um den du dich am meisten sorgst, stirbt, hast du das Gefühl: Nun ist es vorbei. Aber dann war da schon die nächste Person, um die ich mir Sorgen machte: meine Mutter, gefolgt von meinem Vater, meiner Stiefmutter, Richards Eltern ... Aber so geht es uns wohl allen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen