Pressestimmen zum Ofarim-Prozess: „Nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt seine Lüge“

Gil Ofarim (Mitte) steht im Saal des Landgerichts in Leipzig zwischen seinen Verteidigern Tido Oliver Hokema (links) und Alexander Stevens.
Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
Es sind nur wenige Worte, mit denen Gil Ofarim im Verleumdungsprozess gegen sich für eine überraschende Wende sorgt: „Die Vorwürfe treffen zu. Es tut mir leid.“ Damit räumt der jüdische Musiker am Dienstag im Landgericht Leipzig ein, dass seine Antisemitismusvorwürfe gegen ein Leipziger Hotel nicht stimmen. Das Verfahren wird daraufhin gegen die Auflage einer Zahlung von 10.000 Euro eingestellt. Einige Pressereaktionen im Überblick.
„Süddeutsche Zeitung“ (München): „Es ist eine fast geräuschlose, unaufgeregte Beendigung dieses Prozesses, dessen Ursprung so viel Schaden angerichtet hat. Zwei verletzte Menschen aber bleiben zurück: Der eine ist der Hotelmitarbeiter, dessen Seelenfriede mutwillig zerstört wurde. Der andere ist Ofarim selbst: Er hat sich unglaubwürdig gemacht und seiner Sache geschadet. Denn er hat jenen Argumente geliefert, die immer schnell sagen: Alles aufgebauscht, alles nicht so schlimm. Diesmal haben sie recht behalten.“
„Kölner Stadt-Anzeiger“: „Es gibt in dieser deprimierenden Geschichte nicht nur Verlierer: Der geschädigte Hotelmanager hat die Entschuldigung des Lügners großzügig angenommen. Die Leipziger Staatsanwaltschaft hat akribisch und sachorientiert gearbeitet. Und Andreas Stadler, der Vorsitzende Richter, sprach in dem Urteil kluge Worte. Unsere Gesellschaft kenne keine ewige Verdammnis, sagte Stadler. Dann fügte er hinzu: ,Eines bleibt, wie es war: Antisemitismus ist eine Tatsache, der Kampf dagegen ist eine Aufgabe.‘ Es bringt nichts, sich jetzt im Furor gegen Gil Ofarim zu übertrumpfen. Den entstandenen Schaden einzudämmen, das liegt an uns allen.“
„Nordbayerischer Kurier“ (Bayreuth): „Das Hotel und dessen Angestellter, die heftig attackiert worden waren, können sich nun rehabilitiert fühlen. Für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sind die Geltungssucht und die falsche Verdächtigung durch Gil Ofarim schrecklich. Mag sein, dass er die Währung ,Aufmerksamkeit‘ suchte, Klicks genießen wollte und sich so einen Karriereschub erhoffte. Doch er hat, gerade in diesen sensiblen Zeiten, dem Kampf gegen Antisemitismus leider einen Bärendienst erwiesen.“
„Mitteldeutsche Zeitung“ (Halle): „Beschädigt hat der Sänger auch den Kampf gegen Antisemitismus an sich. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der Judenhass wieder rasant zunimmt. In der Brandanschläge auf Synagogen verübt, Häuser von Jüdinnen und Juden mit Davidsternen markiert werden. In der Betroffene sich wieder und einmal mehr fragen, ob sie in Deutschland noch sicher sind. Wie müssen sie sich jetzt fühlen, angesichts eines erfundenen, per sozialen Netzwerken viral gegangenen Vorwurfs? Was auch immer Gil Ofarim angetrieben haben mag: Nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt seine Lüge.“
Überraschende Wende im Fall Ofarim: Musiker gibt Lüge vor Gericht zu
Ofarim hatte im Oktober 2021 in einem Video Antisemitismusvorwürfe gegen ein Leipziger Hotel erhoben.
Quelle: dpa
„Stuttgarter Zeitung“: „Gil Ofarim hat den Menschen seines Glaubens einen üblen Dienst erwiesen. Ausgerechnet jetzt, da die Stimmung gegen Juden ohnehin aufgeheizt ist und viele Judenhasser sich vom Vorwurf des Antisemitismus gerne freisprechen würden. Ofarim wurde zum Täter, indem er sich als Opfer stilisierte – und schadet damit allen, die wirklich schon zum Opfer antisemitischer Diskriminierung geworden sind.“
„Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung“: „Mit seinem Geständnis hat er immerhin die Ehre des beschuldigten Mitarbeiters wiederhergestellt. Alle Achtung, dass der seine Entschuldigung angenommen hat. Denn die falschen Anschuldigungen hatten für ihn und das Hotel dramatische Folgen. Selbst ein finanzieller Schadensersatz wird nicht wieder gutmachen können, was Ofarims Opfer erleiden musste. Zurück bleiben nur Verlierer. Der Mitarbeiter, der bis heute unter den Folgen der Verleumdung leidet. Ofarim, der nach Aufmerksamkeit gierte, jedoch seinen eigenen Ruf ruinierte und den Juden in Deutschland einen Bärendienst erwiesen hat. Er trägt zumindest eine Mitschuld daran, wenn man künftig an ihrem Wort zweifelt, wenn sie angeben, beleidigt oder bedroht worden zu sein.“
„Nordwest-Zeitung“ (Oldenburg): „Schon werden in den sozialen Medien Fälle tatsächlichen Antisemitismus hämisch kommentiert: ‚Ofarim 2.0 oder ein echter Fall?‘ Die Antisemiten aller Farben kriechen aus ihren Löchern – und haben nun Munition, judenfeindliche Vorfälle zu verharmlosen oder zu leugnen. Die wurde frei Haus geliefert. Den Schaden haben diejenigen, die tatsächlich Antisemitismus erleben, und das sind in Deutschland viel zu viele.“
RND/seb/dpa










