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Gil Ofarim zu Antisemitismusvorwürfen: „Das war ein Angriff aus der Mitte der Gesellschaft“

  • Eine Woche ist es her, seit der Musiker Gil Ofarim Antisemitismusvorwürfe gegen das Leipziger Westin erhoben hat.
  • Die anschließende Debatte beobachtet Ofarim mit gemischten Gefühlen, wie er im RND-Gespräch erklärt.
  • Am Dienstag wird der 39-Jährige als Zeuge aussagen.
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Hannover/München. Alles begann mit einem Video auf Instagram: In 1:55 Minuten schildert der Musiker Gil Ofarim einen antisemitischen Vorfall, der sich am Montag vergangener Woche im Leipziger Westin Hotel zugetragen haben soll. Ein Hotelmitarbeiter habe den 39-Jährigen aufgefordert, seinen Davidstern an einer Kette abzunehmen, erst dann habe er einchecken können, so der Musiker.

Heute, eine Woche später, wurde das Video mehr als drei Millionen Mal aufgerufen, der Fall wurde von zahlreichen Medien aufgegriffen – weltweit. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in dem Fall, genau wie das Hotel selbst. Und der beschuldigte Mitarbeiter hat inzwischen Anzeige gegen Ofarim wegen Verleumdung bei der Polizei erstattet.

Ofarim selbst hat angekündigt, am Dienstag seine Zeugenaussage zu machen. Dann will auch er den beschuldigten Hotelrezeptionisten anzeigen.

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Herr Ofarim, eine Woche ist vergangen, seit Sie den Vorfall öffentlich gemacht haben. Wie blicken Sie auf die vergangen Tage zurück?

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Mit gemischten Gefühlen. Ich freue mich, dass ich eine Debatte angestoßen habe – aber ich hoffe, dass sie nicht nach kurzer Zeit wieder verpufft. Dafür ist das Thema viel zu wichtig.

Was mich an der Sache stört: Es geschehen jeden Tag in Deutschland so viele verbale und körperliche Übergriffe, antisemitische Beleidigungen und Diskriminierungen an Menschen, die sich nicht zu helfen wissen. Menschen, die wahrscheinlich auch die Klappe halten und kein Sprachrohr haben. Und die wenigsten bekommen von diesen Übergriffen etwas mit. Jetzt passiert es mal einem, der eine etwas größere Reichweite hat, und der wird dann gehört.

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Der Fall hat ja in der Tat riesige Wellen geschlagen. Haben Sie zwischenzeitlich mal bereut, das Video veröffentlich zu haben?

Die Zweifel hatte ich durchaus. Aber ich habe mir die Sache vorher gut überlegt. Am Montagabend haben Instagram und Co. wegen des Facebook-Blackouts nicht funktioniert – ich habe die ganze Nacht wach gelegen und mir Gedanken gemacht, ob ich die Aufnahme posten soll oder nicht. Am nächsten Morgen habe ich mir gedacht: Nein, verdammt – das darf nicht wahr sein. Es ist meine Pflicht, darauf hinzuweisen. Dass es am Ende so hohe Wellen schlägt, dass selbst CNN darüber berichtet, hätte ich natürlich nicht gedacht.

Wie bewerten Sie denn die Rezeption in den Medien? Finden Sie, das Thema Antisemitismus wurde angemessen behandelt?

Um ehrlich zu sein, habe ich das gar nicht so genau mitbekommen. Ich hatte in den vergangenen Tagen mein Handy aus und habe viel Zeit mit meiner Familie verbracht – um runterzukommen. So ein Fall macht etwas mit einem.

Ich bin aber sehr dankbar, dass es diskutiert wird. Ich bin dankbar, dass Menschen jetzt darüber nachdenken. Und ich bin dankbar, dass klargemacht wird, Antisemitismus ist ein Riesenproblem bei uns, das angegangen werden muss.

Sie haben in den vergangenen Jahren schon mal persönliche Erfahrungen in Bezug auf Antisemitismus geteilt, 2018 etwa in der Sendung „Hart aber fair“. Hat sich das Problem in den vergangenen Jahren noch verschlimmert?

Meine persönliche Wahrnehmung ist: Der Antisemitismus war niemals weg – aber er ist in den vergangenen Jahren noch salonfähiger geworden. Ich bin säkularer Jude, ich bin weder streng gläubig noch fromm noch orthodox noch geh ich einmal die Woche in die Synagoge noch trage ich jeden Tag eine Kippa. Und trotzdem wurde ich verbal angegangen.

Wie muss es erst Menschen gehen, die diese Religion leben, die beispielsweise Kippa tragen? Die ständig angefeindet und sogar körperlich angegangen werden? Zum Beispiel bei der jüdischen Mahnwache Ende September in Hamburg, wo ein Mann zusammengeschlagen wurde und jetzt um sein Augenlicht bangt.

Was muss sich aus Ihrer Sicht politisch und gesellschaftlich ändern, um das Problem Antisemitismus in den Griff zu bekommen?

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Spontan würde ich sagen: Bildung und Aufklärungsarbeit. Allerdings bin ich auch kein Experte oder Antisemitismusbeauftragter. Ich kann nicht sagen, was zu tun ist. Ich hoffe nur, dass sich endlich etwas ändert.

Der MDR schreibt, die Hotelkette habe sich inzwischen bei Ihnen entschuldigt. Wie lief das Gespräch ab?

Es gab eine Kontaktaufnahme durch das Hotel, aber noch kein Gespräch und auch keine offizielle Entschuldigung.

Video
Gil Ofarim: Antisemitismus-Vorfall in Leipziger Hotel
1:22 min
Der Sänger Gil Ofarim berichtet bei Instagram von einem antisemitischen Vorfall in einem Leipziger Hotel. Der Zentralrat der Juden zeigt sich bestürzt.  © dpa

Wie geht der Fall jetzt für Sie weiter?

Die ermittelnden Polizeibeamten und die Staatsanwaltschaft reisen am Dienstag von Leipzig nach München, wo ich wohne. Dann werde ich als Zeuge aussagen und zugleich Anzeige gegen den Mitarbeiter erstatten. Es geht hier nicht nur um mich, ich möchte bei diesem Fall ganz generell gerne helfen. Das Thema ist viel zu wichtig, und ich möchte, dass der Fall aufgeklärt wird.

Warum haben Sie sich entschlossen, erst jetzt Anzeige zu erstatten?

Ich wollte an dem Tag einfach nur nach Hause. Polizei und Staatsanwaltschaft haben sich aber direkt nach dem Vorfall bei mir und meinem Anwalt gemeldet, anschließend haben wir einen gemeinsamen Termin in München vereinbart. Der findet nun am Dienstag statt.

Das Hotel will den Fall jetzt auch auf eigene Faust ermitteln, befragt beispielsweise Menschen aus der Schlange. Was glauben Sie, soll dabei herauskommen?

Das weiß ich auch nicht. Ich kann nur sagen: Mir ist der Fall genau so widerfahren, und ich bin nach wie vor sprachlos und schockiert darüber. Weil dieser Angriff nicht von rechts außen oder links außen kam, sondern aus der Mitte der Gesellschaft. Und dann auch noch in einem Hotel. Ein Ort, an dem jeden Tag Menschen aus alle Welt einchecken und der eigentlich für Weltoffenheit stehen sollte. Dass es ausgerechnet dort passiert, hätte ich einfach nicht gedacht.

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