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Das Gewissen der Nation: Herbert Grönemeyer wird 65

  • Musiker Herbert Grönemeyer wird am Montag (12. April) 65 Jahre alt.
  • Der Bochumer ist leidenschaftlicher Humanist und Mahner.
  • Angesichts einer kriselnden wie gespaltenen Gesellschaft braucht es ihn dringlicher denn je.
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Bochum. Was passiert in einer Welt, in der Kultur nicht mehr live stattfindet? Herbert Grönemeyer, der leidenschaftliche Humanist, der Ins-Gedächtnis-Rufer, der emotionale Mahner, schrieb dazu Ende vergangenen Jahres in einem Gastbeitrag in der „Zeit“: „Ein Land ohne unmittelbare Livekultur gibt und öffnet den Raum für Verblödung, krude und verrohende Theorien und läuft Gefahr, nach und nach zu entseelen.“ Geld, so der sozial engagierteste der hiesigen Popmusiker, sei „im Übermaß und in Unverhältnismäßigkeit vorhanden, die Spaltung der Gesellschaften ist ein seit Jahrzehnten dramatischer werdendes, drohendes Problem“.

Musiker repräsentiert das „gute Deutschland“

Die Spaltung, der Rechtsruck, der autoritäre Backlash – spätestens seit der so genannten Flüchtlingskrise 2015 sind das die großen Themen jenes Mannes, der mit seiner Musik die Seele dieses Landes ausleuchtet wie kein Zweiter, sie zugleich versteht, verortet und verkörpert. Wie kaum ein anderer Künstler repräsentierte der Superstar mit Kumpelattitüde in den vergangenen Jahrzehnten das oft imaginierte „gute Deutschland“ in all seinen Facetten und Widersprüchlichkeiten. Wenn Herbert Grönemeyer, der Kosmopolit aus Bochum, am 12. April sein 65. Lebensjahr vollendet, braucht es ihn als empathisches Gewissen der (Pop-)Nation dringlicher denn je.

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„Sie sind die Helden dieser Zeiten / Unsere Rückgrate, unser Stand / Trauen sich ihre Grenzen weit zu überschreiten / Für Dich und mich, nehmen dieses Land in ihre Hand“: 2020, kurz nach Beginn der Coronakrise, schuf Grönemeyer eine Hymne für die Pandemie-Helden, die „arzten, pflegen, transportieren, kassieren / Retten, forschen, schützen, ziehen“. Ein reflektierter Patriotismus, der an seinen Song „Unser Land“ von 2014 erinnerte, mit dem Grönemeyer auf seinem Album „Dauernd jetzt“ eine Art Liebeslied an Deutschland verfasste: „Es ist allerhand hier zu sein / So ein schönes Land / Ganz allgemein / Die wahre Tücke steckt im Detail“. Und: „Dies ist unser Land / Es ist ein vielschichtiges Revier.“

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In jenen Zeilen spiegelt sich das bundesrepublikanische Gemüt des Ruhrpottlers, verweist auf dessen sympathische Ambivalenz. Zwischen Malocher-Habitus und dem feinen Zwirn des Weltbürgers, zwischen Heimatliebe und konstruktiver Kritik an hiesigen Missständen.

Aufgeben gibt es für ihn nicht

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Dann kamen Pegida und Co. und Grönemeyer geriet zum politischen Vorkämpfer, kommentierte die politische Lage und den Aufstieg der Rechten, spielte auf Pro-Flüchtlings-Konzerten und Benefiz-Veranstaltungen. Man ahnte: Es brodelt in dem Ausnahmekünstler. Wer, wenn nicht er, sollte sich auch musikalisch mit jenen chaotischen Zeiten beschäftigen? Mit seinem letzten Album „Tumult“ schuf er 2018 denn auch einen hochpolitischen – und tanzbaren – Kommentar zur deutschen Gegenwart. Mit Songs, die weder die Angst noch die Wut verschwiegen; die vor allem Mut machen sollen, sich klar zu positionieren und zu engagieren.

„Es bräunt die Wut, es dünkelt / Der kleine Mob macht rein / Es ist die Angst, die glaubt / Sauber muss es sein / Und immer brenzlig und gemein“, kritisierte Grönemeyer da den „hässlichen“ Deutschen, in einem weiteren Song hoffte er auf den anderen Teil der Bevölkerung: „Bist du da / Wenn zu viel Gestern droht“? „Wie rücken wir zusammen, damit wir den Rechten Kante zeigen?“, fragte der überzeugte Idealist damals bei einer Album-Präsentation. Aufgeben – das gibt es für ihn nicht.

In der Single „Doppelherz / Iki Gönlüm“ sang Grönemeyer 2018 von Heimat, Identität und Nationalität, mitunter sogar auf Türkisch. Die beleidigenden Kommentare unter dem dazugehörigen Video auf YouTube ließen nicht auf sich warten. Shitstorms sei er gewohnt, kommentierte der einstige Konsensmusiker, der bei Rassisten und anderen Menschenfeinden verhasst ist.

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Grönemeyer gilt jenen (rechten) Schreihälsen als Inbegriff des beleidigend gemeinten Ausdrucks „Gutmensch“. Dass er tatsächlich einer ist – daraus machte er nie einen Hehl. Bei einem Auftritt in Wien 2019 bezog Grönemeyer besonders scharf Stellung gegen den aufstrebenden Rechtspopulismus. „Es liegt an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat“, sagte er in einem flammenden Appell, den er mit den Worten „Keinen einzigen Millimeter nach rechts!“ schloss. Der Tonfall kam nicht überall gut an. Anecken, das kann er, jenseits aller Chart-Tauglichkeit. Mit der bräsig-aufgeblasenen Charity-Kultur Hollywood’scher Prägung hat ein Grönemeyer nur wenig gemein. Mehr als selbstbeweihräuchernde Naivität treibt ihn demokratischer Trotz.

Eine besondere und verklärte Figur

Jene Trotzhaltung im besten Sinne, jene Standhaftigkeit des väterlichen Aufklärers, machte aus Grönemeyer im seichten Gewässer der Kulturindustrie eine besondere und auch verklärte Figur. Auch fragwürdige Aktionen wie die Verteidigung Xavier Naidoos ändern nichts daran, dass viele liberale Geister in der aktuellen Situation eine resolute Menschlichkeit nach seinem Vorbild für nötiger denn je erachten. Ebenso wie die Merkel’sche Frage nach „unserem Land“ goss Grönemeyer auch das 2015er-Diktum der Kanzlerin „Wir schaffen das“ im Grunde schon lange zuvor in Lieder. Aus dem „Ich schaffe das“ in der schwersten Zeit seines Lebens, nachdem 1998 zuerst sein Bruder und kurz darauf seine geliebte Frau starben, erwuchs 2002 mit „Mensch“ nicht nur das meistverkaufte deutsche Album aller Zeiten, sondern auch die Grundlage für sein Schaffen der vergangenen 19 Jahre.

Der deutsche Sänger Herbert Grönemeyer bezieht regelmäßig Stellung gegen Rechts.

Bewirkten seine leichtfüßig-abgeklärten 80er- und 90er-Jahre-Hits wie „Männer“, „Alkohol“ und „Luxus“, dass man Grönemeyers unvergleichliche Stimme fortan vom Stammtisch bis zur Comedy-Show standardrepertoiremäßig imitierte, waren die letzten knapp zwei Dekaden anders geprägt: Der ambivalente Leidenschaftsmensch trat stärker hervor und traf sich mit dem experimentierfreudigeren Musikliebhaber zum Pop-Stelldichein. Wie bereits vor dem Schicksalsjahr 1998, doch wesentlich subtiler und unendlich intensiver, erforschte Grönemeyer von „Mensch“ über „12“ und „Schiffsverkehr“ bis „Dauernd jetzt“ und insbesondere „Tumult“ das Wirken des Zeitgeistes, konkreter: des deutschen. Sein oft kritisierter Wohnsitz in London dürfte dem nun Wieder-Berliner dabei immer geholfen haben.

Grönemeyer vertont Gefühl der Gegenwart

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Keiner verknüpft Introspektive und beobachtenden Blick von außen so präzise: Grönemeyers Lieder vertonen das Gefühl der Gegenwart, zugleich finden sie in der lockeren Poesie des Allzumenschlichen immer das Konstante, das Zeitlose. Schnell schwang er sich so zum Mittelstands-Hoffnungsmacher par excellence auf - ohne jedoch die hohlen Durchhalteparolen des üblichen Pop-Geschäfts zu bedienen. Denn Grönemeyer hebt sich nicht nur in Sachen politischer Haltung von den rückgratlosen üblichen Interpreten des Chart-Grundgeblubbers ab. Von dessen plätschernder Langeweile emanzipiert ihn auch seine Fähigkeit, Stimmungen in modernem Popgewand zu verdichten, ohne dabei je den Ereignishorizont des Beliebigen oder Kitschigen zu streifen.

Gäbe es nur Künstler wie den vielfach Ausgezeichneten, der auch als Produzent mit seinem Plattenlabel Grönland sowie als Schauspieler Erfolge feierte und der bislang über 17 Millionen Platten verkaufte – man müsste Begriffe wie „Konsensmusiker“ und „Massentauglichkeit“ neu definieren, als etwas Positives, Erstrebenswertes. Viele gibt es nicht, deren Lieder von der Hausfrau am Radio und vom Punk im Jugendklub ebenso mitgesungen werden wie auf der Schlagerparty und in der Studi-WG. Bleibt zu hoffen, dass Herbert Grönemeyer diese so unterschiedlichen Menschen bis zu seinem nächsten Geburtstag wieder live zusammenführen kann.

RND/teleschau

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