Kalkulierte Empörung? Als Dieter Nuhr den Shitstorm mit dem Pogrom verglich

Der Kabarettist Dieter Nuhr (Archivbild).

Der Kabarettist Dieter Nuhr (Archivbild).

Hannover. Der Kabarettist Dieter Nuhr lässt sich derzeit des Öfteren interviewen und beschwert sich über Entrüstungsstürme im Netz. Vergangene Woche tat er das auf dem “The Pioneer”-Schiff von Gabor Steingart, wenige Tage später dann noch mal bei Phoenix im Gespräch mit Alfred Schier.

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In diesen Interviews spricht Nuhr etwa davon, dass solche Shitstürme seine “soziale Vernichtung” zum Ziel hätten. Man wolle ihn ausschließen, aus “der Gruppe der zivilisierten Menschen”, indem man ihn etwa als “rechts oder Volksverräter oder Klimaleugner oder Corona-Leugner” hinstelle. Die Konsequenz sei klar: “Natürlich würde dann keiner mehr Karten kaufen, und auch meine Sendung würde irgendwann nicht mehr stattfinden.”

Bislang sei das nicht gelungen, so Nuhr bei Phoenix, aber: “Auch ein Versuch der Vernichtung wird nicht dadurch besser, dass er nicht gelingt.” Auch den Medien macht Nuhr einen Vorwurf: Die würden solche Entrüstungen im Netz nur aufgreifen, um ihre finanzielle Situation aufzubessern.

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Nuhr vergleicht Shistorms mit Pogromen

Nun ist das mit den Shitstürmen ja so eine Sache. Denn: Sie mögen zwar manchmal übertrieben sein, doch sie kommen selten von ungefähr. Und gerade dieser Tage könnte man meinen: Dieter Nuhr beschwert sich zwar über die Empörungswellen im Netz – gleichzeitig scheint er sich aber geradezu herbeizusehnen, mal wieder eine loszutreten.

Die Interviews bei “The Pioneer” und Phoenix haben nämlich eines gemeinsam: In beiden Gesprächen benutzt Nuhr ein Wort, von dem er wissen sollte, was es auslöst. Er vergleicht den Shitstorm mit einem “Pogrom”.

Im “Pioneer”-Interview klang das am 23. September so: “Ansonsten ist Shitstorm an sich, ist ja eigentlich sozusagen, die humane Schwester des Pogroms. Das sind dieselben Leute, die haben vor 150 Jahren mit der Mistgabel und der Fackel vorm Stadttor gestanden und haben versucht, jemanden zu lynchen.” Der Shitstorm habe das in die digitale Welt verlagert. Das einzig positive: Die Leute würden jetzt immerhin im Haus bleiben.

Das Portal setzte die umstrittene Passage in die Überschrift zum Onlineartikel. “Dieter Nuhr: ‘Der Shitstorm ist die humane Schwester des Pogroms’”, heißt es dort. Mitbekommen hat es aber offenbar trotzdem niemand – zumindest hat sich kaum jemand aufgeregt. Und hier könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein.

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Zweiter Versuch

Doch stattdessen legte Nuhr nach. In der Sendung mit Schier sagt er wenige Tage später: “Der Shitstorm ist ja quasi, hab ich neulich gesagt und ich fand die Formulierung wirklich lustig und gut, die humane Variante des Pogroms. Human, weil ja nix passiert. Es geht ja nur um Psychologie, es passiert kein körperlicher Schaden. Aber die Funktionsweise ist ja dieselbe. Menschen versammeln sich, nur nicht mit Fackel und Mistgabel in der Hand, sondern mit der Tastatur, und versuchen, psychologisch jemanden zu überwältigen.”

Schier hakt ungläubig nach: “Sie benutzten ja jetzt einen sehr starken Begriff: Pogrom, der in Deutschland mit der Judenverfolgung verbunden ist.” Nuhr entgegnet: “Der stammt aus dem Mittelalter schon.” Schier: “Wollen Sie jetzt sagen, dass das vergleichbar wäre mit Judenverfolgung? Das ist doch ein völlig überzogener Vergleich.” Nuhr: “Natürlich, es ist ein überspitzter Vergleich. Es geht darum … die Funktionsweise ist dieselbe. Menschen rotten sich zusammen und sind bereit … Ich hab ja extra gesagt, die ‘humane Variante’. Es geht nur um die soziale Vernichtung. Der Shitstorm funktioniert, eine Masse rottet sich zusammen, und setzt an zur sozialen Vernichtung.” Der Shitstorm funktioniere demnach so wie auch ein Pogrom funktioniere – nur dass “das Pogrom in der richtigen Welt funktioniert hat, und zur physischen Vernichtung geführt hat. Und das will ich keinesfalls vergleichen.”

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Im Gegensatz zum ersten Interview blieb die Phoenix-Sendung ganz und gar nicht unbemerkt. Und was danach auf Twitter passierte, das können Sie sich nun sicherlich denken: Nutzer teilten eifrig die Passage aus dem Video, das Hashtag #Nuhr steht an diesem Sonntagmorgen auf Platz eins in den Trending Topics. Die Empörung über die Aussage ist groß.

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“Ein alter Mann, der die Orientierung verloren hat”

Die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl analysierte: “Ein Shitstorm ist kein Pogrom. Ein degoutanter Vergleich aus derselben Kategorie wie ‘Wir sind die neuen Juden’.” Pianist Igor Levit twitterte: “Diese sehr kleine Violine spielt gerade eine sehr traurige Melodie für das Schneeflöcklein D. Nuhr.”

Die Bildungsstätte Anne Frank schrieb: “Ob #LisaEckhart, #Somuncu oder #Nuhr: Wer Satire auf Kosten marginalisierter und diskriminierter Menschen macht, muss damit rechnen, kritisiert zu werden. Wer dann legitime Kritik mit Pogromen vergleicht, betreibt zusätzlich Geschichtsrevisionismus und relativiert schwere Verbrechen.”

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Und der Nutzer @TRDSRLZ analysierte schließlich: “Das ‘Problem’ mit #nuhr hat zwei Seiten. Zum einen nimmt er sich selbst zu wichtig … ‘Pogrom’, der Typ spinnt. Die zweite Seite, er wird von anderen zu wichtig genommen. Dabei ist er nur ein alter Mann, der in unserer Zeit die Orientierung verloren hat.”

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Und was sagt Nuhr?

Unklar bleibt, was Dieter Nuhr von der erneuten Empörung gegen ihn hält. Der Kabarettist hat sich seither nicht mehr zum Fall geäußert. Vielleicht sitzt er, frei nach Igor Levit, tatsächlich weinend in seinem Haus, enttäuscht über die erneut versuchte “soziale Vernichtung”, die im Netz stattfindet.

Vielleicht schreibt er aber auch schon an seinem nächsten Hot Take. Denn das nächste Interview kommt bestimmt. Und dieses Zündeln. Irgendwie macht es ja schon Spaß.

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