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Charly Hübner über seine Jugend als Metalfan in der DDR: „Wir waren die Freaks“

Der Schauspieler Charly Hübner.

Dass Charly Hübner ein begnadeter Schauspieler ist, hat sich schon lange herumgesprochen. Jetzt hat der 48-jährige „Polizeiruf 110″-Star sein erstes Buch auf den Markt gebracht, und dieses Werk erzählt, wie es im Begleittext des Verlags heißt, vom „Urschrei des Heavy Metal im provinziellen Mecklenburg der Achtziger“ und handelt im Wesentlichen vom jungen Charly Hübner und dessen ganz spezieller Beziehung zur Band Motörhead. Ein Gespräch über die Musik und das Leben, das ohne Musik keinen Sinn ergibt.

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Wann waren Sie zum letzten Mal auf einem richtigen Rockkonzert?

Das war natürlich vor der Pandemie: 16. Juni 2019, Rammstein im Ostseestadion Rostock. Ein großer Abend, eine wunderbare Erinnerung.

Seitdem sind zweieinhalb Jahre vergangen.

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Ja, und ich vermisse die Konzerte total – nicht nur die laute Livemusik, sondern dieses Heilige, das solche Abende für mich manchmal haben.

Was ist an Metalkonzerten heilig?

Ich meine nicht nur Metalkonzerte. Mir fehlt dieses großartige Gefühl, mit fremden Menschen für einen Abend zu einer Gemeinschaft zu verschmelzen. Auch im Theater oder im Kino gibt es so etwas bisweilen: Man lacht, klatscht, singt an den gleichen Stellen, man findet auf einer unbewussten Ebene zusammen. Eine zutiefst menschliche Kollektiverfahrung, essenziell für das Rudeltier, das wir sind. Das geht mir ab.

Als Künstler sind Sie gleich doppelt betroffen.

Fifty-fifty! Immerhin durfte ich mit dem Hamburger Ensemble Resonanz auf Tournee gehen: „Die Winterreise als Tätergeschichte – eine Séance zwischen Nick Cave und Franz Schubert“. Es war wunderbar, vor Zuschauern aufzutreten, auch wenn es eher kleine Veranstaltungen waren. Aber als Fan fehlt natürlich das unbekümmerte Treibenlassen in der Form, wie wir alles es kannten.

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„Ich wünschte, ich hätte im Leben mehr Zeit gehabt für diese Band“

Gibt es Entzugserscheinungen?

Nein, wir hören viel Musik daheim. Im Lockdown haben wir uns das gesamte Miles-Davis-Œuvre reingezogen, immer wieder von vorne. Ich wurde immer glücklicher dabei. Ansonsten habe ich wegen der Arbeit an meinem Buch natürlich extrem viel Motörhead gehört – einmal chronologisch alles komplett durch, dann einzelne Songs, schließlich immer wieder einzelne Passagen einzelner Songs. Miles Davis und Motörhead im Couple war dann ausschließlich offenbarend.

Welches ist Ihr Lieblingsalbum?

„Overkill“ von 1979 – da hilft alles nichts. Es war so krude, aber auch so breit gefächert. Es war der große Sprung, hat ein neues Spektrum aufgemacht – da kam der Rock ins Rollen. Und es wurde danach im Grunde erst mal immer besser: Erst „Bomber“, dann, 1980, „Ace of Spades“, eine Platte, wie sie jede große Band zumindest einmal in ihrer Geschichte machen muss. Es war Motörheads schwarzes Album, ihr „Highway to Hell“. „Ace of Spades“ brachte alles auf den Punkt, was Motörhead bis dato waren – inklusive dieser unfassbar coolen Desperato-Attitüde. Dann erfolgte die unausweichliche Neuerfindung mit „Iron Fist“ (1982).

Sie haben Motörhead nur einmal live gesehen!

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2013 in Wacken. Ein Konzert, das fantastisch war, bis es nach 35 Minuten abgebrochen werden musste, weil Lemmy, offensichtlich krank, von der Bühne verschwand. Aber ich wünschte natürlich, ich hätte im Leben mehr Zeit gehabt für diese Band. Ich bin insgesamt aus beruflichen Gründen zu selten bei den Dingen, für die ich brenne – auch Werder Bremen habe ich viel zu selten im Stadion kicken sehen.

Sind Sie als Metalfan in Ihrer Branche eigentlich ein Exot?

Schwierige Frage, weil man eigentlich genauer unterscheiden müsste, womit man es zu tun hat: Motörhead-Fans sind nicht zwingend Metalfans und umgekehrt. Also bei „Ace of Spades“ auf einer Filmparty, da grölen immer ein paar Verrückte mit, das kennen fast alle. Bei Slayer wird‘s dünn. Obwohl: Erst neulich, morgens beim Drehen, habe ich das theatralische Intro-Riff von „South of Heaven“ gedankenlos vor mich hingepfiffen.

Täätätääätätätäääätätätäää!

Exakt. Das habe ich so luftgitarrenmäßig vor mich hingezischelt, und auf einmal fängt der Kameramann an, die einsetzenden Drums zu imitieren – „Dummdummdummdummdumm“. Ein großer Moment am Set. Man sieht es immer wieder: Als Heavy-Metal-Fan ist man nie allein.

Singen Sie eigentlich auf Partys bei „Summer of ’69″ mit?

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Ne. Auch nicht bei Bon Jovi. „Living on a Prayer“ oder „Summer of ’69″, so was ist Schlager. Gut gemacht, aber ganz klar Schlager (lacht).

Dass Sie selbst rocken, hat man bei der Winterreisetour ja gesehen, als sie Nick Caves „Mercy Seat“ interpretierten. Wann singen Sie Motörhead?

Mal schauen. Bei meiner geplanten Leserreise wird mich ein Jazzgitarrist begleiten, und wir wollen alle Songs, die im Buch zur Sprache kommen, in einer eigenen Unplugged-Version anspielen. Beim Sezieren der Stücke merkt man tatsächlich, wie nah Motörhead Künstlern wie Duke Ellington oder Miles Davis sind. Das hat eine große Lässigkeit, wenn die Distortion weg ist. Es ist teilweise hochkomplex und absolut vogelwild.

Motörhead unplugged ob Lemmy so etwas gut gefunden hätte?

Ach, garantiert. Der war sehr offen, hat sich vieles reingezogen – auch musikalisch. Wenn wir beide bei Jackie und Coke ein bisschen über meinen Ansatz philosophiert hätten, dann hätte er mir davon abgeraten, aber versichert, dass er kommen würde, um dabei zu sein, wenn es vielleicht doch rockt.

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„Wir wollten damals anders sein, und das waren wir fürwahr“

Muss man, wie Sie es in Ihrem Buch so schön beschreiben, als Kind mit Roland Kaisers „Santa Maria“ oder „Biscaya“ von James Last malträtiert worden sein, um auf den harten Rock zu kommen?

Vielleicht (lacht). Der Musikgeschmack, der sich in der Jugend herausbildet, hat ohne Frage mit einer Antigeste zu tun. Aber als Teenager wird man auch ein Stück weit getrieben – vom Zeitgeist oder von den Kumpels. Wir wollten damals anders sein, und das waren wir fürwahr. AC/DC, Metallica oder Motörhead waren nicht Mainstream. Ich würde sagen, Metal, die Musik, die ganze Geste dahinter, ja das ist ein Teil meines Wesens. Aber ich höre unendlich viel mehr in dieser Musik als damals. Ich höre auch viel mehr Musik. Ich mag einfach gute Songs und Arrangements – egal, ob Robert Johnson oder Rammstein, Gustav Mahler oder Rage against the Machine.

Sie sagten, Sie waren als Jugendliche anders was bedeutete das in der ehemaligen DDR?

Anders ist natürlich abgedroschen. Zum einen war es die Neugier auf etwas Fremdes, Seltsames, zum anderen war es eben ein eigener Raum, eine Höhle, wo nicht jede oder jeder einfach so mit rein konnte. Es war ein Geheimnis, und für unsere Clique gab es nur Metal. Wir zogen uns alles rein, was wir von Leuten mit Westkontakt kriegen konnten. Schmissen uns, nur um endlich mal eine Slayer-Platte hören zu können, an Mitschülerinnen ran, deren Eltern daheim eine Musikanlage mit Plattenspieler hatten, und dann hockten wir eben heimlich in einem biederen Ost-Wohnzimmer um eine Stereoanlage herum und schüttelten unsere Köpfe zu Motörhead, Megadeth, Voivod.

Wie heavy war der Osten?

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Och, da gab es schon eine richtige aktive Metalszene. Legendär ist die DDR-Band Berluc – „Berlin-Luckenwalde“. Aber wirklich interessant war natürlich das ganze Zeug aus dem Westen. Die Infos holten wir uns aus dem „Metal Hammer“ – sofern mal irgendwo ein Exemplar auftauchte, das Verwandte aus dem Westen mitbrachten, wurde fleißig daraus abgeschrieben.

Abgeschrieben?

Na klar. Damals ging so was nur handschriftlich. Es gab keine Kopiergeräte. Also wurden die Artikel abgeschrieben und weitergereicht.

Wie schwer hatte man es als Metalhead im Osten?

Bei uns im Mecklenburgischen waren wir die belächelten Freaks, die zu dieser extrem nervenden Musik lächerlich tanzten. Wir brachten zur Dorfdisko unsere Metallica-Kassetten mit, gaben sie dem DJ, und irgendwann hatten wir dann unsere halbe Stunde: Sieben heitere Jungs allein auf der Tanzfläche.

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Das war im Westen auch nicht anders. Heavy Metal kann mitunter einsam machen.

(lacht) Ehrlich gesagt fühlten wir uns überhaupt nicht einsam.

Blieben Sie dem Thrash- und Speed-Metal der 80er-Jahre bis heute treu?

Nein, mit dem Mauerfall hat sich das erweitert. Bands wie Bad Religion und Minor Threat waren meine Heros. Ich kam zum Punk und zum Hardcore – da gab‘s im Osten ja auch eine riesige Bewegung um Bands wie Feeling B., Sandow oder Die Skeptiker.

Und nach der Wende sind Sie als Erstes in einen Plattenladen gerannt, oder?

Na ja, eher nicht. Eine CD kostete damals schon 15 Mark, das konnte sich kein Mensch leisten. Nee, ich kaufte mir 100 BASF-Kassetten und nahm auf, was ging. Denn dann, mitten in die Nachwendezeit hinein, kamen ja Nirvana – „Nevermind“ war für mich definitiv ein Schlüsselmoment. Danach war alles anders: Da waren Bands wie die Pixies, Melvins. Die ganze Grungebewegung. Das Spektrum wurde unendlich breit. Nur Motörhead war bei mir immer ganz vorne dabei. Diese Songs sind absolut zeitlos.

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„Wir waren nur wenige, aber wir hatten unseren Spaß“

Die entscheidende Frage stellen Sie in Ihrem Buch eigentlich selbst. Da heißt es: „Wer wäre ich geworden, hätte ich mich mit Modern Talking, Tina Turner oder Phil Collins arrangieren müssen?“

Die Frage gefällt mir, aber sie ist eigentlich nicht zu beantworten. Es war ja weniger die Musik, die das Leben beeinflusste, sondern streng genommen war es die Gang: die Jungs und Mädchen, mit denen man abhing. Man grenzte sich ab, aber man beschützte sich auch – vom ersten Kuss bis hin zu irgendwelchen Trinkgelagen fand alles in diesem im Grunde sehr behüteten Raum der Clique statt. Das Wichtigste: Wir waren nur wenige, aber wir hatten unseren Spaß – ein Humor, den größtenteils nur wir untereinander verstanden.

Also?

Also, wenn ich damals nicht in meiner siebenköpfigen Dorf-Metalclique gewesen wäre, sondern mit all den anderen zu Sandra und Dan Harrow getanzt hätte, dann wäre ich – keine Ahnung. (lacht) Das überlassen wir doch einfach der Fantasie!

„Wenn du glaubst, du bist zu alt für Rock‘n‘Roll dann bist du es auch“, schrieb Lemmy in seiner Autobiografie. Sie werden nächstes Jahr 50. Gibt es bei Ihnen so was in ein Ablaufdatum der Leidenschaft für diese Musik?

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Nö. Das war auch eine große Erkenntnis aus der Arbeit an meinem Buch: Ich bin noch voll am Ball, habe immer noch Gänsehaut, wenn ich das alte Zeug höre. Und wenn sich mit meinem Zugang zur Musik von heute nun so mancher Kreis schließt, umso besser. Ohne Motörhead würde ich mit Miles Davis nichts anfangen können.

„Metal findet, wenn überhaupt, nur auf Arte statt“

Haben Sie eine Ahnung, weshalb Heavy-Metal-Bands zwar große Hallen und sogar Stadien füllen, das Genre aber im deutschen Fernsehen als Subkultur wahrgenommen wird und so gut wie gar nicht stattfindet?

Gute Frage. Metal findet, wenn überhaupt, nur auf Arte statt, oder in einer angestrengten Fünf-Stunden-Doku im NDR-Dritten. Das Unterhaltungsfernsehen bedient andere Sehnsüchte, die Entspannung und Eintracht, Heiterkeit und Leichtigkeit schenken wollen. Das geht mit Metal und Punk nicht. Da geht es um Unruhe und Exzess.

Und um Hedonismus und um Spaß?

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Letzten Endes ja. Ich habe auch keinerlei Leidenschaft für die ultraernsten Spielarten des Metal, ich brauche keine Ersatzreligion, sondern ich will eine coole Zeit haben.

Sie als allseits geschätzter Promi könnten den Heavy Metal doch auf die ganz große Bühne bringen!

Na ja! Wir erarbeiten tatsächlich gerade eine fiktionale Serie über das Wacken Open-Air. Wir erzählen da von Jugendlichen, die lieber UK Subs, AC/DC, Accept oder Manowar hörten, als in die CDU einzutreten. Eine ernste Story also, mit jeder Menge Humor und Rock‘n‘Roll.

RND/Teleschau

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