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  • Boxen mit Hidschab: Berliner Boxerin Zeina Nassar über ihren Kampf gegen Vorurteile und ihr neues Buch "Dreeam Big"

Erfolgreicher Kampf: Boxerin Zeina Nassar steigt mit Kopftuch in den Ring

  • Die Berliner Boxerin Zeina Nassar hat durchgesetzt, dass Frauen mit Hidschab in den Ring steigen dürfen.
  • Im Interview spricht sie über ihren Kampf gegen Vorurteile und über ihr autobiografisches Buch „Dream Big“.
  • Wovor hat eine schlagkräftige Frau wie sie überhaupt noch Angst?
Jutta Rinas
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Zeina Nassar, Sie sind eine Frau, Boxerin, international erfolgreich. Wie oft hören Sie noch, dass Boxen eine unweibliche Sportart ist?

Ich denke, eine erfolgreiche Frau zeichnet es auch aus, sich mit so etwas gar nicht zu beschäftigen. Ich richte den Fokus auf mich. Ich habe sportliche Ziele, zum Beispiel die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2024. Darauf arbeite ich hin. Natürlich gibt es Männer, die sagen, Boxen sei nichts für Frauen. Aber wir leben im 21. Jahrhundert. Auf meinem Instagram-Account schreiben mir täglich Jungen und Mädchen, dass ich eine Inspiration für sie bin. Alles andere ist für mich irrelevant.

Gegenwind kommt auch aus den eigenen Reihen. Sie zitieren die Klitschko-Brüder in Ihrem autobiografischen Buch „Dream Big“ mit den Worten: „Narben machen einen Mann charismatisch. Eine Frau machen sie nicht schöner.“ Wie finden Sie das?

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Supertraurig. Im Boxen sollten wir uns alle unterstützen. Aber man sieht, dass die Klitschkos etwas älter sind. Sie kommen aus einer Generation, in der noch nicht viele Frauen boxten. Aber das hat sich stark verändert.

Wie haben Sie das Boxen für sich entdeckt?

Ich war immer ziemlich sportbegeistert, habe Fußball, Basketball gespielt. Dann habe ich mit einer Freundin zufällig auf Youtube Videos von boxenden Frauen und Mädchen angesehen. Ich war fasziniert, weil ich das gar nicht kannte. Meine Freundin überredete mich zum Probetraining. Seitdem wusste ich: Das ist es. Für mich ist Boxen wie das Leben. Es fordert Kraft, Disziplin, Strategie. Man lernt, mit Niederlagen umzugehen. Das kann ich eins zu eins auf mein Leben übertragen.

„Verletzungen gehören zum Leistungssport dazu“

Sie sind gläubige Muslimin. Ihre Eltern auch. Was haben die gesagt, als ihre 13-jährige Tochter mit dem Boxen anfangen wollte?

Meine Eltern haben reagiert wie alle Eltern, wenn ein Kind boxen will. Sie waren geschockt, weil sie es gefährlich fanden. Die Religion war gar kein Thema. Meine Eltern wissen aber auch, dass ich die Dinge bekomme, wenn ich sie wirklich will. Ich habe ihnen meine Argumente präsentiert: dass ich dadurch fit bleibe, Geist und Körper trainiere. Ich konnte sie überzeugen, es zu versuchen. Jetzt unterstützen sie mich sehr.

Ihre Familie scheint in Teilen sehr unkonventionell zu sein. Sie haben als Teenager mit Ihrem Vater Horrorfilme geguckt. Warum?

Ich weiß es gar nicht genau. Das war einfach eine Leidenschaft von mir. Ich wusste immer, die Filme sind fiktiv, und habe es genossen, dass sie solche Adrenalinschübe erzeugen. Noch heute fallen Horrorfilme für mich in die Kategorie Comedy. Mein Vater und meine Geschwister haben es gemocht, sie mit mir anzuschauen, weil mich das so gut unterhalten hat. Ich hatte nie Angst.

Wovor hat eine Boxerin wie Sie Angst?

Ich kann es gar nicht genau sagen. Vielleicht davor, dass ich irgendwann keinen Sport mehr machen kann. Aber so weit denke ich nicht. Ich bin froh, dass mein Körper jetzt noch mitmacht und ich alles im Leben ausprobieren kann.

Sie hatten eine Meniskus­operation und schon vorher mit Schmerzen und Verletzungen zu kämpfen. Spielen Sie darauf an?

Ja, auch. Es ist für Leistungssportler, die sehr ehrgeizig sind, sehr schwierig, damit umzugehen, wenn man pausieren muss. Man muss gute Leute um sich herum haben, um das zu bewältigen. Aber ich weiß, dass ich immer wieder aufstehen und weiterkämpfen werde. Verletzungen gehören zum Leistungssport dazu.

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Was ist mit Angst vor dem Gegner? In Ihrem Buch beschreiben Sie einen Kampf beim Boxtraining, bei dem Ihre Gegnerin Sie am Kiefer trifft, offenbar schwer. Sie sagen nur „geil“.

Angst hat man im Boxkampf nicht. Man hat vor der Gegnerin Respekt. Ich bin überzeugt: Boxen ist zu 70 Prozent Kopfsache und zu 30 Prozent Kraft. Es geht um Taktik, Strategie, darum, schnell zu reagieren. Ich muss die Gegnerin lesen, im Wettkampf ihre Schwächen finden. Manchmal weiß man kurz vor dem Kampf, dass man gewinnen wird, weil man der Gegnerin tief in die Augen schaut und ihre Angst sieht. Man ist mental stärker, obwohl die andere vielleicht viel mehr Wettkämpfe hat.

„Ich bin selbstbewusster geworden“

Sind manche Stellen beim Frauenboxen tabu, zum Beispiel der Busen?

Nein, das ist wie bei den Männern. Nur Hinterkopfschläge und Schläge unter der Gürtellinie sind verboten. Aber Treffer auf die Brust bringen nicht viele Punkte. Deshalb hat es wenig Sinn, dorthin zu schlagen.

Sie haben als Boxerin international durchgesetzt, mit einem Kopftuch zu kämpfen. Warum war Ihnen das wichtig?

Mir ist es wichtig, selbstständige Entscheidungen zu treffen. Ich wurde so erzogen. Ich war sehr überrascht, als ich merkte, dass das Kopftuch im deutschen Boxsport verboten ist. Ich wollte das nicht akzeptieren. Es gibt keinen Nachteil für meinen Gegner dadurch. Wenn überhaupt bin ich durch den zusätzlichen Stoff benachteiligt. Ich trage unter dem Shirt ja auch einen Langarmbody, unter den Shorts eine Leggins. Im Amateurbereich müssen alle Frauen unter dem Kopfschutz ein Tuch tragen, damit die Haare nicht verrutschen. Es macht also gar keinen Sinn, ausgerechnet das Kopftuch zu verbieten.

Sie sind 1998 geboren, haben sich mit acht Jahren entschieden, ein Kopftuch anzulegen, und müssen dafür manchmal einen hohen Preis zahlen. Das Sportstudium blieb Ihnen verwehrt. Gibt es Momente, in denen Sie wünschen, Sie trügen es nicht?

Nein, Quatsch. Das ist ja meine Wahl. Wenn ich mir wünschen würde, das Kopftuch nicht mehr zu tragen, würde ich es nicht mehr tun.

Was bedeutet denn das Kopftuch für Sie?

Es gehört zu meiner Identität. Ich glaube an viele Dinge, an die Liebe, den Frieden, meine Religion. Das ist aber privat. Ich habe nicht mit dem Boxen angefangen, weil ich etwas in der Welt verändern wollte. Ich war 13, hatte Lust zu boxen. Wenn ich merke, dass ich etwas verändern kann, mache ich das, definitiv. In erster Linie bin ich aber Sportlerin, es sollte primär um meine Leistung gehen.

Ihr Buch ist ein flammendes Plädoyer für das Frauenboxen. Was können Mädchen dort lernen, was sie in anderen Sportarten nicht finden?

Ich bin selbstbewusster geworden, habe gelernt, meine Emotionen zu kontrollieren. Man lernt im Ring, sich nicht über einen Schlag zu ärgern. So viel Zeit ist gar nicht da. Ich möchte schlau gewinnen. Dazu darf ich nicht unkontrolliert sein, sonst merkt meine Gegnerin das. Dann steuert sie den Wettkampf und gewinnt vielleicht. Das will ich ja nicht.

Zeina Nassar: „Dream Big. Wie ich mich als Boxerin gegen alle Regeln durchsetzte”. Verlag Hanserblau. 208 Seiten, 15 Euro.

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