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Zweieinhalb Jahre Gefängnis

Als die Richterin das Urteil verkündet, bleibt Becker regungslos

Der Weg zum Tag der Entscheidung: Boris Becker und seine Lebensgefährtin Lilian de Carvalho Monteiro.

Menschen eilen mit Aktentaschen und einem Kaffee to go von der U-Bahn-Haltestelle zu ihrer Arbeit. Ein Straßenmusikant spielt unter einer mit Graffitis besprühten Unterführung die Melodie von „Love Hurts“ auf einer elektronischen Geige. Für die meisten Menschen, die sich gestern unweit der Tower Bridge im Zentrum Londons aufhielten, ist es ein Tag wie jeder andere.

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Nicht so für Boris Becker. Denn für den 54-Jährigen ging es gestern um seine Zukunft, beruflich und privat. Dann, am Nachmittag, erfolgte schließlich das vernichtende Urteil. Richterin Deborah Taylor, die als knallhart gilt, verurteilte ihn zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft – ohne Bewährung – wovon der 54-Jährige die Hälfte absitzen muss, bevor er den Rest auf Bewährung in Freiheit verbringen darf. Ein tiefer, ein schmerzhafter Fall für den Deutschen, der einst im Alter von nur 17 Jahren Wimbledon gewann und in den 80er- und 90er-Jahren viele weitere große sportliche Erfolge feierte.

Beckers Argumentation überzeugte die Jury nicht

Im Laufe der Verhandlung, die am 21. März begann, wurde dem einstigen Tennisprofi vorgeworfen, während eines Insolvenz­verfahrens Vermögens­werte nicht ordnungs­gemäß angegeben zu haben, darunter unter anderem Davis-Cup-Medaillen, eine Wohnung im Londoner Stadtteil Chelsea sowie zwei Anwesen in Deutschland. Becker wies die Vorwürfe immer wieder zurück, betonte, dass er nichts absichtlich unterschlagen habe – vergeblich.

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Die Argumentation überzeugte die Jury, bestehend aus zehn Männern und einer Frau, am Ende nicht. Sie sprach ihn Anfang April in vier von möglichen 24 Anklagepunkten schuldig. Sie befand, dass er Zahlungen an seine Ex-Frauen Lilly und Barbara Becker, eine Immobilie in Beckers Heimatstadt Leimen und Anteile an einer Firma für künstliche Intelligenz im Zuge seines Insolvenzverfahrens nicht offengelegt haben soll. Nun steht das Strafmaß.

Schon früh am Morgen scharrten sich gestern dutzende Journalisten und Journalistinnen mit ihren Kameras vor dem „Southwark Crown Court“, einem Gericht unweit der Themse, an welchem unter anderem Betrugsfälle verhandelt werden. Becker passierte am späten Vormittag die Sicherheitskontrollen mit seiner Partnerin Lilian de Carvalho Monteiro. Auch sein Sohn Noah Becker kam, um seinen Vater zu unterstützen, bepackt mit einer grünen Umhängetasche.

Die letzten Momente in Freiheit: Becker schlendert durch Notting Hill

Zuvor soll Becker noch einmal seine „Freiheit genossen“ haben, wie es hieß. Fotos zeigen ihn, wie er durch durch den Stadtteil Notting Hill spazierte, im Kaufhaus Harrods einkaufen ging und seine Partnerin noch einmal liebevoll umarmte. Die Bilder bestätigen, wie groß das Interesse an dem Fall nicht nur in Deutschland, sondern auch im Vereinigten Königreich ist.

Verlassen muss sie den Gerichtssaal wieder alleine: Beckers Lebensgefährtin Lilian de Carvalho Monteiro.

Verlassen muss sie den Gerichtssaal wieder alleine: Beckers Lebensgefährtin Lilian de Carvalho Monteiro.

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Dass das Strafmaß schließlich ausgerechnet in „Court 1″, im zweiten Stock des Klinkerbaus, verkündet wurde, erinnerte so manche Beobachtenden an bessere Zeiten. Schließlich findet das Wimbledon-Finale ebenfalls traditionell auf „Platz 1″ statt. Am 29. April jedoch ging es für Becker nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um die Frage, ob er tatsächlich ins Gefängnis muss oder auf Bewährung freikommt.

Als Richterin Taylor in ihrer schwarz-roten Robe um die Mittagszeit schließlich den schmucklosen Gerichtssaal betrat, hielten alle Anwesenden, so schien es, kurz die Luft an. Becker hatte zuvor in dem aus Sicherheitsgründen eingerichteten gläsernen Raum im Raum Platz genommen. Er wirkte zu diesem Zeitpunkt ernst, aber gefasst.

Bevor es zur Urteilsverkündung kam, ergriffen die Staatanwältin Rebecca Chalkley und der Verteidiger Jonathan Laidlaw das Wort, um den Fall noch einmal einzuordnen und Empfehlungen über das Strafmaß zu machen. Chalkley, gekleidet in einer schwarzen Robe und mit einer Pferdehaarperücke, machte darauf aufmerksam, dass Becker in einem Verfahren, vorsätzlich „unehrlich“ gewesen sei. Hinsichtlich des Strafmaßes verwies sie darauf, dass es wenig vergleichbare Fälle gebe. Sie bat die Richterin jedoch darum, zu bedenken, dass schon bei deutlich geringeren Summen Haftstrafen von über einem Jahr verhängt wurden.

Beckers Anwalt braucht lange, um zum Punkt zu kommen

Im Anschluss ergriff Jonathan Laidlaw das Wort: Beckers Verteidiger. Er argumentierte betont höflich, manchmal leicht stotternd, dass Becker viele Überweisungen getätigt habe, um seinen Pflichten nachzukommen – seinen Kindern und seiner Ex-Frau gegenüber. Das, so bat er die Richterin, solle sie, das Strafmaß betreffend, doch bitte im Hinterkopf behalten. Er holte dabei, den Blick auf seinen Aktenordner gerichtet, weit aus, sodass diese ihn schließlich fragte: „Wissen Sie schon, wie lange sie noch brauchen?“

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Laidlaw bemühte sich danach, schneller zum Punkt zu kommen und schloss schließlich mit einem Argument, dass Becker „alles verloren“, das Verfahren „alles zerstört“ habe, auch seinen Ruf. Er nahm dabei Bezug auf das riesige Medienaufgebot vor dem „Southwark Crown Court“. Becker könne jetzt keine Arbeit mehr finden und sei damit von nun an auf die „Großzügigkeit“ von anderen angewiesen. Vor diesem Hintergrund bat er die Richterin darum, ein mögliches Strafmaß von „zwei Jahren“ zur Bewährung auszusetzen.

Tatsächlich musste sich Becker im Verlauf des Verfahrens unangenehme Fragen gefallen lassen: zu seinem Umgang mit Geld, Immobilien und zu seinem Privatleben. Seine Argumentationslinie: Er habe nicht gewusst, welche Regeln in einem Insolvenzverfahren gelten, sei immer um Transparenz bemüht gewesen. Seine Pokale: verschollen. Seine Wohnungen: verkauft oder so gut wie verkauft. Becker, so betonte sein Verteidiger immer wieder, sei ein Mann, der schlicht den Überblick verloren habe, in Gelddingen hilflos sei.

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Urteil nach der Mittagspause: Becker regungslos

Nach einer Mittagspause wurde es ernst. Richterin Deborah Taylor las das Urteil vor, emotionslos mit sonorer Stimme. Sie wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sie anerkenne, dass er sich in einem Chaos befunden und seine Vergehen nicht von langer Hand geplant habe. Auch die Briefe, die sie von seiner Familie bekommen habe, habe sie bezüglich des Strafmaßes berücksichtig. Sie müsse jedoch den Schaden in Betracht ziehen, der für die Gläubiger entstanden sei, indem er unerlaubt und vorsätzlich Gelder aus der Insolvenzmasse entfernt habe. Unter anderem auf dieser Grundlage verurteilte sie ihn schließlich zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft. Becker nahm den Schuldspruch, gekleidet in einem hellgrauen Anzug, regungslos entgegen. Sein Sohn Noah warf ihm einen erschrockenen Blick zu.

Becker hat gestern wohl nicht mehr die Möglichkeit bekommen, noch einmal nach Hause zu fahren, um seine Koffer zu packen. Stattdessen wurde er wohl recht bald in ein Gefängnis eingeliefert. „Das ist in Großbritannien so üblich“, erklärt Paul Vogel, Promianwalt mit einem Büro in London, gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Dabei könnte es sich Medienberichten zufolge wegen der Lage und Kapazität um das „Wandsworth Prison“ im Süden Londons handeln. Ein Gefängnis aus der viktorianischen Zeit welches, laut Insassen „bröckelnd, überfüllt und von Ungeziefer befallenen“ sei, wie die britischen Tageszeitung „The Independent“ berichtete.

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Dass Boris Becker nach „Belmarsh“ kommt, ein einschüchterndes Klinkergebäude im Südosten der britischen Hauptstadt, gilt Beobachtenden zufolge hingegen als eher unwahrscheinlich. Das Hochsicherheitsgefängnis ist vielen bekannt, seit der Whistleblower Julian Assange dort untergebracht wird. Dieser wurde 2019 wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen zu zunächst 50 Wochen Haft verurteilt. Ein wegen seiner Härte unter den Anhängern Assanges durchaus umstrittener Richterspruch, für den ebenfalls Deborah Taylor verantwortlich war.

„Ich bin ein Mensch, der niemals aufgibt“, sagte Becker im Vorfeld des Prozesses in einem Interview. Tatsächlich hat er als Tennis­profi immer bis zuletzt gekämpft. Und auch jetzt gibt es noch einen Hoffnungsschimmer für ihn: Er kann laut Experten Rechtsmittel einlegen. Dabei müsse er jedoch detailliert argumentieren und überdies eine Frist von nur 28 Tagen einhalten. Eine Hürde sind laut dem Promianwalt Vogel dabei die hohen Anwaltskosten. „Es wäre aber eine Schande, wenn es daran scheitern würde“, betonte er gegenüber dieser Zeitung.

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