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Von schwarzen Quadraten geht der Rassismus nicht weg

  • Beim “Blackout Tuesday” haben Hunderttausende schwarze Vierecke auf ihren Instagram-Profilen gepostet.
  • Darunter waren auch viele Prominente, die das Thema Rassismus bislang konsequent totgeschwiegen haben.
  • Unser Autor findet: Wir Weißen, Privilegierten stellen uns bei dem Thema ganz schön blöd an.
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Hannover. Was am Dienstag auf Instagram passiert ist, war wirklich schön anzusehen: Nahezu die gesamte Showbranche, viele Musiker und Politiker und natürlich unzählige Nutzerinnen und Nutzer kleideten den Instragram-Feed mit schwarzen Quadraten in schwarze Farben.

Ziel des “Blackout Tuesday” war ein virtuelles Zeichen der Solidarität mit schwarzen und von Rassismus betroffenen Menschen, nachdem in der vergangenen Woche der Afroamerikaner George Floyd von einem weißen Polizisten in den USA getötet worden war.

Schön anzusehen war die Aktion zumindest solange, bis ein paar ganz spezielle Prominente mit einstiegen – zu nennen wäre da beispielsweise RTL-Allzweckwaffe Oliver Pocher. Der durchbrach die Solidaritätswelle nämlich mit dem nun folgenden saudummen Beitrag: “Was ist der Rabattcode für #BlackoutTuesday!?”, schrieb er in weißer Schrift auf schwarzem Grund. “Würde so gerne auch als Influencer mitmachen.”

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Weißer Mann hat einen Einwand

Pochers Einlass bekam – glücklicherweise – auf Twitter ziemlich viel Gegenwind: “Peinlicher irrelevanter alter weißer Mann” war noch eine der harmloseren Reaktionen.

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Das Schlimme an Pochers Post ist aber gar nicht dessen Inhalt – dazu später mehr. Das Schlimme an Pochers Post ist, dass es ihm mal wieder nicht gelungen ist, in einer Situation, in der jeder weiße Mann wenigstens einmal kurz den Mund halten könnte, einmal kurz den Mund zu halten. Dass hier ausgerechnet (und zum wiederholten Male) ein weißer Mann versuchen musste, die Deutungshoheit über ein Thema zu erlangen, zu dem er eigentlich überhaupt nichts beizutragen hat. Und dass sich wieder einmal ein weißer Mann in den Mittelpunkt drängen musste, obwohl er in diesem Mittelpunkt gerade überhaupt nichts zu suchen hat.

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So viel dazu. Allerdings kommt bei der ganzen Sache noch ein weiterer Aspekt hinzu, und das ist leider die Krux an Oliver Pocher: Zwar mag er immer zur falschen Zeit den falschen Ton treffen – doch sein Grundgedanke ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Später erklärte Pocher nämlich (ja, die besten Witze sind diejenigen, die man später noch mal erklären muss), der Hashtag #BlackoutTuesday verkomme zur “Lachnummer von diversen ‘Influencern’ und ‘Promis’”. Man würde sich damit ja nur die “schnellen, politisch korrekten Likes” abholen.

Schwarze Kästen statt Haltung

Tatsächlich ist die schnelle Solidaritätswelle in Form von schwarzen Quadraten nämlich mindestens diskussionswürdig. Denn wirft man einen Blick auf die Liste derjenigen, die sich am Dienstag an der Aktion beteiligten, hinterlässt diese eine Menge Fragezeichen.

Da wäre beispielsweise Mark Forster. Das ist der Sänger, der bereits seit mehreren Jahren in diversen Interviews nach einer Antwort auf die Frage sucht, warum er sich eigentlich nie politisch äußert – zum Beispiel beim “Spiegel” oder auch im “Deutschland3000”-Podcast. Eine Antwort scheint er bis heute nicht gefunden zu haben.

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Oder da wäre Lena Meyer-Landrut, die sich grundsätzlich immer und zu jeder Zeit bei wirklich jedem gesellschaftlichen Thema konsequent raushält.

Oder Vanessa Mai, die zwar Rassismus doof findet – bis vor kurzem aber überhaupt kein Problem damit hatte, mit einem Sänger eine Single aufzunehmen, der sich seit mindestens zehn Jahren antisemitisch in der Öffentlichkeit äußert: Xavier Naidoo.

Wir stellen uns unglaublich dämlich an

Die Liste könnte endlos erweitert werden. Und sie sollte nicht das einzige Problem des “Blackout Tuesday” bleiben: Viele Teilnehmer der Solidaritätsaktion verwendeten am Dienstag neben dem Hashtag #BlackoutTuesday auch den Hashtag #BlackLivesMatter. Die Folge: Unter dem Hashtag fanden sich zeitweise ausschließlich schwarze Quadrate – und tatsächlich relevante Posts von People of Color wurden konsequent unterdrückt.

Dieses fast schon symbolische Problem offenbart ein ganz grundsätzliches: Selbst wenn wir es gut meinen – wir weißen, privilegierten Menschen stellen uns beim Umgang mit dem Thema Rassismus einfach unglaublich dämlich an. Und daran ändert auch diese Solidaritätsaktion nichts.

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Einfach mal zuhören

Doch was tun? Ein Anfang wäre vielleicht, erst mal denjenigen zuzuhören, die das Thema betrifft. Die Autorin Jasmina Kuhnke beispielsweise schrieb am Dienstag auf Instagram: “Ich werde mich nicht am #BlackoutTuesday beteiligen, weil ich wahrnehme, wie dieser Hashtag von Leuten übernommen wird, die bis heute geschwiegen haben. Ich wünsche mir für das Thema Rassismus Schwarzen gegenüber mehr Aufmerksamkeit und Reichweite, aber nicht als Sureshot für Likes.”

Es sei schon lange an der Zeit, laut zu sein, so Kuhnke weiter. “Und viele, die sich jetzt solidarisieren, haben zuvor immer geäußert, dass Menschen wie ich, die für Gleichberechtigung der Schwarzen sind, zu laut sind. Und jetzt haut ihr ein Sharepic raus, um euer Gewissen zu erleichtern. I don’t get it. Macht das, aber ich kann mich daran nicht beteiligen. One Love!”

Der ehemalige Fußballstar Hans Sarpei twitterte am Mittwoch: “Rassismus und Fremdenfeindlichkeit lösen wir nicht mit dem Austausch unserer Profilfotos, sondern mit dem täglichen Engagement auf den Werten unserer Verfassung und der Menschenrechte. Ich zähl auf Euch!”

Social-Media-Aktion reicht nicht

Auch die Vizepräsidentin des Landtags von Schleswig-Holstein, Aminata Touré (Grüne) betonte in einem Interview mit der “Welt”: “Es reicht (...) nicht, etwa bei einer Social-Media-Aktion mitzumachen (...). Wir müssen Rassismus entlernen. Ich erwarte von nichtschwarzen Menschen, uns zuzuhören und sich zu solidarisieren.”

Rassismus sei keine einmalige und individuelle Erfahrung, sondern ein über Generationen übertragenes Trauma durch Versklavung und Kolonialismus. “Die Mehrheitsgesellschaft sollte die Aufgabe übernehmen, andere Teile der Mehrheitsgesellschaft zu sensibilisieren und sie auffordern, sich zu positionieren. Es funktioniert nicht, wenn wir die Aufgabe des Antirassismus als Minderheit alleine bewältigen müssen.”

Solidarität mit Betroffenen

Und bevor dieser Text noch mit einem Lob für Oliver Pocher und seine messerscharfe Instagram-Analyse ausklingt, sei dies auch noch erwähnt: Im Juni 2016 trat Pocher im Sat.1 Frühstücksfernsehen als Jerome Boateng auf. Dazu schmierte er sich schwarze Farbe ins Gesicht.

Das sogenannte “Blackfacing”, so erklärt es der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, ist deshalb rassistisch, “weil es die Identität und die Erfahrungen schwarzer Menschen als Kostüm behandelt, das weiße Menschen beliebig an- und ausziehen können.” Bevor sich Oliver Pocher also zum Thema Rassismus äußert, sollte er erst mal seine eigene Vergangenheit aufarbeiten und bis dahin eher kleine Brötchen backen.

Und alle anderen haben nun die einmalige Gelegenheit, sich näher mit dem Thema zu befassen, sich mit Betroffenen zu solidarisieren und die Stimme zu erheben. So schnell wird der Rassismus nämlich nicht weggehen – daran ändern auch schwarze Quadrate nichts.

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