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Russische Bomben oder reine Täuschung: Darum ist die Lage im Schwarzen Meer so undurchschaubar

  • Russland meldet das Eindringen eines Nato-Kriegsschiffs in sein Staatsgebiet – und wirft angeblich zur Warnung vier Bomben aus einem Kampfflugzeug ab.
  • London dementiert die Geschichte komplett. Was ist Lüge, was Wahrheit?
  • Die Lage am Schwarzen Meer wird, auch wegen neuartiger digitaler Verwirrspiele, immer undurchschaubarer – und gefährlicher. Eine Analyse von Matthias Koch.
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Die Zuschauer des russischen Staatsfernsehens konnten am Mittwoch mal wieder rundum zufrieden sein: mit dem wackeren Präsidenten Wladimir Putin, mit der militärischen Führung im Lande und insbesondere mit der Schwarzmeerflotte. Die hatte soeben der Nato mal gezeigt, wo der Hammer hängt.

Nach Angaben aus dem russischen Verteidigungsministerium haben russische Soldaten am Mittwoch zur Mittagszeit „die Verletzung der russischen Staatsgrenze durch den britischen Zerstörer ‚Defender‘ gestoppt“.

Um 11.52 Uhr, teilte Moskau mit, sei der britische Zerstörer drei Kilometer weit in russisches Seegebiet eingedrungen. Die „Defender“ sei davor gewarnt worden, ihren Kurs fortzusetzen, anderenfalls drohe der Einsatz von Waffen – „aber die Besatzung reagierte nicht“.

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„Kampfflugzeug warf vier Bomben ab“

„Um 12.06 und 12.08 Uhr eröffnete das Grenzpatrouillenschiff Warnfeuer“, meldet die russische Regierung. Nach weiteren neun Minuten habe dann ein russisches Kampfflugzeug vier Bomben des Typs OFAB-250 „in Richtung des Zerstörers geworfen“. Mit stolzem Unterton heißt es dann abschließend: „Um 12.23 Uhr verließ das britische Schiff die Grenzen des Küstenmeeres der Russischen Föderation.“

Ein kurzes Nachtreten folgt noch: Die russische Regierung habe nach dem Vorfall den Attaché der britischen Botschaft vorgeladen.

Die britische Seite wies am Mittwochnachmittag die Darstellungen zurück, und zwar von vorn bis hinten. Weder habe es im Schwarzen Meer eine Verletzung der russischen Staatsgrenze gegeben, noch seien Bomben in Richtung des Schiffs abgeworfen worden.

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„Es war ein Routinefahrt von Odessa nach Georgien“, sagt der britische Verteidigungsminister Ben Wallace. „Unser Schiff war in international anerkannten Korridoren unterwegs.“

Das Schwarze Meer allerdings hat aus politischen Gründen zahlreiche Untiefen, neue und alte. Könnte es sein, dass die Besatzung der „Defender“ da etwas ignoriert hat?

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„Unser Schiff war in international anerkannten Korridoren unterwegs“: Ben Wallace, Verteidigungsminister von Großbritannien. © Quelle: Associated Press

Russland beklagt, die Verletzung russischen Staatsgebiets durch die „Defender“ habe „am Kap Fiolent“ stattgefunden. Dieses Kap, eine malerische und auch touristisch attraktive Felsformation, gehört zur Halbinsel Krim. Die wiederum ist nach der weltweit vorherrschenden Ansicht völkerrechtlich noch immer Teil der Ukraine.

Um die Ecke allerdings liegt Sewastopol, der Heimathafen der russischen Schwarzmeerfloote. Aufgrund besonderer Verträge mit der Ukraine behielt Moskau stets die Kontrolle über diesen Krim-Hafen, auch nach dem Zerfall der Sowjet­union.

Verblüffendes digitales Verwirrspiel

War die „Defender“ nach dem Geschmack der Russen vor allem Sewastopol zu nahe gekommen? Vieles spricht dafür, dass die Regierung in Moskau gegenüber der „Defender“ unbedingt als starker russischer Bär auftreten wollte, der mit drohender Pranke den Eindringling verscheucht – und sei es auch nur in Darstellungen gegenüber dem heimischen Publikum.

Bereits am vorigen Wochenende hatte ein verblüffendes digitales Verwirrspiel des Nato-Militärs aufhorchen lassen. Weltweit übliche Ortungssysteme zeigten am 19. Juni gleich zwei Nato-Kriegsschiffe, die britische „Defender“ und die niederländische Fregatte „Evertsen“, zwei Seemeilen vor dem strategisch wichtigen Hafen Sewastopol – dies wäre ein in der Tat ungewöhnlich aggressives Manöver des Westens gewesen. In Wahrheit aber lagen die beiden Schiffe zur gleichen Zeit nachweisbar, sogar von Webcams gefilmt, im Hafen von Odessa, mehr als 300 Kilometer entfernt.

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Gefälschte GPS-Daten führten am Wochenende zu einem völlig falschen Bild: Ortungssysteme zeigten zwei Nato-Schiffe vor dem russischen Kriegshafen Sewastopol – während diese nachweislich im Hafen von Odessa herumdümpelten. © Quelle: USNI News / Marine Traffic

Wer betreibt solche Manipulationen – und warum? Noch am Dienstag geriet da sogar das amerikanische Nachrichtenportal USNI News ins Grübeln, das sich nur mit Nachrichten aus der Welt der Marine beschäftigt: Die Motive für die Fälschungen seien unklar, hieß es da.

Was ist Dichtung? Was Wahrheit?

Schon am Mittwoch indessen ergab alles eine mögliche runde russische Erzählung: Nun lässt sich darstellen, dass Moskau nicht irgendwelche Schiffe vertrieben hatte, sondern solche, die sich frecherweise zuvor noch bis auf zwei Seemeilen dem strategisch wichtigen Hafen Sewastopol angenähert hatten.

Dichtung und Wahrheit zu sortieren ist gerade nicht einfach in der Region des Schwarzen Meers. Hat es vielleicht auch das von Moskau beschriebene „Warnbombardement“ nie gegeben?

Dass es ringsum mal wieder kräftig geknallt hat am Mittwoch, bestreitet niemand. Die Russen führen seit Jahresbeginn immer neue und immer intensivere Übungen im Schwarzen Meer durch. „Wir glauben, dass die Russen eine Geschützübung im Schwarzen Meer veranstaltet haben“, sagt der britische Verteidigungsminister Wallace. Russland habe aber definitiv keine Schüsse auf die „Defender“ gerichtet und auch keine Bomben in dem Weg des Schiffes abgeworfen.

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Ein russischer Diensthabender im strategisch wichtigen Hafen Sewastopol. © Quelle: imago images/ITAR-TASS

Der BBC-Reporter Jonathan Beale, der an Bord der „Defender“ war, bot inzwischen eine mögliche Erklärung an: Mehr als 20 russische Flugzeuge und zwei Schiffe hätten die „Defender“ laufend „belästigt“. Parallel dazu hätten russische Geschütz­übungen stattgefunden. „Wir hörten in der Ferne einige Schüsse, aber man glaubte, dass sie weit außerhalb der Reichweite waren.“

Das genaue Geschehen wird sich also kaum aufklären lassen: Das Schwarze Meer bleibt eine Blackbox.

Ein Meer wie jedes andere ist es ohnehin nicht. Die im Juli 1936 unterzeichnete Montreux-Konvention begrenzt den Aufenthalt von Kriegsschiffen von Nichtanrainern im Schwarzen Meer auf drei Wochen. Jede Passage durch den Bosporus muss bei der türkischen Regierung beantragt werden. Als Washington während des georgisch-russischen Krieges 2008 zwei Sanitätsschiffe vor die georgische Küste entsenden wollte, lehnte die Türkei das Gesuch ab.

Moskau klingt derzeit wieder so, als sollten Staaten wie Großbritannien und die USA sich doch am besten völlig vom Schwarzen Meer fernhalten.

Staatschef Putin und seine Generäle. © Quelle: imago images/ITAR-TASS

Russlands Generalstabschef Waleri Gerassimow sagte auf einer Moskauer Konferenz zur internationalen Sicherheit, Nato-Besatzungen organisierten „regelmäßig Provokationen“ im Schwarzen Meer. Er betonte, dass dies zu Zwischenfällen führen könne. Unerwähnt ließ Gerassimow die unzähligen Fälle eines Eindringens russischer Flugzeuge oder U-Boote in das Territorium von Nato-Staaten.

Im Fall des Schwarzen Meers erscheinen Muskelspiele wie diese mittlerweile gefährlicher denn je. Denn die Abwesenheit neutraler Instanzen und die direkte Verbindung zum Ukraine-Konflikt machen die Region zu einem schwer durch­­schau­baren Hotspot der Weltpolitik. Der Rest der Welt kann nur hoffen, dass hier keine automatischen Kettenreaktionen in Gang kommen, womöglich gar in globalem Maßstab.

Nach dem gestrigen Vorfall wird es die US Navy drängen, das Schwarze Meer näher unter die Lupe zu nehmen. Wirklich große amerikanische Kriegsschiffe aber wird man hier nie aufkreuzen sehen: Der Vertrag von Montreux beschränkt auch die Größe aller durch die Dardanellen und den Bosporus fahrenden Kriegsschiffe – und untersagt Flugzeugträger generell.

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