Zwischen Impfluxus und Schnapsideen

  • Immer mehr Menschen suchen inzwischen, weil die Impfungen kaum vorankommen, ganz eigene Wege aus der Pandemie.
  • Die einen buchen Impfurlaub am Strand von Dubai für 45.000 Euro, zwei Biontech/Pfizer-Pikser inklusive.
  • Andere erproben ganz bodenständig die Wirkung von Schnaps im Rachen – zu rein wissenschaftlichen Zwecken, versteht sich.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die Tage werden heller – die Stimmung an der Corona-Front aber bleibt bewölkt. Denn die Pandemie wird in Deutschland zu einer gigantischen Geduldsprobe.

Zwar sinken inzwischen wieder die Zahlen der Infizierten. Doch ein echter Ausweg aus der Krise kommt nicht in Sicht – schon weil so viele Impfstoff­hersteller Probleme melden, jeder auf seine Art. Biontech bekommt die Ausweitung der Produktion nicht so schnell hin. Astrazeneca kann ebenfalls Zusagen gegenüber der EU nicht einhalten. Der vom britisch-schwedischen Unternehmen entwickelte Wirkstoff soll gerade bei Älteren eine geringe Wirksamkeit haben. Sollten sich diese Berichte bewahrheiten, wäre das Desaster komplett. Am Abend widersprach Astrazeneca den Berichten und bezeichnete sie als „gänzlich inkorrekt“.

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Und jetzt hat auch noch der amerikanische Pharmakonzern Merck & Co. Inc. völlig verrissen. Der über Monate hinweg entwickelte Merck-Impfstoff wird zwar nach jüngsten Studien sehr gut vertragen. Er bewirkt nur leider nichts, jedenfalls nichts Gutes. Mit dem Serum sei die Immunantwort des Körpers sogar „schlechter als nach einer natürlichen Infektion“, teilte das Unternehmen mit. So etwas hört man nicht oft. Beeindruckend ist immerhin die Offenheit, mit der Merck den historischen Misserfolg eingesteht.

In Berlin zeigt sich die Bundesregierung unterdessen alarmiert von der Ausbreitung der in Großbritannien verbreiteten Corona-Mutation: „Wir haben im Hintergrund die dunkle Wolke einer sehr ernsthaften Gefahr“, orakelte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag.

Verbreitung von Zuversicht geht anders. Aber auch Seibert will wohl einfach authentisch bleiben.

Schluss mit Corona – für 45.000 Euro

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Dies alles beflügelt bei vielen Deutschen die Tagträume: Kann man nicht einfach irgendeine Abkürzung nehmen, nur schnell raus aus der Krise?

Neuerdings gibt es so etwas tatsächlich, als neues Luxuspaket eines Londoner Clubs für Reiche: 21 Tage Strandurlaub in Dubai „in einer schönen Villa mit Pool, Koch und Personal“ – und mit zwei Corona-Impfungen. Kostenpunkt: 45.000 Euro, alles inklusive.

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„Money makes the world go ’round”, sang Liza Minnelli vor mehr als 50 Jahren. Und so ist es auch heute. Wer sagt, dass man derzeit nicht in den Urlaub fahren kann? Und dass man leider keine Impfung bekommt? Mit der richtigen Summe in der Tasche lassen sich heute wie zu allen Zeiten erstaunlich viele Dinge bewegen. Zwar gelten, wie Maike Geißler vom Reisereporter berichtet, auch in Dubai Maskenpflicht und Abstandsregeln. Aber Strände, Hotels, Gastronomie und Geschäfte haben wieder geöffnet.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind, das gehört mit ins Bild, im weltweiten Impfmarathon weit vorn. Nach Israel impft kein Staat der Welt so schnell gegen das Coronavirus an wie die Emirate. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden haben bereits mehr als zwei Millionen der rund zehn Millionen Einwohner ein Vakzin erhalten, bis Ende März soll die Hälfte der Bevölkerung geimpft sein.

Zum Vergleich: In Deutschland sind bislang nur gut 1,8 der 83 Millionen Einwohner geimpft. Zwischen den Entwicklungs­ländern, in denen noch kein Mensch auch nur in die Nähe eines Impfstoffs gekommen ist, und kleinen, aber sehr effektiv organisierten Staaten wie Israel und den VAE halten wir als Europäer im Augenblick die Mitte.

Schnaps in den Rachen? Ethikkommission stimmt zu

Vor dem Hintergrund all dieser Unerquicklichkeiten erscheint dieser oder jener Griff zum Alkohol verlockender denn je. Mediziner und Suchtexperten sehen darin schon seit Beginn der Pandemie eine gefährliche Tendenz. Ausgerechnet jetzt kommt aus Rostock ein Signal, das den Griff zu Hochprozentigem noch beflügeln könnte: Ob regelmäßiges Gurgeln mit Alkohol vor Covid-19 schützt, wollen Forscher um den Corona-Experten Prof. Dr. Emil Reisinger an der Universitäts­klinik Rostock untersuchen.­

Schnapsideen machen einander Konkurrenz: Eben erst warnten Experten vor Alkohol, jetzt prüfen andere seinen möglichen Nutzen.
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„Wir starten eine Studie, ob Mundwässer mit Alkohol helfen können, schwere Verläufe oder gar die Infektion zu verhindern“, sagte Reisinger der „Ostsee-Zeitung“. Sollte sich die These bewahrheiten, könnten auch Grappa, Gin und andere „edle Tropfen“ als Virenkiller geeignet sein, heißt es in dem Blatt aus unserem Netzwerk.

Eine Ethikkommission gab inzwischen in Rostock grünes Licht. Doch die Forscher an der Ostsee müssen aufpassen: Wie es scheint, sind die Weichen gestellt für – um es milde zu formulieren – Missverständnisse.

Je edler jedenfalls der Tropfen ist, umso schwerer könnte es werden, die Probanden davon zu überzeugen, die Flüssigkeit nach dem Gurgeln wieder auszuspucken. Am Ende könnte auch eine wichtige wissenschaftliche Botschaft untergehen: Auch grüner Tee, Aronia- und Granatapfelsaft sollen bis zu 97 Prozent der Viren abtöten können – und das bereits nach einer Minute.

Zitat des Tages

Das hat nichts zu tun mit Protesten, das ist kriminelle Gewalt.

Mark Rutte, Premier der Niederlande, zu den gewalttätigen Krawallen von Gegnern der Infektions­maßnahmen in mehr als zehn Städten des Landes

Leseempfehlungen

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Wer den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke am späten Abend des 1. Juni 2019 auf der Terrasse seines Hauses erschossen hat, steht außerhalb jedes Zweifels: Der 47-jährige Stephan Ernst hat selbst im Gericht mehrfach geschildert, wie er sich im Schutz der Nacht und eines nahen Volksfests anschlich und Lübcke tötete. Aus Zorn über dessen flüchtlings­freundliche Haltung habe er gehandelt, sagte Ernst. Welche Rolle aber spielte Markus H.? War er Mitwisser? Oder Mittäter? RND-Chefreporter Thorsten Fuchs beleuchtet eine Frage, mit der sich heute auch das Frankfurter Landgericht befassen wird.

Vor einer Woche begann der Hype um die App Clubhouse – und inzwischen gibt es bereits die ersten handfesten Skandale. Für den größten Wirbel dürfte Bodo Ramelow gesorgt haben, der die Kanzlerin im lockeren Gespräch „das Merkelchen“ nannte und sich kurz darauf dafür entschuldigte. Entwickelt sich Clubhouse hier etwa zu einer Audioversion von Twitter? Einem Ort, der auch künftig in der politischen Kommunikation eine Rolle spielt? Oder ist die Zeit des „Eliteclubs“ bald sowieso wieder vorbei? Matthias Schwarzer wirft einen Blick auf eine Woche Clubhouse – und auf die Zukunft der Plattform.

­Zurück in die Zukunft: So lautet das Motto von Fußball-Bundesligist Hertha BSC in diesen Tagen. Erst mussten Trainer Bruno Labbadia und Manager Michael Preetz nach zuletzt vier Spielen ohne Sieg gehen. Dann entschied sich der Hauptstadtklub für einen alten Bekannten auf der Trainerposition. Pal Dardai, der die Berliner bereits von 2015 bis 2019 coachte, dann von Preetz entlassen wurde, ein Sabbatjahr einlegte und schließlich sogar den Gang zurück als Trainer in die Hertha-Jugend wagte, steht nun wieder im Olympiastadion an der Seitenlinie. Die Situation bei Hertha BSC kommentiert Stephan Henke, Sportchef der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“.

Ihr WM-Ziel haben die deutschen Handballer verpasst. Das Aus schon vor der K.-o.-Runde bei der umstrittenen Corona-WM in Ägypten lässt Verbandspräsident Andreas Michelmann jedoch nicht von den großen Zielen der Nationalmannschaft abrücken. Im Interview mit Sportredakteur Jens Kürbis sagt der 61-Jährige: „Da es für mich aktuell keinen Topfavoriten gibt und wir noch große Reserven haben, halte auch ich Gold für ein realistisches Ziel. Wir brauchen jetzt Olympia, um wieder die Kurve nach oben zu bekommen.“

Aus unserem Netzwerk: Impfung beim Hausarzt

Acht Hausärzte im Landkreis Nordwestmecklenburg sind jetzt Vorreiter in ganz Deutschland: Sie testen jetzt schon mal, wie Corona-Impfungen in ihrer Praxis ablaufen können. Ausgegangen ist die Aktion von der Eigeninitiative des Allgemeinmediziners Dr. Fabian Holbe aus Neuburg bei Wismar. Mit Blick auf das hohe Alter seiner Patienten fürchtete er, dass die Reise zu weit entfernten Impfzentren für viele zu beschwerlich sein könnte. Zur bekannten Arztpraxis indessen hätten viele Menschen zudem mehr Vertrauen: „Damit steigt auch die Impfbereitschaft“, sagte Holbe der „Ostsee-Zeitung“.

Termine des Tages

Union, SPD, Grüne, AfD und Linkspartei im Deutschen Bundestag treffen sich heute online zu ihren digitalen Fraktionssitzungen.

Bereits am Vormittag um 10 Uhr will FDP-Fraktionschef Christian Lindner vor der Bundespresse­konferenz „Lehren aus einem Jahr Corona in Deutschland“ ziehen.

Ab 11 Uhr will Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Gespräch mit Studierenden zu ihrer Situation in der Corona-Pandemie führen.

Das Weltwirtschaftsforum setzt heute seine digitale Version der traditionellen Jahrestagung in Davos fort. Mit Spannung erwartet werden die Auftritte von EU-Kommissions­präsidentin Ursula von der Leyen (11 Uhr), Bundeskanzlerin Angela Merkel (13 Uhr) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (15 Uhr).

Der US-Senat entscheidet heute über sein weiteres Vorgehen im Amtsenthebungs­verfahren gegen Donald Trump. Gerechnet wird mit Anhörungen im Februar. Trump ist seit dem 20. Januar nicht mehr Präsident. Das Verfahren könnte aber eine lebenslange Ämtersperre auf Bundesebene für Trump bringen.

Wer heute wichtig wird

Giuseppe Conte, Ministerpräsident von Italien, will heute in einer Kabinettssitzung seinen Rücktritt anbieten. Wohin dies dann führt, ist unklar. Staatschef Sergio Mattarella könnte ihm noch einmal einen Auftrag zur Regierungsbildung geben – oder Neuwahlen herbeiführen. © Quelle: Lapresse / Roberto Monaldo/LaPre

Der Podcast des Tages

Die News zum Hören

Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag!

Ihr Matthias Koch

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