Zwei Kandidaten, zwei Strategien

  • US-Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden versuchen auf gegensätzliche Art bei den Wählern zu punkten.
  • Trump setzt auf Masse, Biden auf Maske.
  • Lesen Sie in der neuen Ausgabe unseres US-Newsletters, was der Unterschied in Stil und Strategie über die Hoffnungen und Ängste der Kandidaten verrät – und über die Gemütslage Amerikas.
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Liebe Leserinnen und Leser,

herzlich willkommen zu unserem Newsletter zur US-Präsidentschaftswahl.

Nachdem der Wahlkampf aufgrund der Covid-19-Erkrankung von Präsident Donald Trump kurzzeitig ins Stocken gekommen war, nahm er in dieser Woche wieder kräftig an Fahrt auf. Trump, aber auch sein Herausforderer Joe Biden, tourt von Bundesstaat zu Bundesstaat, um seine Basis zu mobilisieren und unentschlossene Wähler von sich zu überzeugen. Diese stellen einer Reuters/Ipsos-Umfrage zufolge 8 Prozent der Wählerinnen und Wähler. Dies ist ein ungewöhnlich niedriger Wert rund zwei Wochen vor der Wahl – und ein Hinweis darauf, dass Bidens 10-Prozentpunkte-Vorsprung in den Umfragen solide ist.

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Lassen Sie uns heute einen genaueren Blick auf den Wahlkampf beider Kandidaten werfen. Der Unterschied in Stil und Strategie verrät einiges über die Kandidaten, ihre Hoffnungen und Ängste. Und er vermittelt einen Einblick in die Gemütslage Amerikas.

Trump und Biden sind beide männlich, alt und weiß. Das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten der Kandidaten. Ihr gegensätzliches Naturell, ihre konträren Werte und Überzeugungen lassen sich jetzt Tag für Tag, Abend für Abend besichtigen – etwa im Fernsehen. In der Nacht zu Freitag traten sie gleichzeitig in zwei verschiedenen TV-Fragestunden auf. Eigentlich sollte da das zweite TV-Duell stattfinden – sicherheitshalber virtuell, was Trump aber zur Absage veranlasste. Wer also gestern zwischen dem Sender ABC, wo Biden zu sehen war, und NBC, wo Trump für sich warb, hin und her zappte, konnte zwei grundverschiedene Politiker erleben.

Video
Zwei Kandidaten, zwei Auftritte: Donald Trump und Joe Biden im TV-Fernduell
1:38 min
Wegen der Coronavirus-Infektion fand das zweite TV-Duell zwischen dem amtierenden Präsidenten und seinem Herausforderer als Fernduell statt.  © Reuters

Wo Biden über Lösungen für die amerikanische Gesundheitsmisere und den nötigen wirtschaftlichen Wiederaufbau sprach, verbreitete Trump Verschwörungsmythen der radikalen Internetcommunity Qanon. Wo Trump mit angeblichen Erfolgen seiner persönlichen wie politischen Pandemiebekämpfung prahlte, suchte Biden das Gespräch mit dem spärlich vorhandenen Saalpublikum; auch als die Sendung längst vorbei war.

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Star des Abends ist allerdings weder Biden noch Trump, sondern die NBC-Fragestellerin Savannah Guthrie. Die gelernte Anwältin grillte Trump mit druckvollen Nachfragen etwa zu seinem Gesundheitszustand.

Savannah Guthrie, NBC-Moderatorin und von Haus aus Juristin, hakt im Gespräch mit US-Präsident Donald Trump immer wieder nach. © Quelle: Evan Vucci/AP/dpa
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Von seinem früheren Haussender NBC, der einst die Trump-Show „The Apprentice“ zeigte, dürfte Trump anderes erwartet haben. Die „New York Times“ berichtet von besorgten Trump-Vertrauten. Gleich in der ersten Werbepause suchte Trumps Kommunikationschefin das Gespräch mit Guthrie und stellte sich dann zu drei Strategen, die sich mit dem Präsidenten berieten.

Noch aufschlussreicher als das fernsehtauglich regulierte Fernduell sind jedoch die jüngsten Wahlkampfveranstaltungen der Kandidaten. Drei Gegensätze fallen auf.

Masse versus Maske

Schon am Montag, gleich nach seiner angeblichen Genesung, suchte Trump bei einem Auftritt in Florida das Bad in der Menge. Tausende Fans feierten Trump, Schulter an Schulter und ohne Mund-Nasen-Schutz. So ging es weiter: in Pennsylvania, in Iowa, in North Carolina. Den schwindenden Zuspruch in den Umfragen versucht Trump mit Bildern jubelnder Massen wettzumachen.

Bad in der Menge: Präsident Donald Trump hält Wahlkampfveranstaltungen mit Hunderten Fans ab – Corona zum Trotz. © Quelle: imago images/Agencia EFE

Ganz anders Joe Biden – wo ist er überhaupt? Der Herausforderer fährt eine unaufgeregte, auch unauffällige Kampagne. Biden kommt zwar inzwischen heraus aus seinem Kellerstudio in Delaware. Aber seine Wahlkampfveranstaltungen finden im kleinen, persönlichen Rahmen statt – so persönlich, dass Biden oft mit Maske auftritt. Der Demokraten-Wahlkampfstratege Chris Moyer beschrieb jüngst die paradoxe Biden-Strategie so: „Je mehr Aufmerksamkeit Trump bekommt, desto besser ist es für Biden.“ Sein Team spielt jetzt auf Zeit. Es gilt, den Vorsprung sicher ins Ziel zu bringen.

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Laut versus leise

Dementsprechend unterschiedlich fällt der Ton der Kandidaten aus. Trump hat die Regler bis zum Anschlag aufgedreht. Er feiert sich selbst nach seiner angeblichen Covid-19-Genesung wie einen Wiederauferstandenen und sagt nichts als Verdammnis für den Fall voraus, dass er die Wahl verliert. Um seine Kernwählergruppe – weiße Männer ohne Collegeabschluss – zu mobilisieren, schlägt er immer offener radikale Töne an. So radikal, dass inzwischen auch das US-Innenministerium im Umfeld der Wahl vor rechtsextremen Anschlägen warnt. Die International Crisis Group, eine Nichtregierungsorganisation mit Fokus auf Krisen- und Konfliktgebiete weltweit, wendet sich erstmals einer US-Wahl zu und warnt eindringlich vor einer Beeinflussung des Wahlausgangs durch rechtsextreme Milizen.

Die Maske trägt er zum Schutz – und auch als Statement: Herausforderer Joe Biden bei einem Besuch in Florida. © Quelle: Carolyn Kaster/AP/dpa

Biden hingegen gibt den Tröster und Versöhner – eine Rolle, die ihm seine von Schicksalsschlägen gebrochene Biografie auf den Leib schreibt. Aggressive Attacken gegen Trump sind von ihm in der Regel nicht zu vernehmen. Bei manchen Auftritten nimmt er nicht einmal den Namen des Präsidenten in den Mund. Lieber wiederholt der einstige US-Vizepräsident unter Barack Obama sein Versprechen, „die Ära der Spaltung“ überwinden zu wollen.

Kampf versus Krampf

Ein Blick auf die aktuellen Schauplätze der Wahlkampfauftritte von Trump und Biden offenbart zweierlei: Nervosität im Trump-Lager und Gelassenheit im Team Biden. Immer wieder reist der US-Präsident in die Sunbelt-Staaten Florida, North Carolina und Georgia – und selbst nach Iowa und Ohio zieht es ihn ständig. Dabei sind vor allem letztere Staaten, die Trump 2016 mit klarem Vorsprung vor Hillary Clinton gewann. Dessen aber kann er sich nicht mehr sicher sein. Trump müht sich, seine Hochburgen zu halten.

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Erstaunlicherweise taucht dort immer öfter Biden auf. Schätzte sein Team den Wahlausgang knapp ein, würde Biden ausschließlich in den Staaten Pennsylvania, Michigan und Wisconsin touren – frühere Garanten demokratischer Wahlerfolge. Dass Biden nun aber auch in Florida, Georgia und sogar im noch bis vor Kurzem erzkonservativen Texas auftaucht und in seine Kampagne dort eine Menge Geld investiert, spricht für eine fast schon freche Zuversicht der Demokraten. Sie leistet sich den Luxus, im Revier der Republikaner zu wildern.

Amerika, so scheint es, hat den Showman Trump und sein ständiges Eskalationsspektakel satt. Jedenfalls deuten die Umfragen an, dass sich die Mehrheit der Amerikaner inmitten einer Pandemie und Wirtschaftskrise nichts sehnlicher wünscht als Normalität, vielleicht auch Langeweile. Dies könnte die Chance von Joe Biden sein.

Zahlen vor den Wahlen

Ein Trend verfestigt sich: Joe Biden (52 Prozent) führt laut den gebündelten Umfragedaten der Statistiker von „Fivethirtyeight“ inzwischen nicht nur landesweit mit gut 10 Prozentpunkten vor Präsident Donald Trump (42 Prozent). Auch in den ausschlaggebenden Swing States weitet sich der Abstand zugunsten des Herausforderers gegenüber dem Amtsinhaber. Beispiel Florida: Biden liegt 4 Prozentpunkte vor Trump. Beispiel Pennsylvania: Biden liegt fast 7 Prozentpunkte vor Trump. Beispiel Michigan: Biden liegt fast 8 Prozentpunkte vor Trump.

Unsere Leseempfehlungen

Bye, Don! Wie Frauen die US-Wahl drehen: Verblüffende Umfragen aus den USA zeigen: Würden nur Männer entscheiden, hätte Donald Trump immer noch Chancen auf eine Wiederwahl. Amerikas Frauen aber finden ihn inzwischen so unmöglich, dass er es sich wohl schon deshalb verspielt hat. RND-Chefautor Matthias Koch geht der Macht der Frauen auf den Grund.

Bidens gar nicht heile Heimat: Kaum irgendwo tobt der amerikanische Wahlkampf so stark wie im rostigen Nordosten Pennsylvanias. In Scranton, dem Geburtsort von Joe Biden, geht der Riss zwischen Anhängern und Gegnern von Präsident Trump durch Familien. USA-Korrespondent Karl Doemens war vor Ort.

Aktuelle Prognosen zur US-Wahl: RND-Statistikexperte Johannes Christ hält Sie mit den neuesten Zahlen und Umfragedaten auf dem Laufenden.

Zitat der Woche

Ich möchte mich da raushalten und keine Ansicht äußern.

Amy Coney Barrett, Kandidatin für das oberste Gericht der USA, auf die Frage, ob sich jeder US-Präsident zu einem friedlichen Machtwechsel bekennen sollte

Eine klare Botschaft

Diplomaten müssen die Kunst der subtilen und doch unmissverständlichen Botschaft beherrschen. Emily Haber, Deutschlands Botschafterin in den USA, platzierte am Mittwoch eine solche Botschaft. Via Twitter erinnerte Haber an den Geburtstag der jüdischen Philosophin Hannah Arendt – geboren am 14. Oktober 1906. „Eines ihrer vielen Vermächtnisse: Totalitarismus kann gedeihen, wo Menschen sich systematisch der Realität verweigern und bereit sind, Vernunft durch Ideologie und Fiktion zu ersetzen.“

Der Tweet hat mehr als 30.000 Likes erhalten. Haber trifft im Amerika des Jahres 2020 einen Nerv.

Je näher der Wahltag rückt, desto deutlicher scheinen die Umfragen einen Wahlsieg von Joe Biden vorauszusagen. Doch dieses Jahr und dieser Wahlkampf haben sich schon oft als unvorhersehbar und wendungsreich erwiesen. Noch ist nichts entschieden. Es bleiben 17 Tage bis zur Wahl.

Ihre Marina Kormbaki

PS: Alle Infos zur US-Wahl finden Sie jederzeit auf unserer Themenseite.

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