Zwangsdienst bei der Bundeswehr: Einen an der Waffe

  • Die neue Wehrbeauftragte hält die Abschaffung der Wehrpflicht für einen Fehler und fordert eine Debatte über die Wiedereinführung.
  • Doch das würde unzählige bekannte Probleme – wie etwa fehlende Wehrgerechtigkeit – erneut auf die Tagesordnung setzen, kommentiert Steven Geyer.
  • Auch sind die Aufgaben der Bundeswehr heute weit andere als zu Zeiten der Wehrpflicht.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Wenn das die Lösung ist, will ich mein Problem zurück, sagt der Volksmund, wenn die Nebenwirkungen der Medizin schlimmer erscheinen als die Krankheit. Wie das beim Einsatz im verminten Gelände funktioniert, zeigt die Wehrbeauftragte Eva Högl: Wenn es in der Bundeswehr zu viele Nazis gibt, findet sie, muss man wohl zur Waffe greifen. Jedenfalls als junger Mann – ob man will oder nicht.

Klingt wie ein gravierender Eingriff in die Freiheit des Einzelnen – gab es aber schon einmal, hieß Wehrpflicht, wurde jedoch 2011 ausgesetzt, weil die Armee nicht mehr oberflächlich angelernte Amateure, sondern inzwischen hoch spezialisierte Profis für ihre modernen Waffensysteme braucht.

Sicher: Gegen rechte Netzwerke in der Bundeswehr muss man vorgehen. Aber doch nicht mit einer so grundsätzlichen Weichenstellung wie der Wehrpflicht, die unzählige bekannte Probleme neu auf die Tagesordnung setzen würde: die fehlende Wehrgerechtigkeit, wenn nur der Bruchteil eines Jahrgangs eingezogen wird; die fehlende Geschlechtergerechtigkeit, wenn Frauen zwar freiwillig dienen dürfen, aber beim Zwangsdienst ausgelassen werden; die schlechte Kosten-Nutzen-Rechnung bei tausendfachen Grundausbildungen mit kurzem Folgedienst.

Der Mindestlohn würde aus Wehrpflicht ein Milliarden-Euro-Projekt machen

Anzeige

Zudem hat sich viel geändert, seit die Wehrpflicht endete: So würde der Mindestlohn heute aus der Rekrutierung Hunderttausender Soldaten und Zivis ein Milliarden-Euro-Projekt machen. Auch leistet die Bundeswehr keine reine Landesverteidigung mehr, sondern kooperiert mit Nato- und EU-Kollegen in Auslandseinsätzen, die für Wehrpflichtige nicht infrage kommen.

Anzeige

Heute wäre wohl ein Wehrdienst nur für Männer kaum juristisch haltbar – aber eine allgemeine Dienstpflicht, die auch Frauen erfasst, verbietet das Grundgesetz: Es verbietet alle Zwangsdienste jenseits der Bundeswehr – aus gutem Grund.

Der Wunsch, auch mal Leute ohne Affinität zu Uniformen und Befehlsgehorsam zu rekrutieren, reicht da zur Begründung nicht. Und würde auch wenig ändern: Wer heute nicht freiwillig dient, würde bei einer Wehrpflicht zum Zivildienst wechseln – oder die Bundeswehr nach der Grundausbildung schnellstens wieder verlassen.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen