Zum 9. November: Die DDR-Vergangenheit geht auch den Westen an

  • Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit konzentriert sich auf Ostdeutschland.
  • Sie findet aber auch in Westdeutschland statt.
  • Ein Beispiel dafür ist Niedersachsen.
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Berlin. Kürzlich konnte man Hartmut Büttner Seite an Seite mit Roland Jahn in Hannover sehen. Der Sprecher des Niedersächsischen Netzwerkes für SED- und Stasi-Opfer hatte den Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, der im Sommer aus dem Amt scheidet, zu einer Abschiedsveranstaltung eingeladen – im Beisein von rund 50 SED-Opfern aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Beide finden im Angesicht des 9. November, die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit geht auch den Westen an.

Der 68-jährige Büttner, der in Kolenfeld (Wunstorf, Niedersachsen) geboren wurde, ging nach dem Fall der Mauer nach Sachsen-Anhalt und saß für die dortige CDU bis 2005 über vier Legislaturperioden im Bundestag. Er war Mitglied im Beirat der Stasi-Unterlagen-Behörde und im Stiftungsrat der Bundesstiftung Aufarbeitung.

Engagierte Christdemokraten

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Heute lebt Büttner wieder in Niedersachsen und betont, dass der Arm der DDR-Diktatur bis dorthin gereicht habe. So seien bis 1989 rund 33.000 politische Häftlinge aus der DDR von der alten Bundesrepublik freigekauft worden. „Ungefähr ein Viertel von ihnen wird in Niedersachsen gelandet sein“, vermutet er – wegen der langen gemeinsamen Grenze. So ist Niedersachsen Büttner zufolge auch das einzige westliche Bundesland, das eine eigene Opferberatungsstelle hat. Dazu gesellte sich eine Enquetekommission im Landtag zu den Machenschaften der Staatssicherheit.

Büttner sagt: „Die Betroffenen werden immer älter.“ Nicht wenige hätten bis heute materielle Sorgen, aber „keine Zeit mehr, auf Gesetzesänderungen zu warten. Manch einer stirbt darüber hinweg.“ Er fordert daher einen Sonderfonds für Einzelfälle und beklagt, dass bisher nur Ikea und die Deutsche Bahn AG bereit seien, sich an einem Fonds zu beteiligen. Ikea profitierte von Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen, Gleiches gilt für die Reichsbahn der DDR, deren Nachfolge die Deutsche Bahn AG angetreten hat.

Der Thüringer Roland Jahn, 1983 in den Westen ausgebürgert, lobt Niedersachsen, von wo aus zwischen 1991 und 2019 rund 61.000 Menschen einen Antrag auf Akteneinsicht stellten, als sehr engagiert. In Hessen tue sich unter Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) viel in der politischen Bildung. Jahn hebt auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU) aus Baden-Württemberg, hervor. Sie helfe Frauengruppen unter den Opfern.

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Der 67-Jährige selbst hat im Schnitt alle drei Wochen eine Veranstaltung im Westen. Wenn er nicht zu den Westdeutschen kommt, kommen die Westdeutschen nach Berlin und besuchen die Behörde oder das ehemalige Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen. Übrigens gibt es noch ein DDR-Museum im baden-württembergischen Pforzheim – und Landesgruppen von Frauen, die einst in dem berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck (Sachsen) einsaßen, so in Rheinland-Pfalz.

Jahn sagt: „Die Aufarbeitung der SED-Diktatur ist eine gesamtdeutsche Angelegenheit. Deshalb ist sie auch in Westdeutschland wichtig. Ein Grund dafür ist, dass vor und nach dem Fall der Mauer Millionen Menschen von Ost nach Westen gezogen sind: Übersiedler, Flüchtlinge, freigekaufte Häftlinge. Diejenigen unter ihnen, die Opfer waren, sollten daher überall Ansprechpartner haben, nicht nur im Osten.“

Er fährt fort: „Außerdem kann man durch die Aufarbeitung der Vergangenheit die Sinne schärfen für die Gegenwart und für die Grundrechte. Wenn Menschen behaupten, man könne heute nicht mehr alles sagen, dann können wir ihnen anhand der DDR-Geschichte den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur erläutern. Wir dürfen uns nicht nur am Leid der Vergangenheit festhalten. Es geht um eine Brücke in die Zukunft.“

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