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Kaum Grund zu feiern

Zum 70. Geburtstag laufen Putin die Menschen davon

Ratloser Präsident: Zum 70. Geburtstag am Freitag steht Wladimir Putin vor einem Scherbenhaufen. Sein Angriffskrieg gegen die Ukraine entwickelt sich für Russland zum Albtraum, zudem laufen ihm die Landsleute davon, weltweit steht er isoliert da, die Wirtschaft leidet an Schwindsucht.

Ratloser Präsident: Zum 70. Geburtstag am Freitag steht Wladimir Putin vor einem Scherbenhaufen. Sein Angriffskrieg gegen die Ukraine entwickelt sich für Russland zum Albtraum, zudem laufen ihm die Landsleute davon, weltweit steht er isoliert da, die Wirtschaft leidet an Schwindsucht.

Moskau. Für Wladimir Putin sollte sein runder Geburtstag auch ein politischer Triumph werden. Längst wollte der russische Präsident die wehrhafte Ukraine, die in die EU und in die Nato strebt, mit seinem brutalen Angriffs­krieg als Staat zerstört haben. Doch auch an seinem 70. Geburtstag an diesem Freitag, dem 7. Oktober, wird der Kremlchef angesichts immer neuer Niederlagen bei seiner Invasion als Oberbefehlshaber keine Freude haben. Vor allem aber muss Putin, der Russland nach den chaotischen 1990er-Jahren voller Armut wieder auf die Beine brachte, jetzt zusehen, wie nach seinen gut 22 Jahren an der Macht vieles in sich zusammenfällt.

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Hunderttausende verlassen Russland nach Teilmobilmachung

Längst gibt es eine Abstimmung mit den Füßen, dem Präsidenten laufen die Landeskinder weg. Laut Forbes.ru sollen seit Beginn der Mobilisierung fast eine Million Menschen Russland verlassen haben. Ob dauerhaft oder vorübergehend mit touristischen Visa lässt sich nicht überprüfen.

Die zweite Quelle, laut der „Ukrainska Pravda“ aus der Verwaltung des Präsidenten der Russischen Föderation stammend, berichtet, dass zwischen 600.000 und 700.000 Russen das Land verlassen haben. Laut Forbes haben die Medien zuvor die Zahl von 194.000 Russen genannt, die in der Woche nach der Ankündigung der Teilmobilisierung nach Georgien, Kasachstan und Finnland ausgereist sind. Anfang September, noch vor der Ankündigung der Teilmobilmachung, gab der Föderale Staatliche Statistikdienst in Russland bekannt, dass im ersten Halbjahr 2022 419.000 Menschen die Russische Föderation verlassen haben – doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

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Auch das wird dazu beigetragen haben, dass Putin das vor zwei Wochen erlassene Dekret zur Teilmobil­machung jetzt korrigiert hat, wie Reuters meldet. Damit soll die Mobilmachung für einige Studenten – unter anderem diejenigen, die an Privatuniversitäten eingeschrieben sind – sowie für bestimmte Postgraduierte ausgesetzt werden, sagte Putin demnach bei einem im russischen Fernsehen übertragenen Treffen mit Lehrern.

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Nach mehr als sieben Monaten Blutvergießen und Tausenden Toten auf ukrainischer und russischer Seite wird sich der für seine Gefühlskälte bekannte Ex-Geheimdienstchef den Geburtstag nicht ganz verderben lassen. Der Jubilar, der wegen seiner Auftritte in den prunkvollen Palästen und der fast unbegrenzten Machtfülle mit einem Zaren verglichen wird, hat ein Faible für gutes Essen. Er werde den Geburtstag auch arbeitend verbringen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Mittwoch.

Ansprache im TV: Putin verkündet Annexion ukrainischer Gebiete

Nach den völkerrechtswidrigen Scheinreferenden hat Putin am 30. September 2022 die Annexion mehrerer ukrainischer Gebiete im TV angekündigt.

Gerade erst hat Putin vier ukrainische Gebiete unter internationalem Protest völkerrechtswidrig annektiert. Trotzdem kontrolliert Russland die Regionen nicht komplett. Putin entschied sich für die Annexion, um nach monatelangem Kampf endlich ein Ergebnis zu präsentieren. „Der Krieg hätte sonst seinen Sinn verloren“, sagt der Politologe Abbas Galljamow. Als einen Sieg sieht das aber nicht einmal der Kreml.

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„Putin macht Russland zu einem Dritte-Welt-Land“

Galljamow, der früher selbst im Kreml arbeitete, will Putin nicht als „wahnsinnig“ bezeichnen, bescheinigt ihm aber „Kontrollverlust“. Der Ex-Geheimdienstchef, der einst im gefürchteten sowjetischen KGB Karriere machte, sei nicht mehr Herr der Lage. Putin sei ein Getriebener der Lage in der Ukraine. Er habe seinen Status als „heilige Figur“, als Garant für Stabilität verloren. Sogar mit Russlands Atomwaffen drohte er schon.

Putin spricht von einem „Blitzkrieg“ des Westens gegen Russland. Die stolze Rohstoffmacht steckt wegen des Drucks der Sanktionen in einer massiven Rezession. Tausende Firmen haben das Land verlassen, Zehn­tausende haben keine Arbeit mehr. Es gebe eine beispiellose „Deindustrialisierung“, sagt Galljamow. „Er macht Russland zu einem Dritte-Welt-Land“, sagt er über Putin. Die Elite des Landes sei in einer „Depression“, weil der schnelle Sieg in der Ukraine fehle. Zu den Niederlagen der Armee komme das Chaos bei der Teil­mobil­machung.

„Putin ist heute der größte destabilisierende Faktor, ein Destabilisator.“

Abbas Galljamow,

Politologe

„Putin ist heute der größte destabilisierende Faktor, ein Destabilisator“, meint Galljamow. Russlands Elite verliere jetzt ihren Halt, weil sie sich 22 Jahre auf Putin gestützt habe. Das sei vorbei. Doch Galljamow sagt auch, dass Putins Ressourcen noch gewaltig seien – auch wegen der Ergebenheit des Sicherheitsapparats. Zudem vertrauen viele Russen – vor allem die über 60-Jährigen – ihm weiter, weil sie keinen anderen starken Führer sehen.

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Mit einer Mischung aus Härte gegenüber dem Westen und immer wieder auch demonstrativ menschlichen Augenblicken hat Putin es stets verstanden, Leute für sich einzunehmen. Schon als Teenager galt seine Leiden­schaft dem Kampfsport, bis heute präsentiert er sich als Judoka und Eishockeyspieler oder mit nacktem Oberkörper beim Fischen oder Reiten. Zugleich setzt er sich immer wieder als Tierfreund in Szene, als Retter bedrohter Arten, darunter der Amurtiger.

Am 7. Oktober 1952 in Leningrad (heute St. Petersburg) wurde Putin als drittes Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Sein Vater wurde durch Kriegsverletzungen zum Invaliden, seine Mutter überlebte die Leningrader Blockade der deutschen Wehrmacht, verlor zwei Söhne und war über 40 Jahre alt, als sie den dritten und letzten Sohn Wladimir zur Welt brachte.

Abgesehen davon macht Putin aus seinem Privatleben stets ein großes Geheimnis. Nach fast 30 Jahren Ehe hatte er 2013 die Trennung von seiner Frau Ljudmila bekannt gegeben. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, die 1986 in Dresden geborene Jekaterina und die ein Jahr ältere Maria. Putin ist Großvater, aber offiziell bis heute Single.

Der fliegende Präsident: Putin und die Kraniche.

Der fliegende Präsident: Putin und die Kraniche.

Unvergessen ist auch sein Flug mit einem motorisierten Hängegleiter 2012 mit Kranichen. Weil er nach der Landung damals lange mit Rückenproblemen zu kämpfen hatte, machten sich viele schon einmal Gedanken über eine Zeit ohne Putin. Immer wieder wurden ihm seither vor allem durch westliche Geheimdienste Krankheiten und Gebrechen angedichtet. Aber Kremlsprecher Peskow beteuert regelmäßig, Putin sei gesund.

Putin studierte Jura

Putin, der Jura studierte, war in den 1990er-Jahren nach seiner Rückkehr aus Dresden Berater des Bürger­meisters seiner Heimatstadt St. Petersburg. Viele, die damals mit ihm in der Stadtverwaltung arbeiteten, haben heute hohe Posten: Alexej Miller ist Chef des Gasmonopolisten Gazprom. Dmitri Medwedew wurde Präsident und Regierungschef und ist Vize des Sicherheitsrates. Igor Setschin leitet den größten russischen Ölkonzern Rosneft, wo Altkanzler und Putin-Freund Gerhard Schröder einst Aufsichtsratsvorsitzender war. Die Liste der Günstlinge, darunter viele Oligarchen, ist lang.

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Das hat auch der im Straflager inhaftierte Putin-Gegner Alexej Nawalny in seinem Film „Ein Palast für Putin“ dargelegt. Nawalny sieht Putin als den korruptesten Politiker des Landes. Russlands prominentester Oppo­sitioneller wirft dem Kremlchef vor, ein durch und durch mafioses System geschaffen zu haben. „Formal vertrat er die Interessen des Staates, faktisch aber half er einfach nur Banditen“, sagt Nawalny in dem Film. Er hatte 2020 nur knapp einen Mordanschlag mit dem chemischen Kampfstoff Nowitschok überlebt.

Eine Vielzahl von Verbrechen werden ihm angelastet

Putins Gegner lasten ihm eine Vielzahl von Verbrechen an. Unter ihm an der Macht führte Russland Kriege gegen Tschetschenien, Georgien, in Syrien und gegen die Ukraine. Viele Kremlkritiker, darunter der frühere Vizeregierungschef Boris Nemzow, und auch Journalisten wie Anna Politkowskaja und Natalia Estemirowa wurden erschossen. Seit Jahren sieht sich Putin in der Kritik, die letzten Reste der Freiheitsrechte und unabhängige Medien vernichtet zu haben. Er lässt Proteste gewaltsam auflösen und Andersdenkende brutal verfolgen.

Dabei hatte Putin, als sein Vorgänger Boris Jelzin in der Silvesternacht zu 2000 seinen Rücktritt bekannt gab, noch ein demokratisches Russland versprochen. Kritiker sprachen von einer eiskalt eingefädelten Macht­übernahme. Und 2020 ließ Putin auch die Verfassung ändern, die ihm einen Verbleib an der Macht bis 2036 ermöglicht, sollte er wieder kandidieren und gewinnen.

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Putin ließ sich zu kommunistischen Zeiten heimlich als russisch-orthodoxer Christ taufen.

Putin ließ sich zu kommunistischen Zeiten heimlich als russisch-orthodoxer Christ taufen.

Bis heute verfängt bei einem großen Teil der russischen Bevölkerung seine in der Sowjetunion erworbene Ideologie eines aggressiven Antiamerikanismus. Der scharfen Kritik am Westen ist der zu kommunistischen Zeiten heimlich als russisch-orthodoxer Christ getaufte Putin bis heute treu geblieben. Dabei musste er nun auch in seinem Kampf gegen einen Vormarsch der Nato bis an die Grenzen Russlands Niederlagen hin­nehmen. Nach seinem Einmarsch in die Ukraine werden nun Finnland und Schweden Nato-Mitglieder.

Putin setzt auf bröckelnden Halt des Westens im Winter

Dabei gab es anfangs Hoffnung, dass die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen unter Putin florieren. Als erster russischer Präsident hielt er im September 2001 eine Rede im Bundestag – auf Deutsch. Die Handelsbeziehungen nahmen zu. Vor allem wurde Deutschland noch abhängiger von russischem Gas als zuvor. Heute ist das alles Geschichte. Die Energiegroßmacht sieht sich unter Putin in der Kritik, Öl und Gas als „politische Waffen“ einzusetzen.

Der Politologe Galljamow sagt, dass Putin in seinem Krieg jetzt vor allem darauf setze, dass die Energiekrise sich in Europa weiter zuspitze und damit die Solidarität mit der Ukraine im Westen breche. Wenn Europa bis März nicht „eingefroren“ sei, dann sehe es schlecht aus für Putin – ein Jahr vor der Präsidentenwahl, die 2024 ansteht. Galljamow sieht derzeit angesichts fallender Zustimmungswerte nicht, dass Putin sich einen neuen Sieg verschaffen kann ohne Betrug. Aber Manipulation könne zu einer Revolution führen, betont er.

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„Wenn er die Ukraine nicht überfallen hätte, dann hätte wohl niemand gemerkt, dass die russische Armee nur ein Papiertiger ist.“

Abbas Galljamow,

Politologe

Galljamow sieht nur einen friedlichen Ausweg: Putin könnte selbst einen Nachfolger benennen, dem er vertraue. Als einen möglichen Kandidaten sieht er Sergej Sobjanin, den Bürgermeister von Moskau. Immer mehr Menschen verstünden, dass Putins Zeit abgelaufen und er klar der Hauptverantwortliche für die Niederlagen der Armee sei. „Wenn er die Ukraine nicht überfallen hätte, dann hätte wohl niemand gemerkt, dass die russische Armee nur ein Papiertiger ist.“

RND/dpa/stu

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