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Zoff auf offener Bühne - SPD-Kandidat attackiert Vizekanzler Scholz

  • Zum Bergfest gastiert der große Bewerberzirkus um den SPD-Vorsitz in der Hauptstadt.
  • In dem linken Landesverband sind die Sympathien klar verteilt. Vizekanzler Olaf Scholz und Klara Geywitz haben es schwer.
  • Das Duo Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken wird dagegen bejubelt.
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Berlin. Eines ist sicher: Das Ringen um die Parteispitze der SPD ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf. Wer am Ende die Nase vorn haben möchte, braucht nicht nur Charisma und eine kluge Strategie, sonder auch jede Menge Ausdauer und Puste.

Rund 4500 Kilometer kreuz und quer durch Deutschland haben die Bewerber zur Halbzeit der Vorstellungsrunden zurückgelegt. Zwölf von 23 Regionalkonferenzen sind vorbei, 7500 SPD-Mitglieder schauten persönlich vorbei, mehr als 220.000 Menschen verfolgten die Veranstaltungen per Stream im Netz.

Am Dienstagabend machte die Castingtour Station in Berlin. Im Willy-Brandt-Haus in Kreuzberg, zu Füßen der bronzenen Statue des großen Vorsitzenden, standen die Bewerber um dessen Nachfolge Rede und Antwort.

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Der Andrang war riesengroß. Schon Stunden vor Beginn der Veranstaltung bildeten sich lange Schlangen vor der Parteizentrale. Schnell hieß es: nichts geht mehr. Wer in dem völlig überfüllten Atrium und den oberen Stockwerken keinen Platz fand, konnte auf eines der 14 Public Viewings ausweichen, die die Kreisverbände und Abteilungen der Berliner SPD ausrichteten.

Schwerer Stand für Olaf Scholz

Die Hauptstadt-SPD gilt als links, die Sympathien an diesem Abend waren klar verteilt. Bundesfinanzminister Olaf Scholz und die frühere Generalsekretärin der Brandenburger SPD, Klara Geywitz, hatten einen schweren Stand. Ex-NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken lagen gemessen am Beifall vorn. Vor allem aus den Reihen der Berliner Jusos kam viel Applaus für jenes Duo, das auch Juso-Bundeschef Kevin Kühnert unterstützt.

Walter-Borjans, der an diesem Tag seinen 67. Geburtstag feierte, punktete mit einem starken Plädoyer für die SPD als Friedenspartei. „Ich bin vermutlich die erste Generation auf diesem Kontinent, die dieses Alter erreichen konnte, ohne jemals einen Krieg erlebt zu haben“, sagte der frühere Finanzminister – und fügte mit einem Wink in Richtung der Brandt-Statue hinzu: „Das habe ich diesem Mann zu verdanken.“

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Auffällig war, dass die Debatte zwischen den Kandidaten an Schärfe gewonnen hat. Verdi-Mann Dierk Hirschel etwa griff Finanzminister Olaf Scholz für dessen Politik eines ausgeglichenen Haushalts frontal an. Angesichts der negativen Zinsen könne der Bund durch das Aufnehmen von Schulden noch Geld verdienen, sagte Ökonom Hirschel. „Das Geld liegt auf der Straße, und der Olaf müsste es nur aufheben, aber er macht das einfach nicht.“ Man hätte gern eine Erwiderung von Scholz auf diesen Vorwurf gehört, aber eine solche lässt das Format nicht zu.

Kritische Fragen an Kampmann und Roth

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Andere Kandidaten äußerten ihre Kritik an den Kontrahenten indirekt – ohne Namen zu nennen. Die SPD-Linke Hilde Mattheis sagte: „Wenn es einfach wäre und man die Partei nur mit guter Laune wieder aufrichten könnte, hätten wir 24 Stunden gute Laune.“ Walter-Borjans betonte, dass die SPD „in den Rückspiegel schauen“ müsse, um zu erkennen, warum sie vom richtigen Kurs abgekommen sei.

Beide Aussagen sind versteckte Angriffe auf die Kandidaten Christina Kampmann und Michael Roth, die sich bei zurückliegenden Konferenzen als Team der guten Laune präsentiert und angekündigt hatten, nach vorn und nicht immer in den Rückspiegel schauen zu wollen.

Überhaupt hatte es das bisherige Überraschungsteam Kampmann/Roth in Berlin schwerer als bei zurückliegenden Veranstaltungen. Die beiden werden inzwischen ernster genommen, entsprechend kritischer fallen auch die Fragen aus dem Publikum aus.

Ein Genosse etwa fragte den im Europa-Hoodie angetretenen Staatsminister Roth nach dessen europapolitischer Bilanz. „Du hast einen schönen bunten Pulli an, aber was hast du durchgesetzt für Europa?“ Roth versuchte gar nicht erst, die Europapolitik der großen Koalition schönzureden. „Ich teile deine Enttäuschung“, sagte er. Wenn sich CDU und CSU in Fragen der EU-Reform nicht bald bewegten, sei die große Koalition die falsche Regierung.

Eine junge Frau kritisierte, dass Kampmann und Roth fälschlicherweise für sich in Anspruch genommen hätten, als Erste die Abschaffung der Politik der schwarzen Null gefordert zu haben. Christina Kampmann blieb trotz der Kritik bei ihrer Version. „Aus unserer Sicht waren wir die Ersten, die die Debatte wieder angestoßen haben“, antwortete sie unter Verweis auf ein Zeitungsinterview.

Köpping und Pistorius wollen Brücken bauen

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Einen besseren Auftritt als zuletzt erwischte das Duo Boris Pistorius und Petra Köpping. Beide betonten mehrfach, dass sie die kommunalpolitische Verankerung in der SPD stärken wollten. Und beide präsentierten sich als Brückenbauer. Köpping zwischen Ost und West, Pistorius zwischen dem linken und rechten Flügel der SPD. „Wir müssen aufhören, immer erst zu überlegen, wer einen Vorschlag gemacht hat und was er oder sie damit bezwecken will“, appellierte er.

Nina Scheer und Karl Lauterbach nutzten ihren Auftritt, um klarzustellen, dass sie nicht nur so schnell wie möglich raus aus der großen Koalition wollen, sondern dass sie auch den sich abzeichnenden Klimakompromiss zwischen CDU, CSU und SPD ablehnen. Es drohe ein bürokratisches Monster, das am Ende nicht wirken werde, sagte Scheer. „Da dürfen wir nicht mitmachen.“

An diesem Mittwoch gastiert der SPD-Zirkus in Hamburg. Dort dürften die Sympathien wieder anders verteilt sein. In der Hansestadt darf Ex-Bürgermeister Scholz auf ein Heimspiel hoffen.

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