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Angela Merkel vor dem Abschied: manchmal auch Ostfrau

Angela Merkel im Bundestag.

Berlin. Der Bürgermeister ihrer Heimatstadt wünscht der Kanzlerin nur das Beste. „Ich wünsche ihr alles Gute, vor allem Gesundheit und mehr Zeit, ihren persönlichen Interessen nachzugehen“, sagt Detlef Tabbert, Chef im Rathaus von Templin in der brandenburgischen Uckermark, und fährt dann fort, „Frau Dr. Merkel“ sei ja nicht nur Ehrenbürgerin der Stadt, in die sie noch öfter komme. Sie habe Deutschland auch durch viele Krisen geführt. Und nicht zuletzt in Ostdeutschland sei in den letzten 16 Jahren „sehr viel passiert“, sagt Tabbert, der der Linken angehört. Gut findet er schließlich, dass Merkel mit 67 Jahren „ganz normal in den Ruhestand geht. Das beweist Souveränität.“

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Tatsächlich war das Verhältnis der Ostdeutschen zu ihrer Kanzlerin nicht immer positiv. Es gab auch schlechte Zeiten. Unter dem Strich wird man von einer ambivalenten Beziehung sprechen müssen.

Zunächst einmal ist Angela Merkel streng genommen gar keine Ostdeutsche, sondern eine Westdeutsche. Sie wurde am 17. Juli 1954 in Hamburg geboren, bevor ihre Eltern drei Wochen später nach Ostdeutschland übersiedelten. Damit ähnelt ihr Leben dem des Liedermachers Wolf Biermann – mit dem Unterschied, dass dieser als Erwachsener freiwillig in die DDR ging. Beide stehen sich nah.

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In vielem anders

Bekanntlich wuchs Merkel in einem protestantischen Pfarrhaus auf, studierte Physik, heiratete früh, um sich früh wieder zu trennen – und führte bis 1989 ein unauffälliges Leben. Bis die Mauer fiel und sie über den Demokratischen Aufbruch zur CDU kam und als deren Vorsitzende 2005 zur ersten ostdeutschen Kanzlerin der Bundesrepublik aufstieg. In dieser über 30-jährigen Karriere spielte das Ostdeutsche mal mehr und mal weniger eine Rolle.

Zunächst wurde Merkel als Helmut Kohls „Mädchen“ bekannt; er förderte sie in dem Glauben, dauerhaft Kontrolle ausüben zu können. So wurde Merkel erst Familien- und später Umweltministerin. Gewiss, sie war in den frühen 1990er-Jahren bisweilen noch in Schlabberrock und Jesuslatschen unterwegs. Ihre burschikose Art unterschied sich von der Damenhaftigkeit, an die die Männer in der Christlich Demokratischen Union ebenso gewöhnt waren wie an die Tatsache, dass ihre Frauen, sobald sie Kinder bekamen, den Beruf selbstverständlich an den Nagel hängten.

Ansonsten war es zwar nicht so, dass Merkel ihre ostdeutsche Herkunft betont hätte. Dafür war sie befremdet vom westdeutschen Feminismus, weil sie sich in der DDR stets in Männerkontexten bewegt hatte. Zudem war Merkel eher gegen die Frauenquote als dafür. Sie ging wie andere Ostfrauen davon aus, dass dieses Instrument gar nicht erforderlich sei, um die emanzipatorischen Errungenschaften der DDR zu retten. Das war ein Irrtum.

Wer Merkel für harmlos hielt, wurde 1999 eines Besseren belehrt. Da trat sie im Zuge der CDU-Spendenaffäre aus dem Schatten Helmut Kohls und des Parteivorsitzenden Wolfgang Schäuble heraus. Merkel wurde im April 2000 auf dem Essener Parteitag selbst zur Vorsitzenden gewählt; sie strebte Macht an – mehr Macht.

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Danach wurde Merkel im Westen vornehmlich von Männern kritischer bewertet – oft mit dem Hinweis darauf, wie anders sie sei: nicht allein ostdeutsch, sondern auch geschieden, kinderlos, protestantisch und eben Physikerin. Merkel selbst verbarg die Unterschiede weiterhin eher.

Signifikante Veränderungen traten nach 2015 ein. Da war Merkels Flüchtlingspolitik, die in Ostdeutschland auf Abwehr, ja Hass stieß. Als die Kanzlerin Ende August 2015 zur schwer attackierten Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau fuhr, mussten Polizisten sie vor körperlichen Angriffen Rechtsextremer schützen. Beim Tag der Deutschen Einheit in Dresden am 3. Oktober 2016 war es ähnlich. Als die mächtigste Frau der westlichen Welt 2017 in Ostdeutschland Bundestagswahlkampf machte, waren die „Mutti muss weg“-Plakate immer schon da.

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Das Visier öffnen

Die andere signifikante Änderung bestand darin, dass Merkel zunehmend ihr Visier öffnete. Hatte sich die Kanzlerin im Sommer 2017 bei einer Veranstaltung der Frauenzeitschrift „Brigitte“ noch gegen das Etikett „Feministin“ gewehrt, trat sie 2018 mehrfach vehement für eine Frauenquote ein. Und beim letzten Tag der Deutschen Einheit in Halle kritisierte Merkel offen, dass sich Ostdeutsche unverändert zu oft als Bürger zweiter Klasse fühlen müssten. Mochten sich viele Ostdeutsche auch von Merkel entfernt haben: Sie hatte sich nicht von ihnen entfernt.

Der mit Merkel aus dem Amt scheidende Ostbeauftragte Marco Wanderwitz hat daher lobende Worte für jene Frau, die in wenigen Tagen nicht mehr seine Chefin sein wird. „Es ist eine historische Anomalie, dass es eine Ostdeutsche wenige Jahre nach der Wiedervereinigung an die Spitze geschafft hat und so lange geblieben ist“, sagt der CDU-Politiker aus Sachsen. „Sie hat ruhig und sachlich Politik gemacht, dafür aber mit festem Wertekanon. Das fand ich gegenüber der Basta-Politik der Schröder-Jahre eine schöne Veränderung.“

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Merkels Credo sei auch mit Blick auf den Osten gewesen, „weniger reden, mehr tun“, lobt Wanderwitz. „Damit hat sie viel erreicht.“

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