Zahl der Klassenwiederholer im Sommer 2020 gesunken

  • In elf Bundesländern haben dieses Schuljahr weniger Schülerinnen und Schüler eine Klasse wiederholt als im Vorjahr.
  • In den meisten ist die Zahl der Wiederholerinnen und Wiederholer so niedrig wie seit Jahren nicht mehr.
  • Der Deutsche Lehrerverband rechnet für diesen Schuljahreswechsel mit einem deutlichen Anstieg der Wiederholerquote, in vielen Bundesländern werden wegen der Pandemie die Regeln für das freiwillige Wiederholen gelockert.
Nadine Wolter
Lisa-Marie Pohlmann
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Berlin. Es ist ein ewiges Hin und Her: Die Schulen öffnen, dann schließen sie wieder, erst ein rein digitaler Unterricht, dann der Wechsel aus Präsenz und Homeschooling. Jetzt macht sich die Corona-Pandemie auch in den Schulstatistiken bemerkbar. In den meisten Bundesländern haben weniger Schülerinnen und Schüler das Schuljahr wiederholt als vor der Pandemie. Das ergibt eine Umfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) bei den zuständigen Ministerien der Länder.

In elf Bundesländern ist im Schuljahr 2020/2021 die Wiederholerquote zurückgegangen. Besonders in Bayern, Brandenburg, Niedersachsen, Berlin und Hessen sind die Zahlen deutlich gesunken. In Brandenburg hat sich der Anteil der Wiederholer laut Bildungsministerium in der Sekundarstufe I von 3,1 Prozent (2019) auf 1,6 Prozent (2020) fast halbiert.

In Bayern wiederholen dieses Schuljahr rund 25 Prozent weniger Schüler an Grund-, Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien eine Klasse als im Vorjahr. An Berliner Schulen sank die Wiederholerquote von 0,7 auf 0,5 Prozent. Und in Hessen sind im Sommer 2020 nur halb so viele Schüler sitzengebliebenen oder haben sich dazu entschlossen, das Schuljahr freiwillig zu wiederholen: Vergangenes Schuljahr lag die Wiederholerquote laut Statistischem Bundesamt bei 2,2 Prozent. Nun fiel sie auf 1,1 Prozent. In Niedersachsen ist sie von 2,3 auf 1,5 Prozent gesunken.

Nur in Thüringen ist die Zahl der Klassenwiederholer gestiegen

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Auch in den Bundesländern Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, und Sachsen-Anhalt ist der Anteil an Schülerinnen und Schülern, die eine Jahrgangsstufe wiederholen, im Vergleich zu 2019 gesunken – in den meisten Ländern auf den tiefsten Stand seit Jahren. In Bremen ist die Quote laut einer Sprecherin der Bremer Bildungssenatorin Claudia Bogedan bisher identisch mit der aus dem vergangenen Schuljahr. Bogedan beendet zum Ende des laufenden Schuljahres ihre Tätigkeit als Senatorin und wird Geschäftsführerin der Hans-Böckler-Stiftung, das kündigte sie am Freitag an. Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein konnten keine Angaben zu der Anzahl der Wiederholer machen.

Eine Abweichung vom allgemeinen Trend gibt es nur in Thüringen. Hier ist der Anteil an Schülern, die nicht versetzt wurden, vom vergangenen zum derzeitigen Schuljahr ganz leicht gestiegen: von 1,9 auf 2 Prozent. Knapp die Hälfte der betroffenen Schülerinnen und Schüler waren dabei nicht per se versetzungsgefährdet. Sie haben das freiwillige Wiederholen in Anspruch genommen.

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2021/2022: Das Schuljahr der freiwilligen Wiederholungen?

Der Anteil dieser freiwillig das Schuljahr wiederholenden Schülerinnen und Schüler wird im kommenden Schuljahr bundesweit steigen, prophezeit der Deutsche Lehrerverband (DL) und liefert gleich eine mögliche Erklärung für die derzeit geringe Wiederholerquote: „Wir dürfen nicht vergessen, dass im letzten Schuljahr fast alle Schüler auch bei Leistungen, die eigentlich nicht für ein Vorrücken ausreichten, trotzdem versetzt wurden“, sagt der DL-Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger.

Die Hoffnung, dass diese Gruppe ihren Rückstand durch Zusatzangebote aufholen könne, habe sich bisher laut Meidinger nicht erfüllt, „im Gegenteil, es sind neue Lücken dazugekommen“.

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Im Video-Interview kritisiert Lehrerverband-Präsident Heinz-Peter Meidinger fehlende Klarheit, wie es mit den Schulen in der Corona-Pandemie weitergeht.  © RND

Leistungsschwache haben es doppelt schwer

Das kritisiert auch die Bundesschülerkonferenz. Die Schülerinnen und Schüler seien die meiste Zeit zu Hause gewesen und mussten sich mit ihrer Ausstattung und häuslichen Situation herumschlagen, sagt Generalsekretär Dario Schramm. Die ohnehin Leistungsschwachen hätten es daher doppelt schwer, weil sie sich bei Fragen nicht an die Lehrer, sondern an ihre Eltern wenden müssten und Bildungserfolg noch stärker vom Bildungshintergrund des Elternhauses abhänge.

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„Ich denke schon, dass viele einige Lücken entwickelt haben und diese ausbessern wollen“, sagt Schramm und warnte davor, davon auszugehen, dass das Bildungschaos nach der Pandemie ende. „Wir werden sicherlich erst nach dem Ende der Pandemie sehen, wo die Defizite liegen.“ Er fordert Förderprogramme – in den Ferien und außerschulisch – auch um soziale Unterschiede auszugleichen. „Jede und jeder muss die Unterstützung bekommen, auf die er angewiesen ist – unabhängig vom Elternhaus“, so Schramm.

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Auch der Deutsche Lehrerverband setzt auf ein Lernförder- und Nachholprogramm, das sowohl begleitende Zusatzförderung als auch das Angebot von einem Zusatzjahr umfasst. „Das wird allerdings keine Kurzstrecke werden, das ist ein Langfristkonzept, das in Bezug auf die Begleitförderung über zwei Schuljahre laufen muss, also bis Sommer 2023″, sagt Heinz-Peter Meidinger. Der DL rechnet dafür mit Kosten von mindestens 2 Milliarden Euro.

Wiederholen gegen Bildungschaos?

Mittlerweile haben fast alle Bundesländer angekündigt, aufgrund der Pandemie Schülerinnen und Schülern ein freiwilliges Wiederholen des Schuljahres möglich zu machen, ohne dass das Jahr als zusätzliches Schuljahr später im Zeugnis auftaucht. In Niedersachsen und Sachsen soll dies nur für Abschlussklassen gelten. Schulen in Brandenburg und Hamburg prüfen erst, ob das Wiederholen die bessere Förderung für den jeweiligen Schüler darstellt. Sollte das nicht der Fall sein, kann der Schüler nicht freiwillig wiederholen.

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Von den Plänen der Bundesländer hält man bei der Bildungsgewerkschaft (GEW) nicht viel: „Viele Menschen glauben, Klassenwiederholungen wären das Gebot der Stunde“, sagt GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann, „wenn jetzt aber sehr viele Schülerinnen und Schüler wiederholen, dann bedeutet dies auch, dass man mehr Lehrkräfte braucht.“ Und das gebe der Personalstand an deutschen Schulen nicht her. „Es gibt kein Bundesland, in dem derzeit kein Lehrkräftemangel herrscht.“

Das Angebot des freiwilligen Wiederholens helfe zudem nicht der wirklich benachteiligten Gruppe. „Das ist die Mittelschicht deren Kinder das in Anspruch nehmen werden“, sagt Hoffmann. „Die, die wirklich Probleme haben, werden eher nicht erreicht.“ Zudem hätten Studien gezeigt, dass Wiederholen noch kein Garant dafür sei, dass Noten besser würden.

Hoffmann plädiert dafür, die Kinder im Regelfall in ihren Klassen zu lassen, auch um ihnen die Umstellung auf ein neues Umfeld zu ersparen. Stattdessen müsse man die Schülerinnen und Schüler nicht mit mehr Lernstoff, sondern mit pädagogischen Angeboten in und außerhalb der Schule unterstützen, um vor allem die Kinder aufzufangen, die während der Pandemie besonders gelitten hätten. „Die Politik versetzt sich nicht in die Lage der Kinder. Es hilft nicht, vermeintliche Wissenslücken jetzt schnell zu stopfen, die seelische Verfassung gehört zum Lernen dazu.“

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