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Schülerberichte über Rassismus: „Würde Hitler noch leben, wärst du tot“

  • Israels Präsident Reuven Rivlin und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchen gemeinsam eine jüdische Schule in Berlin.
  • Sie hören schockierende Berichte von Rassismus und Antisemitismus.
  • Sie empfehlen als Gegenmittel, „Menschlichkeit zu lernen”, Israel und Gedenkstätten zu besuchen.
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Berlin. Das Moses-Mendelssohn-Gymnasium in Berlin-Mitte kann sich vor Anfragen nicht retten, sagt Schulleiter Aaron Eckstaedt. Das hat die Schule mit vielen anderen Berliner Gymnasien gemeinsam. Doch die Gründe, warum Eltern ihre Kinder unbedingt in dem altehrwürdigen Bau im Scheunenviertel anmelden wollen, unterscheiden sich stark von anderen Bildungseinrichtungen.

Der Zaun um das Gelände spielt eine große Rolle. Und die Tatsache, dass am Moses-Mendelssohn-Gymnasium wirklich kein Platz für Diskriminierung und Mobbing ist. Das Gymnasium, eine staatlich anerkannte Privatschule, ist Berlins einzige jüdische Oberschule.

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441 Schüler zählt sie, knapp zwei Drittel sind jüdischen Glaubens. Vanessa gehört zu dem anderen Drittel. Am Mittwochvormittag erzählt sie dem israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, wie sie an der Schule gelandet ist.

Rivlin und Steinmeier verbringen gerade eine Gedenkwoche miteinander, man könnte es auch eine diplomatische „Bromance“ der beiden weißhaarigen Herren nennen. „Mein guter Freund und Unterstützer Israels“ nennt Rivlin den Bundespräsidenten. „Mein Freund“, antwortet Steinmeier.

Am Mittwoch werden sie zum Abschluss dieser Tage, die mit Steinmeiers jetzt schon historischer Gedenkrede in Yad Vashem begannen und sich am Montag in Auschwitz fortsetzten, beide im Bundestag sprechen.

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Zurück zu Vanessa, einer sanft sprechenden Schülerin mit wachen Augen. Vanessa ist schwarz, und an ihrer alten Schule reichte das anscheinend schon, dass eine Lehrerin zu ihr sagte: „Würde Hitler noch leben, wärst du tot.“

Vanessa wechselte ans Moses-Mendelssohn-Gymnasium, um dem Rassismus zu entkommen. Kürzlich war sie wieder an ihrer alten Schule. „Jetzt bist du Jüdin, oder was?“, hörte sie dort. „Dann wirst du erst recht brennen.“

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Rivlin ist schockiert: „Du bist ein Mensch!“ Vanessa sieht dem israelischen Präsidenten ins Gesicht und antwortet kurz: „Das verstehen die nicht.“

Am JMMG, so kürzt sich die Schule ab, verstehen sie es. „Wer selber von Diskriminierung betroffen ist, hat keine Zeit, andere zu diskriminieren“, sagt Vanessa hinterher. Sie ist nicht die einzige afrodeutsche Schülerin, die aus diesem Grund an die jüdische Schule gewechselt ist, berichtet Schulleiter Eckstaedt.

Michelle wiederum ist extra mit ihrer Familie aus Düsseldorf wieder zurück nach Berlin gezogen. Das neue jüdische Gymnasium im Rheinland gab es noch nicht, als sie mit der Grundschule fertig war, also ging Michelle auf eine staatliche Schule. „Ich habe immer eine Kette mit Davidstern getragen“, berichtet sie, „und die anderen haben mich angeschaut, als wäre ich ein Alien.“

Jüdische Schüler, zumal solche, die ihren Glauben wichtig finden, hatten die Düsseldorfer Schüler noch nie kennengelernt. Michelle wurde zwar nie angegriffen, ertrug die Außenseiterrolle aber nicht mehr. In Berlin trägt sie keinen Davidstern mehr, an ihrer Halskette hängt nun eine Chamsa, das beschützende Symbol der „Hand der Miriam“. Muslimische Jugendliche haben oft ganz ähnliche Anhänger, die „Hand der Fatima“. „Bist du muslimisch?“, wird Michelle deswegen oft gefragt. „Nein, jüdisch“, klärt sie dann auf und blickt in erstaunte Gesichter.

Reuven Rivlin (hinten links), Staatspräsident von Israel, und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (hinten Mitte) sprechen beim Besuch des jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn mit Schülern. © Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Fluchen mit dem Präsidenten

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„Wir sind alle Kinder des einen Gottes“, sagt Rivlin. „Menschen hassen, weil sie hassen wollen – und weil sie daraus politisches Kapital schlagen wollen.“ Es sind Sätze, die ebenso nach Israel gerichtet sind wie nach Deutschland.

Der Schüler David berichtet, wie wichtig es seinem russisch-jüdischen Vater war, dass er die Traditionen seiner Familie leben könne – und nicht verstecken muss, so wie sein Vater in der Sowjetunion. Rivlin zieht ihn auf: „Wie läuft der Hebräischunterricht?“ – „Geht so“, antwortet David. „Kannst du auf Hebräisch fluchen?“, will der Präsident wissen. „Etwas“, sagt David nur.

Die Unterrichtsstunde „Fluchen mit dem Präsidenten“ muss dann für einige erinnerungspolitische Nachrichten ausfallen. Steinmeier und Rivlin forderten Jugendliche dazu auf, Israel, die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und ehemalige Konzentrationslager zu besuchen. „Das ist aus meiner Sicht eine notwendige Ergänzung zu Information und zum Schulunterricht“, sagte Steinmeier.

Eigene Erfahrungen seien wichtig, da „soziale Medien in Konkurrenz zum Unterricht stehen“. Soziale Medien, in denen gehetzt und geleugnet wird, wie auch Steinmeier es auf seiner Facebook-Seite nach der Yad-Vashem-Rede feststellen musste. Von AfD-Abgeordneten und rechten Accounts wurde er angegangen, weil er seine Gedenkrede auf Englisch hielt. Steinmeier erklärte erneut, dass das aus Rücksicht auf Holocaust-Überlebende geschehen sei, die eine deutsche Rede in Yad Vashem unpassend gefunden hätten.

„Ich habe ihn nicht gebeten, kein Deutsch zu sprechen“, stellte Rivlin klar.

Gute Freunde müssen solche Bitten auch nicht aussprechen.

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