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Wo Schwarze noch heute Angst haben: “Sundown Towns” in den USA

  • Sie wurden einst “Sonnenuntergang-Städte” genannt - Orte in den USA, in denen sich Schwarze nach Anbruch der Dunkelheit nicht blicken lassen durften.
  • Auch heute gibt es noch US-Städte, die von vielen Schwarzen gemieden werden.
  • Besuch in einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA.
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Vienna. Fragt man die Einwohner in der kleinen verstaubten US-Stadt, sagen fast alle, dass Schwarze und Weiße gut miteinander auskämen. “Die Ethnie ist hier kein großes Problem”, antwortet etwa Ruheständler Bill Stevens, ein weißer ehemaliger Gefängniswärter. “War es hier wirklich auch nie.”

Was die wenigen schwarzen Einwohner anders sehen. "Es ist hier manchmal merkwürdig und unheimlich", sagt Nicholas Lewis, ein nicht berufstätiger Vater, der daheim seine Kinder betreut. "Jedes Mal, wenn ich hier herumlaufe, richten sich die Augen auf mich."

Die meisten weißen Einwohner erkennen kein Problem

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Hier - das ist Vienna im Bundesstaat Illinois im mittleren Westen der USA, eine von Hunderten, vielleicht sogar Tausenden überwiegend weißen Städten im Land, die "sundown towns" genannt wurden, übersetzt "Sonnenuntergang-Städte". Schwarze konnten hier tagsüber durchreisen, aber mussten früher bei Anbruch der Dunkelheit verschwunden sein. Wer sich nicht daran hielt, riskierte es, festgenommen oder zusammengeschlagen zu werden - wenn nicht sogar noch Schlimmeres.

Einige dieser alten Städte arbeiten nun ihre Geschichte auf, leugnen nicht, dass es derartige rassistische Gesetze gab, und in manchen finden Demonstrationen gegen rassistische Diskriminierungen statt. In einer Reihe der Orte ist die Einwohnerschaft integriert. Aber in vielen anderen sind schwarze Minderheiten immer noch kalten Blicken von manchen Mitbürgern ausgesetzt, die keinen Hehl aus ihrer Abneigung machen.

Im südlichen Illinois gab es mindestens ein halbes Dutzend "sundown towns", die in manchen Teilen der USA auch "grey towns" (graue Städte) oder "sunset towns" (sunset heißt übersetzt ebenfalls Sonnenuntergang) genannt wurden. Sehr oft - besonders, wenn es sich um wohlhabende Vorstädte handelte - trugen sie aber auch keinen solchen Namen, weil sie nicht als rassistisch bekannt sein wollten. Dennoch hielten sie schwarze Leute fern.

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Noch heute meiden viele Schwarze Städte wie Vienna

In Orten, die immer noch als "sundown towns" gesehen werden, folgen viele Schwarze jetzt ihre eigenen Regeln: Meide sie, wann immer du es kannst, verriegele deine Autotüren, wenn du durch die Stadt fahren musst. Und wenn du Benzin brauchst, dann halte nach einer gut beleuchteten Tankstelle mit Sicherheitskameras Ausschau.

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So ist es in Vienna. "Jedes Mal, wenn du in die Stadt kommst oder du eine Tankstelle oder einen Laden aufsuchst, starren dich Leute an", sagt die 17-jährige Victoria Vaughn, die einen schwarzen und einen weißen Elternteil hat und seit Jahren nach Vienna kommt, um ihre weißen Großeltern zu besuchen. "Niemand hat jemals etwas (Rassistisches) zu mir gesagt, aber ich habe ganz klar gespürt, wie sie über mich denken."

Proteste gegen Rassismus

Neulich hat Vaughn in Vienna an einer Kundgebung gegen Rassismus teilgenommen - organisiert, nachdem eine Gruppe von High-School-Schülern in sozialen Medien ein Konto mit den Worten “hasse schwarze Leute” im Titel geschaffen hatten. Neben Vaughn und ihrer Großmutter kamen etwa 50 andere Protestler und dazu 25 Gegendemonstranten. Anfangs ging alles gut, beide Seiten sprachen ruhig miteinander. Aber nicht lange. “Das ist doch Mist!” schrie ein älterer weißer Mann Vaughn an, als sie sagte, Schwarze würden nicht gleichberechtigt behandelt.

Die 17-Jährige glaubt, dass viele weiße Einwohner die Problematik vielleicht nicht erkennen, weil sie heute weitaus subtiler sei als früher. "Wenn du nicht selber in einem schwarzen oder braunen Körper steckst, wirst du es nicht verstehen", sagt sie. "Du musst jemanden kennen, der es erlebt hat, oder es selbst erlebt haben."

Als ein Pogrom die Schwarzen vertrieb

1954 wurde in Vienna der schwarze Einwohner Thomas Lee Latham beschuldigt, eine ältere weiße Frau mit einer Flasche zusammengeschlagen und versucht zu haben, ihre Enkelin zu vergewaltigen. Ein paar Wochen nach seiner Festnahme flüchtete der 31-Jährige aus dem Gefängnis. Danach brannten Dutzende bewaffnete Männer die Siedlungen der schwarzen Gemeinde in der Stadt nieder.

1950 lebten laut einer Volkszählung 54 Schwarze in Vienna. 2000 war es nur noch einer, und 2010 waren es 16 von insgesamt 1434 Einwohnern. Das Ergebnis der diesjährigen Volkszählung liegt noch nicht vor.

In den Augen von Stevens, dem ehemaligen Gefängniswärter, wird dem Thema Rassismus zu viel Aufmerksamkeit gewidmet. Er meint damit vor allem die Menschen, die dieses Jahr gegen ethnische Ungerechtigkeit auf die Straße gegangen sind. "Wir haben ein gutes Land, wirklich, und ich glaube, dass es wahrscheinlich etwas Rassismus gibt", sagt er. "Aber ich versuche, kein Rassist zu sein. Ich glaube, sie reagieren ein bisschen über."

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Junge Schwarze denken ans Wegziehen

Maribeth Harris lebt mit ihrer erweiterten Familie ein paar Straßenblöcke von dem Ort entfernt, wo es einst die schwarze Gemeinde gab. Vier ihrer Enkel sind ethnisch gemischt. Es gab eine Zeit, da wurde eines der Kinder von einem Mitschüler als "verbrannter Toast" geschmäht. Und eine ältere Frau sprach von "verdammten Halbblütern", als sie bei einer kirchlichen Veranstaltung an der Familie vorbeiging. Dann war da der Tag, als eines der Enkelkinder - damals zehn Jahre alt - nach Hause kam und fragte: "Oma, warum muss ich schwarz sein?"

Harris' ältester Enkel ist mittlerweile fast ein Jugendlicher, und sie denkt daran, bald wegzuziehen, bevor sie sich um Dinge wie Konfrontationen mit der Polizei sorgen muss. "Wir wollen hier weg", sagt sie. "Wir müssen herausfinden, was gut für sie ist. Und Vienna wird nicht gut für sie sein."

RND/AP

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