Lockdown im letzten Moment: Mehr Mut zur Wahrheit, bitte!

  • Nach Wochen des Zauderns trauen sich die Länderchefs und -chefinnen, harte Maßnahmen um den Jahreswechsel zu beschließen.
  • Wie lange die Einschränkungen dauern, traut sich niemand mehr zu sagen.
  • Es ist höchste Zeit für mehr Ehrlichkeit beim Überbringen schlechter Nachrichten, kommentiert RND-Reporter Jan Sternberg.
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Berlin. Werden wir nächstes Jahr wieder unbeschwert Ostern feiern können? Politikerinnen und Politiker sind gut beraten, auf diese Frage nicht zu antworten. Das Coronavirus bestraft alle Prognosen, alle Versprechungen, alle losen Sätze. Niemand weiß, wie lange es uns noch begleitet, bevor wir, bevor besonders die Gefährdeten unter uns, ausreichend geschützt sind.

Corona bestraft Sätze wie diese: „Mit dem Wissen heute, das kann ich Ihnen sagen, müssen keine Friseure mehr schließen und kein Einzelhandel mehr schließen. Das wird nicht noch mal passieren.“ Gesundheitsminister Jens Spahn hat sie gesagt, am 1. September, da sammelte die zweite Welle gerade Kraft und baute sich bald danach auf. Am dritten Advent nun handelten die Kanzlerin und die Chefinnen und Chefs der Bundesländer. Einzelhandel und Friseure schließen ab Mittwoch, mindestens bis zum 10. Januar.

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Merkel verkündet härteren Lockdown
2:16 min
Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Länder kündigen Ladenschließungen bis auf den Lebensmittelhandel ab Mittwoch an.  © Reuters
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Corona bestraft Ausreden wie diese: „Wir haben das Virus unterschätzt – alle miteinander.“ Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat sie gebraucht, um davon abzulenken, dass sein Bundesland durch Zaudern, Zögern und Verharmlosen zum Treiber der zweiten Welle wurde. Kretschmer hatte versucht, sich an die Corona-Verharmloser anzubiedern. Die Sachsen hatten gehofft, nach glimpflich überstandener erster Welle auch das zweite Mal ungeschoren davonzukommen. Doch die Mischung aus Unterschätzen und Laufenlassen war besonders toxisch.

Am 3. Advent handelten die Verantwortlichen. Voraus ging eine flehende Rede der Kanzlerin im Bundestag – und ein Umdenken in einer ganze Reihe von Staatskanzleien. Kurz vor knapp geht das Land nun also in die Weihnachtszwangsruhe, schließt Läden und Schulen im letzten Moment, um ein Superspreader-Jahresende zu verhindern. Es war eine notwendige Entscheidung, und es war eine Entscheidung, die sehr spät kommt.

Seit sechs Wochen befindet sich die Republik im Teil-Lockdown. Kultur und Freizeit wurden geopfert, doch kaum jemand glaubte am Ende noch ernsthaft daran, dass der „Lockdown light“ im November tatsächlich zum Wellenbrecher werden würde. Die Zahlen verharrten auf hohem Niveau, die Mobilität in Deutschland befindet sich an Wochentagen im Dezember auf dem Niveau des Vorjahres. Doch die Regierenden vor allem in den Ländern waren allzu lange nicht bereit, sich einzugestehen, dass sie die zweite Welle unterschätzt hatten.

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Der Versuch, die Nacht zu opfern, um die Wirtschaft und den Tag zu retten, ging fehl. „Lockdown light“ ist das Gegenstück zu „ein bisschen schwanger“.

In der Pressekonferenz am Sonntag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller hagelte es Selbstkritik – allerdings ohne Adressaten. In einer Runde mit 17 Chefinnen und Chefs sind immer alle und keine Schuld.

Nun sagt Söder, die Maßnahmen würden aufrecht erhalten, „so lange es dauert“. Das ist ein kleiner, aber zu kleiner Fortschritt beim ehrlichen Überbringen schlechter Nachrichten. Gewerbetreibende, Schüler, Eltern können deshalb trotzdem nicht planen, wie der Januar aussehen wird. Aber immerhin wissen sie es.

Wenn sie in der Winterlangeweile mit den Kleinsten die Zeichentrickserie „Peppa Wutz“ gucken, werden sie Herrn Bulle begegnen, dem Bauarbeiter, der ein bisschen aussieht wie Söder: „Es dauert genau so lange, wie es dauert“, brüllt er, wenn er eine Straße sperrt. Politik im Winter 2020/21 ist die Einsicht, Herr Bulle sein zu müssen.

Das Jahresende wird still und sorgenvoll. Das war nicht zu verhindern. Aber wenn wir uns von 2021 etwas wünschen könnten, wäre es etwas mehr Vorausschau und Ehrlichkeit.

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